
57.
Mittwoch, am 8. April 1942.
Herzallerliebster! Mein lieber, guter [Roland], Du!!!
Ach Du!! Nun kann ich endlich zu Dir kommen, Du! Hab doch schon so lang darauf gewartet, Herzelein! Heute, bei schönem Wetter, hatte ich doch meinen beiden Cousinchen versprochen mit ihnen auszugehen. Und wirklich brach der Morgen strahlend schön an, es war verabredet, daß Hannelore und Christa von ihrer Mutti um ½ 11 [Uhr] in den Omnibus gesteckt wurden und ich wollte sie bei Café Brumm abholen. So habe ich nun morgens alles schön fertig gemacht, auch das Mittagessen schon bis um 1100. Nach Chemnitz zur Tante Herta sind wir gefahren mit dem 12 Uhr Zug. Wir sollten mal sehen, ob Onkel Herbert nun fort ist zum Militär. Und da habe ich gleich unsrer Mutsch ein Geburtstagsgeschenk gekauft. 3 Spitzendecken auf ihre Kredenz; weißt so kleine Zierdeckchen, die hatte sie sich gewünscht. Es gibt ja so wenig in der Stadt, mit Mühe habe ich ihren Wunsch erfüllen können. Im Café Michaelis aßen wir ein Stück Torte und saßen so lang, bis die Geschäfte wieder geöffnet wurden um 1400. Anschließend fuhren wir heraus nach Gablenz.
Tante freute sich sehr, sie war wirklich allein. Onkel mußte sich gestern in einem Lokal in der Stadt einfinden. Tante weiß noch nichts über seinen Verbleib. Und er hat ihr weisgemacht, daß er in 10 Tagen wieder da ist! Das glaube ich im ganzen Leben nicht, den lassen sie nicht wieder los.
Er hat es sicher nur zu seiner Frau gesagt, weil sie so fassungslos ist wenn er fortmuß. Ich finde es komisch von Tante, daß sie sich so verzweifelt anstellt, sie ist doch sonst nicht zimperlich und ist ein M[en]sch, der mit beiden Beinen auf der Erde steht.
Und damit müßte sie sich in unsrer Zeit längst abgefunden haben, daß eines Tages auch ihr Mann noch Soldat wird; zumal dann, wo er schon vollständig ausgebildet ist.
Ja, nun lebt sie in dem Wahn, daß er nächste Woche schon wieder da ist. Sie ließ auch keinen Einwand von mir gelten! Sie glaubt eben daran.
Sie tut mir leid, sie wird sicher eine Enttäuschung erleben.
Ach Herzelein! Vier Kinder waren beisammen, da ging es lustig zu! Aber bald machte ich mich wieder auf den Weg, ich wollte um 1822 heimfahren. Die Sonne schien noch als wir glücklich in Oberfrohna landeten und was sah ich? Der Verwundetenzug hielt schon da! Schon leer ziemlich, ich habe keine Helferinnen gesehen. Weiß auch nicht, ob man mich benachrichtigt hat, Mutter hat nichts gehört. Der Zug war schon für die Osterfeiertage angemeldet. Weil unser Papa Nachtdienst hat, bleiben die Kinder gleich bei uns über Nacht. Morgen kommt uns die Tante Martel besuchen und nimmt sie wieder mit heim. Am Freitag fahren sie zurück nach Glauchau, weil Lorchen Montag zur Schule muß.
Die Geister schlafen nun, es ist 9 Uhr vorbei und ich kann doch nicht eher einschlafen, als bis ich Dein gedacht habe, Du mein lieber guter Herzensschatz! Heute habe ich ja von Dir wieder soo reiche Liebe erfahren!! Ach Du!!!!!!!!!! Mein Herzelein! Du bist ja sooo gut! Du!!!
3 Päckchen sind gekommen!! Ich bin doch ganz aus dem Häusel vor Freude! Ach Du!!! Du!!!!! Herzelein! Wenn Du heute bei mir gewesen wärst, ach — ich hätte Dich ja ganz totgedrückt vor Freude und aus Liebe und aus Dankbarkeit!! Du!!! Du!! Die herrlichen wunderschönen Schuhe!! Du!! Die sind mein! Oja — die sind für mich! Ich bin ganz entzückt! Ein herrliches Modell. Und passen, wie für mich geschaffen! Fein! Die Mutsch mußte sie sehen! Sie findet sie einzig! Du hast mir eine ganz, ganz große Freude damit gemacht, Herzelein! Die Mutsch kann sie nicht tragen, weil sie zu jugendlich wirken für sie. Nun bin ich nur neugierig auf die anderen Schuhe! Du hast es mir geschrieben, aber hast sie mir nicht beschrieben! Und Mutter zeigt sie mir nicht vorm Geburtstag! Nun habe ich mich doch schon Hals über Kopf in die schönen schwarzen Schuhe verliebt — die anderen? Ob sie mich [sic] nun noch gefallen? Aber mein anspruchsvolles Mannerli, das wählt schon so lange, bis es die allerfeinsten hat! Ich weiß schon!! Und die anderen sind bestimmt auch so herrlich. Und mein Herz, das leicht entflammt ist für schöne Schuhe, wird wohl nicht kalt bleiben, wenn ich sie endlich zu sehen bekomme!! Ich bin ja so gespannt! Die Mutsch meint, sie wolle mir alle beide Paare lassen. Sie kann wohl drin stehen, aber nicht laufen; die Absätze sind zu hoch. Sie müßte einem [sic] anderen Schnitt haben, nicht so zierlich-elegant, mehr fraulich-bequem. Ach, ich möchte Mutsch doch gerne ein Paar so schöne Schuhe geben, aber wenn sie nicht drin . [sic] laufen kann, dann nützen sie ihr doch nichts.
