Ostersonnabend, d. 4. April 1942
Mein liebes, teures Herz! Geliebte, Herzallerliebste mein!
Vorabend des Festes. Am Nachmittage heute ertappte ich mich doch beim Singen. Ein Singen war in mir, weiß nicht, wie es begonnen und wer es angestimmt. Und nun wurde es mir bewußt und ganz deutlich! Ihr Lieben daheim, alle dachtet mein, und am innigsten Du, holdes Schätzelein! Und nun kamen über mich die Gedanken an daheim, Gedanken der Sehnsucht und Liebe, wie immer am meisten vor den hohen Festen. Wie sehne ich mich heute nach einer guten Musik, die alles mitnimmt und d emporschwingen läßt.
Um 5 Uhr fuhr ich zum Abendessen, und heimwärts bin ich mit den Kameraden durch die Straßen gebummelt. Feststimmung allenthalben. Und man spürt sie ist gedämpft, ihre Wogen schlagen weit höher noch im Frieden. Man ergeht sich, führt die schönsten Kleider, Mäntel und Hüte aus (übrigens ist der Putz bescheiden gegenüber dem Friedensputz in Oberfrohna!), man hat mit Farbe nicht gegeizt, viele M Frauen und Mädchen sieht man mit Blumen, einer Art Narzissen zumeist, geschmückt oder in der Hand, Männer, die einen Strauß nach Hause tragen. Das ist wohl ein schöner Brauch. Und am liebsten hätte ich doch auch solch prächtigen Frühlingsstrauß erstanden und eilend mich aufgemacht, ihn Dir zu bringen, Geliebte! Ostern! Bei Dir! In unserem Heim! Oh Herzelein, meine liebe, liebe [Hilde]! Ich muß so lieb, sooo lieb Dein denken!!!
Nun sitze ich vor meinem Bogen. Allein bin ich, still ist es im Hause. Kamerad H. ging ins Kino. Kamerad K. ging ohne Gruß und Angabe seines Vorhabens. Weil er ein wenig auf uns warten mußte nach dem Essen, wurde er schon brummig und aufgebracht, Kamerad H. sagte darauf ein deutliches Wort – mich ging das alles nicht an – und schon war er eingeschnappt. Redet nicht, geht laut um und knallt die Türen. Der Kamerad K. ist kein verträglicher Mensch. Er sagt auch selber, daß er schon viel Krach gehabt hat in seinem Leben. Er ist empfindlich und wundert sich, wenn andre die gleiche Empfindlichkeit zeigen. Er will austeilen, aber nichts einstecken. Spaß mit seiner Person versteht er nicht. Na, wir richten uns danach。
So bin ich wieder allein, wie ich mir es wünsche. Zum Ausgehen habe ich auch nicht die mindeste Lust, außerdem bin ich heut nacht wieder Läufer.
Ach Herzelein! Am liebsten komme ich doch jeden Abend zu Dir. Die anderen schreiben in der Mittagspause. Da ist es mir zu hell, zu gedrängt, da sind die Gedanken noch zu sehr bei des Tages Geschäften. Feierabend bei Dir, so ist es mir am liebsten.
Herzelein! Die Worte wollen sich heute Abend gar nicht recht finden – viel lieber möchte ich bei Dir sein!
Ich bin nicht traurig. Ich freue mich auf den morgenden Feiertag. Zum Gottesdienst will ich gehen, damit es Festtag wird. Und dann, zum Mittagessen, hoffe ich auf Deine lieben Boten. Gestern und heute blie[be]n sie aus.
Ach Du! Und dann ist Feiertag, ist auch die Sonne in meinem Herzen, die Sonne Deiner, unsrer Liebe.
Oh Herzelein! Wie verlange ich nach dieser Sonne! Wie kannst Du mich frohmachen und beglücken!!!
Für die Feiertage habe ich sonst gar kein Programm. Nur zwei Plätze sind schon bestellt und reserviert: für Dich, Geliebte! Und daß sie freibleiben, darüber wache ich eifersüchtig.
Das Festwetter? Die Aussichten haben sich heute verschlechtert. Die Sonne war den ganzen Tag schon halb umschleiert, und am Abend zog im Westen Gewölk auf, es deutet auf Regen. Es wäre schade.
Herzelein! Nun ist wieder Nacht, Osternacht. Du ruhst in Deinem Bettlein – ich sitze im Nachtstübchen bis 3 Uhr morgens. Oh Geliebte! Nur, daß Du darüber Dich freuen sollst, sage ich es: Ich sehne mich so nach Deiner Nähe! Oh Herzelein! Nach dem Reichtum, nach der Liebe Deiner Nähe. Nach der Geborgenheit des Verstandenseins. Sehne mich, Dir alle Liebe und Zärtlichkeit zu erweisen. Oh Du! Du!!!
Ob Du denn wieder ganz gesund bist? Du hast Dich übernommen am Freitag! Oh Herzelein! Wie schmerzt es mich doch manchmal, daß ich nicht kommen kann, Dir zu helfen und beizustehen, nicht nur mit Worten, Gedanken – mit der Tat! Daß ich Dich muß so allein gehen lassen – oh Du! Du!!! Daß Du Dein Liebstes nicht bei Dir haben kannst! Ach, ich bin immer bei Dir, und Du weißt und fühlst es. So wie Dein Mannerli kannst auch Du diese Welt, dieses Leben nur noch sehen mit dem Herzen, mit den Augen des Geliebten. Und dieses Nahesein, dieses Einssein mit dem Geliebten ist wohl viel mehr als alles körperliche Umeinandersein. Es können zwei einander ganz nahe sein – wenn die Herzen nicht zusammenstimmen, haben sie einander nicht lieb.
Oh Herzelein! Geliebtes Herz! Wenn wir die Gewißheit nicht hätten des Einklangs unsrer Herzen, dann müßten wir wohl bangen um unsre Liebe. Sie ist noch kaum sichtbar, uns verbindet noch kein Heim, kein Kindlein – Umstände, die Liebende doch fester aneinanderketten, die auch eine schwache Liebe festigen können. Oh Geliebte! Geliebte!!! Du bist so gesinnt wie ich: Unsre Liebe bedarf nicht äußerer Umstände, bedarf nicht vieler Aufpasser und Zeugen – sie glüht in uns, und tausend Bande, stärker als äußere Umstände, sind von meinem Herzen zu dem Deinem! Heilig ist uns diese Liebe! Und heilig sind uns all die feinen, weniger sichtbaren Zeichen – unsrer Liebe gilt alles gleich: unser Wort, unser Blick, unser Ringlein, unser Vertrauen – das Heim, das Kindlein – sie sind Pfande unsrer Liebe, eines so lieb und wichtig wie das andere. Oh Herzelein! Wir gaben einander ganz zu Eigen, zu Ureigen, zum erstenmal und einzigenmal in diesem Leben! Wir können anders nicht lieben. Ganz herzinnig weiß ich mich Dir darin verbunden. Und dieses heiße, innige Lieben ist unser Geheimnis – oh Herzelein, wir stehen ganz lieb zusammen, allein, und halten es in den Schalen unsrer Hände: selig, zärtlichlieb [sic], im tiefsten beglückt – Glücksquell, unser Schatz! Kein Mensch, nicht äußere Umstände können ihn [u]ns rauben. Oh Geliebte! Dein Vertrauen, Dein Herz, meine Liebe zu Dir – wer wollte sie mir entreißen?
