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[OBF-420402-001-01]
Briefkorpus

Gründonnerstag, den 2. April 1942

Herzallerliebste mein! Mein über alles geliebtes Weib! Meine liebe, liebste [Hilde]!

Du! Herzelein! Ein Versprechen möchte ich Dir zuerst abnehmen heute, eine Bitte Dir vortragen: Wenn nun noch mehr hausgehalten werden muß in Kost, Kräften und Gesundheit, bitte richte es so ein, daß das Waschfest nicht in die bösen Tage fällt – und wenn der Tag wieder einmal so heiß war wie der verflossene Freitag, daß Du mir dann nur einen kurzen Gruß schreibst und Dich dann schnell, schnell auf Dein Lager schre streckst – Du liebes, gutes Rehlein, Herzblümelein! – und Du sollst daher daran denken, daß Dein Mannerli selber Dich ins Bettlein bringt, Dich ganz, ganz lieb zudeckt – Dich lieb streichelt, bis Du fein hinüberschlummerst in das Land der Träume. Oh Du! Geliebtes Weib! Ich möchte Dir heute sagen und verständlich machen, daß ich Dich nun noch viel fester halte, viel inniger noch umschlinge und lieber einhülle in meine Liebe, einschließe in mein Gebet – nun, da dieser Krieg sein ernstes Gesicht zeigt.

Oh Herzelein! Welch böser Tag liegt hinter Dir! Und nun hast Du mir auch noch solch langen Brief geschrieben am Abend. Weißt Du es denn, daß ich Dich auch ganz liebhabe, wenn Du mir nur ein paar Worte schreibst an solchen Tagen? Du!!!!! Aber – es drängte Dich auch wohl, Dich mir mitzuteilen, geliebtes Weib! Nun hast Du wenigstens schönes Wetter gehabt und die liebe Mutsch dabei als Helferin und den lieben Pappsch als Botengänger. Sind manchmal doch drei noch zu wenig für einen Haushalt. Ach Herzelein! Weißt Du, wie gern ich Dir geholfen hätte? Du! Du!!! Ja, gern, richtig gern. Das Mannerli wäre schon auf seine Kosten gekommen, das böse, eigennützige. Hätte sich manch liebes Kussel gestohlen und hätte der Waschfrau manch liebes Auge gedreht – sind doch so feine Verstecke, wenn die Wäsche auf der Leine hängt! Na und wie steht es mit dem Eigennutz meines lieben Frauchens? –  Ach, ein klein bissel hab ich doch gesehen, so schmeichle ich mir, in Gedanken, gelt? Ach, wer wird das zugeben, Du liebes, herziges Weiberl! Hast Dich ja schon längst verraten!

Gut, daß Du am Abend zuvor noch einmal fein geschmaust hast – der letzte Schmaus in diesem Kriege Herzelein! Es beschäftigt mich schon eine ganze Weile, wie man euch daheim immer knapper hält. In unseren Zeitungen steht es zu lesen und die vom Urlaub zurückkehren berichten davon. Ich wundre mich kaum, und wenn dieser Krieg noch länger dauert, wird das noch nicht die letzte Kürzung sein. Ich wundre mich auch nicht über die offene Aussprache des Propagandaministers dazu. Oh, daß Ihr mir gesund bleibt, dann werdet Ihr es aushalten!!! Ich würde so gern neben Dir stehen, um mit Dir alles zu tragen! Und wir hier in der Ferne wüßten viel lieber, daß Ihr daheim von allem reichlich habt. Herzelein! Es ist in mir eine Ahnung gewesen, daß die Zeiten noch böser kommen. Und darum bin ich so dankbar, daß wir dazu jetzt nicht noch die Sorge um ein Kindlein tragen müssen.

Und auch von der anderen Sorge hören wir hier: neue Verpflichtungen, härtere Eingriffe in die Wirtschaft, in den Einsatz der Arbeitskräfte. Der Krieg wird ernst, das kann keiner mehr übersehen, wird ernster denn je. Es geht um Sein oder Nichtsein. Dieser Krieg ist Schicksal geworden!

Oh Herzelein! Geliebte! Meine [Hilde]! Wir kennen den Herrn dieses Schicksals – sein Spruch erfüllt sich – und niemand kann es hindern! Und wie wird dieser Spruch heißen? – Oh! Sei Gott uns gnädig und unserem Volke!

Und wir wissen, Geliebte: der Herr dieses Völkerschicksals ist der Herr auch unseres kleinen persönlichen Geschicks. Wir glauben es, und glauben, daß Gott Gedanken des Friedens hat mit den Menschen, die ihn suchen und lieben.

Oh Geliebte! Wir stehen vor ihm, ein Paar, ein liebend Paar – wir lassen ihn nicht, er segne uns denn! Und zu Dir stehe ich, Geliebte, lieber und fester denn je, voll heißer, inniger, gläubiger Liebe!

Recht froh machen wolltest Du mich? Oh Du, Geliebte, Du kannst mich nicht froher machen als mit der Bitte, daß, ich Dich festhalten soll, ganz festhalten! Glücklich macht es mich, Dir meine Liebe zu bewähren! „Wohin werden wir noch geraten mit unsrer Zeit? Oh, hätten wir der Liebe nicht, unsere Liebe!“ Oh Geliebte! So wie ich Dich halten soll und darf, so weiß ich mich von Dir gehalten, ganz festgehalten aus unendlicher, guter Liebe! Glaube und Liebe – sie bleiben ewig – die wollen wir halten und bewahren, ihnen wollen wir unsre Herzen weit offenhalten! Wir haben sie erkannt – haben erkannt, was not tut in diesen Tagen – wir sind bereit, sind recht bereitet: Gott halte uns! Er sei uns gnädig! Er erhalte uns unsre Liebe!

Oh Geliebte! Ich habe Dich sooo lieb! Ich lasse Dich nimmermehr. Ich will Dich sooo festhalten mit meiner Liebe!!!

Herzelein! Gründonnerstag ist heute. Ich hätte Dich doch auch so gern erfreut mit einem Geschenk, mit ein paar Blumen, und etwas Süßem zum Naschen – wir müssen es einander aufheben! Morgen ist nun doch Sonntagsdienst. Abends werde ich den Gottesdienst besuchen. Beim Zahnarzt war ich heute. Hat mir die vorderen Beißer in Ordnung gebracht. Auf dem Wege zu ihm folgende Szene: aus der Tür eines Hauses stürzt eine Frau, ganz aufgeregt – gefolgt von den Kindern, stürzend auch, mit roten Köpfen – sie rennen hintereinander her um die Wette, wohin wohl? – Bis um die nächste Straßenecke. Da liegt auf dem Pflaster der Kuchen – den der große Bub zum Bäcker tragen sollte. Ein Unglück in dieser mageren Zeit. – Heute erscheint ein Befehl: „Deutsche Schule in Saloniki“. Zur Wiederaufnahme des Unterrichts sollen sich geeignete Heeresangehörige melden, Volksschullehrer, Studienräte usw., die den Unterricht übernehmen wollen, soweit es ihre Dienstzeit erlaubt.

Also nebenbei Schule halten – kommt nicht in Frage. – Seit einigen Tagen ist die Bahnverbindung Saloniki – Athen wiederhergestellt. Sag, war denn Herr L. noch nicht in Urlaub? –

So Herzelein, liebes, das war, was ich Dir noch erzählen wollte. Oh Herzelein! Ich bin auch müde heute. Muß ein paar Stunden Schlaf nachholen.

Du! Mit Dir bin ich innerlich so ruhig, so froh, so zuversichtlich! Und im tiefsten Herzen glücklich oh Du, ganz glücklich! Du, mein Leben! Mein Leben!!! Oh Du! Sooo dankbar bin ich Dir für Deine Liebe – soooviel Sehnsucht ist in mir, Dir meinen Dank zu bringen und Dich sooo lieb zu haben, Du! Du!!! – Wozu ich Dich zähle? – dazu, wohin sich auch das Mannerli rechnet – ist's so recht Herzelein? – Zur ausgelassenen Jugend? Nein. Wie könnten wir in dieser Zeit? – Oh Geliebte! Eins sind wir! Unsre Herzen ein Schlag, ein Leben – so jung, und gläubig, in heißer Liebe innig verschmolzen! Eins sind wir!

Und bei Dir bin ich immer mit meinem Herzen – ich halte Dich fest mit der ganzen Kraft meiner Liebe – ich bete für Dich! – Ich liebe Dich! Ich küsse Dich herzinnig – Du! Du! Du! Du! Du!!!!! !!!!! !!! Mein liebes, einziges Weib! Holde, Geliebte mein! Meine [Hilde]!

Meine liebe [Hilde]!

Ewig Dein [Roland]

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Kommentare

Rosemarie/Verena

So., 01.02.2026 - 04:50

R. ordnet Schonung an in den bösen Tagen; Kuchen auf dem Straßenpflaster; magere Kost; Deutsche Schule in Saloniki sucht Lehrer.

Einordnung
Ausschnitt aus dem Brief.

Ba-OBF K02.Pf1.420402-001-01a.jpg. Ausschnitt aus dem Brief.

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Autor Roland Nordhoff
Korrespondenz Oberfrohna
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Über den Autor

Roland Nordhoff

Foto von Roland Nordhoff. Nahaufnahme, Person sitzend in einem Fensterrahmen.
Ba-OBF K01.Ff2_.A39, Roland Nordhoff, 1940, wahrscheinlich Bülk, Fotograf unbekannt, Ausschnitt.

 

Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt

Über die Korrespondenz

Oberfrohna

Fotografie des Brautpaars Nordhoff am Tag ihrer Hochzeit vor dem Portal der Kirche.

Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946