Wir wollen nur mal die Geburtstage abwarten und Generalprobe halten! Mal sehen! Du! Ich bin ganz verliebt in die Schuhe! Ich muß sie nur immerzu anschaun! Bist ein Tausendsassa!! Ein ganz, ganz tüchtiges Mannerli, das seinem Weibel wohl alle Herzenswünsche erfüllen kann! O ja!! Ein ganz, ganz liebes Kussel, Du!! Als Dank! Und ein gar leckeres Päckel! Rosinen Mandeln[!] Und ein geheimnisvolles Päckchen, das darf ich erst am 10. öffnen! Du Lieber, Guter!! Du!!!!! Und schöne Kämme für mein „langes Haar"!! Da schenken wir der Oma einen, gelt? Fein sind sie! Für Papa Räucherei — bin weniger entzückt als er! Und Schokolade, oh! Und Pfeffer, Du!!! Ach, an alles denkst Du guter, lieber Hubo! Versorgst uns doch soo fein mit allem!

Über die 2 Tuben Kaloderma-Gelee habe ich mich ja auch tüchtig gefreut, Herzlieb! Das wird meinen armen Händen manchmal eine Wohltat sein! Habe ich denn nun auch keines der schönen Dinge vergessen aufzuzählen? Alle Schiffe vom Matrosenkapitän sind wohlbehalten am Bestimmungsort angekommen und mit „Freudengeheul" empfangen worden im Heimathafen. Hoffentlich kann die süße Sendung bald mal in veränderter Form (im Kuchen!) an Dich, Herr Kapitän[,] zurückgesandt werden. Ach gelt? Es ist zu schön, ein Paket zu erhalten?
Und ich kann Dir bloß so herzlich wenig schicken. Ach, es wird vielleicht noch weniger in Zukunft. Mußt Du Dich dann vorwiegend mit den Tintenkusseln begnügen und mit allen liebgemeinten Worten, die ich Dir schreibe, Du Lieber. Ach glaubst, Herzelein! So traurig mich das alles manchmal stimmen kann — so bin ich doch auch wiederum so eingestellt: wenn wir nur gesund bleiben und wenn uns nur immer die Zeit ist [sic], einander täglich ganz lieb zu schreiben und ganz innig zu denken, das söhnt mich mit allem andern aus! Wir sind doch die reichsten, glücklichsten Menschenkinder, wenn wir einander im Briefe unsrer großen Liebe versichern können, ja Du?!
Unsere lieben, treuen Boten! Die alles so getreulich bestellen! Denen wir alles, alles anvertrauen! Unser ganzes Herze, unsre Seele. Das ist das Einzige, was uns niemand nehmen kann! Daß [sic] ich auch von keiner Seite bedroht sehe, Du! Die Post muß gehen, auch im Kriege — sonst wäre ich zum Äußersten fähig. Dann käm' ich zu Dir! Du! Und Briefpapier besorgen wir uns schon! Wenn's noch so [kn]app ist. Im Buchhandel gibt’s schon alleweile nichts mehr als Feldpostbriefe. Ich beziehe meines von unsrer Milchfrau! Jawohl!! Schau Dir’s an! Darauf muß sie ihre Marken kleben. Sie hat Mitleid mit mir! Und ich bin ihr soo dankbar! Hauptsache 's ist weißes Papier! Ach, darum kümmere ich mir [sic] mehr als ums tagliche [sic] Brot, ums Briefpapier! Du!!! Du!!! Ich muß doch alle Tage zu Dir kommen, zu Dir, mein Lieb!!! Ich muß Dich sooooo lieb haben! Sooooo lieb! Ach Geliebter! Du hast mich ja sooo erfreut! So glücklich gemacht! Und in jedem Paket lag ein liebes Brieflein von Dir! Ich danke Dir! Heute ist keines außerdem gekommen. Ach Du! Du bist doch das allerliebste, allerbeste Mannerli, das es gibt auf Erden! Kein Mensch kann mich noch sooo lieben wie Du! Kein Mensch! Und das danke ich Dir mit all meiner Liebe und Treue, Goldherzelein! Mein Leben lang!
Gott behüte Dich! In Liebe und großer Dankbarkeit küßt Dich herzinnig Deine [Hilde].
Hilde Nordhoff
Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.
Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Zusammenfassung
Ausflug nach Chemnitz mit den Cousinen; Besuch bei der Tante, dessen Mann wohl als Soldat eingezogen werden soll; Verwundetenzug kommt in Oberfrohna an; 3 Päckchen von Roland mit Geschenken für Hilde und ihre Mutter zum Geburtstag sind angekommen; Hilde ist ihm dafür sehr dankbar; Hilde schreibt darüber, dass sie zu Roland kommen würde, wenn sie sich nicht schreiben könnten; Briefpapier ist knapp; Hilde bekommt es von der Milchfrau.
Spitzendecken und Kaloderma-Gelee
Spitzendecken sind kleine Matten aus Spitze, die auf Tische oder Kommoden zu dekorativen Zwecken gelegt werden.
Hintergrund zu dem deutschen Körperpflegeprodukte-Hersteller „Kaloderma“: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaloderma