8.
… den, 30. Juni 1941.
Meine liebe kleine [Ella].
Heute ist Ruhetag. Ein herrlicher Sommertag neigt sich wieder einmal seinem Ende zu. Wir liegen hier auf einer großen Weide. Fast ist es hier wie zu Hause. Die Landschaft sieht hier genau so aus, wie sie bei uns zwischen Kröppelshagen und Escheburg aussieht. Wälder, Knicks, Weiden und wogende Konfelder [sic]. Sag mal [Ellachen], wie findest Du ein wogendes, blühendes Kornfeld? Dumme Frage, was? Macht aber nichts. Das Rad muß mal wieder weitergedreht werden. Noch ist es ja nicht rum. Der Maler würde sagen; die letzten Feinheiten, das Leben in dem Bilde fehlt noch. Unnd [sic] dann eines Tages wird das Bild ja mal fertig sein. Dann wird das [sic] große Moment kommen. –N
Bei uns ist das ja nun noch lange nicht der Fall. Von „Liebe auf den ersten Blick“ war zuerst wohl kaum die Rede. Wie es jetzt steht, kann ich Dir auch nicht, und will ich auch nicht verraten. Jedenfals [sic] brieflich schon garnicht! [sic] Wenn ich nun nicht immer unterwegs wäre, würden wir beide uns bestimmt in all den Kleinigkeiten viel besser kennen. Denn bekanntlich besteht das Wesen und der Charakter des Menschen ja nur aus Kleinigkeiten, wie man so sagt. Zum Beispiel: Weißt Du überhaupt wie ich bin, wenn ich in Zieviel [sic] bin, und tun und lassen kann, was ich will? Weißt Du überhaupt wer ich bin. Darüber habe ich ja bisher geschwiegen. Weißt Du daß ich mir um das Gerede fremder Leute, wie man immer so schön sagt, überhaupt nicht kümmere? Was aber manchmal sehr verkehrt ist. Ferner, weißt Du daß ich mich zu Hause nicht wohlfühle, obschon meine Eltern alles getan haben für mich, was sie nur tun konnten? Und auch jetzt noch tun? Ich bin ihnen sehr dankbar dafür, und werde es auch nicht vergessen. Ab meinem 16. Lebensjahrej war ich nicht ein volles Jahr zu Hause. Um Dir das alles zu erklären, ist die Zeit viel zu kurz. Weißt Du [Ellachen], wenn ich so schreibe, könnt ich schreiben immerzu. Doch die Feder kommt nicht mit. Ich kann einfach nicht so schnell schreiben wie meine Gedanken vorweglaufen. Ja, [Ella] ich könnte Dir noch so viel aus meinem Leben erzählen, aber das tue ich lieber später n mündlich. In meinem nächsten Urlaub wirst Du Gelegenheit haben mich als Zievilist [sic] kennen zu lernen, vorausgesetzt daß ich soweit komme, und Du spater Wert drauf legst.w
Jetzt will ich für heute Schluß machen. Ich stecke mir jetzt eine gute Zigarre an und schaue dem Sonnenuntergang zu. Nebenbei genieße ich dann noch die frische Luft und – Rosenduft.kr
Herzliche Grüße sendet Dir
Dein [Albert]
- Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
Albert Müller
Albert Müller wurde 1919 geboren. Seine Familie kam aus Escheburg in Schleswig-Holstein. Auch in anderen schleswig-holsteinischen Orten hatte er Verwandtschaft. In seinen Briefen machte Albert Müller oft Andeutungen, dass es Geheimnisse bezüglich seiner Eltern gebe, die er erst später preisgeben
Lohbrügge
Der Briefwechsel von Ella und Albert Müller befindet sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Erhalten sind fast 900 Briefe und Postkarten. Gesammelt wurden sie von Ella Müller, die Briefe von ihrem Ehemann, aber auch von Familienangehörigen aufbewahrte, zum Teil