Oh Herzelein! Und wir werden uns auch nicht auseinanderleben. Oh Du! Dein sind meine liebsten, besten Gedanken; Dich muß ich täglich suchen, Zwiesprache halten mit Dir, sichtbar oder nicht; einsam war ich viele Jahre – und nun bin ich nur noch Dein, ganz Dein, Geliebte! Oh gar nimmer einsam, wieviel Glück! Und Du bist mein! Ganz mein! Ich weiß es – Du behältst mich lieb, Du bewahrst unsre Liebe – sie ist Dein Leben, wie sie das meine ist! Und diese Liebe wird den Weg finden von Herz zu Herzen, und sei es noch so weit. Sie wird uns ganz lieb vereint erhalten, daß niemand sich zwischen uns drängen kann. Sie wird alle Not überwinden und alle Versuchung weit von sich weisen. Oh Herzelein! Wo sollte ich solche Liebe wiederfinden? Ein zweites Ja, ein falsches? – nie! Wer wollte mir Dein Ringlein vom Finger streifen, das heilige Pfand? – versinken wollte ich vor Gram und Reue und Schande! Wer mir Dein Bild aus meinem Herzen reißen [sic]? – unmöglich, es bräche denn entzwei! Oh Du! Ich liebe Dich! Ich halte Dich sooo fest! Und wenn sie mich noch so schmerzte – ich liebe Dich! Oh helfe mir Gott allzeit zu solchem Lieben, zu solcher Treue! Bewahre er uns, bewahre er Dich vor solchen Schmerzen.[unklar]
Oh Herzelein! Ein Menschenkind um sein Liebstes betrügen – es wäre mir ein Fluch, der mich bis in den Tod verfolgte, der mich hetzte und elend machte für dieses Leben. Und Dich? – Geliebtes Wesen! Holdes, geliebtes Weib, an das ich mich ganz verloren habe – oh Herzelein, Du! Du!! Weißt Du es, spürst Du es, daß ich nur gut sein kann zu Dir, daß ich Dich sooo liebhaben muß – daß ich Dich gar nicht betrüben mag – Du liebes, herziges Schätzelein, mein Reichtum, Du?!!! Oh Du! Welch reiches Glück ist mir Deine Liebe, welch großes Geschenk! Daß Du mich liebst! Daß Du mir Deine Liebe schenkst! Daß Du mir Dich zu Eigen gibst! Oh Herzelein, ich möchte es hinausjubeln, wie glücklich Du mich machst! Oh Du! Ich kann mir gar nicht denken, daß ich ein anderes Menschenkind liebhaben könnte, daß ich auch nur eines von den Banden unsrer Liebe lösen könnte, daß ich auch nur einen Zug Deines Wesens, einen Strahl Deiner Liebe missen könnte – oh Du! Du!!! Ich liebe Dich so sehr!!!!! !!!!! !!! So ganz ausschließlich ist meine Liebe auf Dich gerichtet – mit Leib und Seele bin ich Dir verbunden, Dein glückliches Mannerli!
Und Du bist es mir. Es kann nicht anders sein. Du hast mich lieb! Sooo lieb wie ich Dich! Du bist so glücklich, wie ich es bin! Erfüllung, reichstes Glück, Gottesgeschenk ist auch Dir unsre Liebe.
Oh Geliebte! Laß uns danken! Laß uns demütig werden ob solcher Gnade! Gott erhalte uns dieses Glück!
Und nun leb wohl! Ich will jetzt schlafen gehen. Gleich werde ich abgelöst. Oh Herzelein! Du weißt mich im Innersten froh und glücklich allezeit, Sonne Deiner Liebe ist in meinem Herzen. Ich will Dir heimkehren! Mein Leben um das Deine zu schließen! Dich zu lieben und mit Dir zu leben!
Gott segne Dieses Wollen! Er behüte Dich auf allen Wegen! Bleibe froh und gesund! Ich bin Dir immer ganz nahe, Herzensschatz! Ich küsse Dich herzinnig!
Ich liebe Dich! Bin ganz Dein!
Ewig Dein [Roland]!
Und wenn ich jetzt ins Bettlein komme, so spät, läßt Du mich dann ein? Ganz lieb und still will ich doch sein – oh Du! Ich glaube, ich müßte Dein Mündlein küssen – und müßte mein Herzelein suchen – und Dich ganz liebhaben! Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!!
Roland Nordhoff
Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Stichworte zum Inhalt
Liebe und Treue beschwören im Angesicht der Kriegs-Umstände und der damit verbundenen Gefahr des Auseinanderbrechens; „Osternachtwache“.