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[LBR-420329-005-01]
Briefkorpus

N 24.

Im Felde, am 29. März 1942.

Meine liebe kleine [Ella]!

Heute ist nun Sonntage Dem Kalender nach müßte es ja Frühling sein. – Doch es ist wieder Winter bei uns geworden.

Ich sitze hier nun und habe Zeit, den ganzen lieben Nachmittag. Ich möcht Dir jetzt gerne einen lieben langen Brief schreiben. Wenn ich blos [sic] wüßte was ich Dir jetzt schreiben soll. Doch zunichts [sic] hab ich Lust. Und doch, meine Gedanken sind auf Schritt und Tritt bei Dir. Ich glaub der ganze Witz bei der Sache ist: man ist eben mit den Gedanken viel zu oft zu Hause. Vieleicht [sic] ist es ja auch son [sic] bißchen wie Heimweh. Doch da darf ein Landser sich ja nicht mit abgeben. Denn zum Krieg ziehen, muß man das Herz am rechten Fleck haben, wie man so schön sagt.

Zur Zeit liegen wir hier mit unseren „Hilfsvölkern“ zusammen. Hauptsächlich Spanier. Dann noch son [sic] paar Flamen und Norweger. Alle kämpfen gegen den Bolschewismus. Doch die Spanier sind ein tolles Volk. Ran gehn sie ja fix, und Erfolge haben sie auch. Doch was dann kommt ist nicht mehr schön sag ich Dir. Alle weiblichen Landesbewohner die noch einigermaßen wie zivilisierte Menschen aussehen, sind für sie so gut wie Freiwild. Und wer sich von den Mädels dann nicht mit den Burschen abgibt oder sich gar zur Wehr setzt, wird kurzerhand kalt gemacht. Flöten und singen tun die Burschen Tag und Nacht; sogar bei der größten Kälte. Geld haben die Brüder wie Heu. Kaufen tun sie alles was blank ich ist. Besonders Fothoapparate [sic]. Bezahlen tun sie gut. Oft den 3 und 4 fachen Einkaufspeis. Wenn ich meinen Apparat für 400 M. los werde, kommt er bedenkenlos weg.

Mir liegt noch was auf der Leber. – In einem Deiner letzten Briefe fugst [sic] Du mich nach meinem unbekannten Mädel. – Ich hab noch nie eine gehabt! Wenn ich Dir davon geschrieben hab, so wollte ich da lediglich was Bestimmtes mit erreichen. Doch mir scheint eher das Gegenteil von dem erreicht zu haben, was ich wollte. Verbieten kann ich Dir ja nichts, will ich auch nicht. Doch wenn Dein Unbekannter Soldat Dich in seinem Urlaub besucht, tut er es ja auch nicht ohne Grund. Im August vorigen Jahres bat ich Dir mal in einem Brief, Dich im gewissen Sinne zu erklären. Ich hoffe doch daß Du mich verstehst. – Es ist wohl besser Du bleibst wie ein Schmetterling – ich nehme daher mein Wort zurück, das heißt: ich verlange nicht mehr daß Du im Urlaub nur mir gehörst.

[Ella] sag doch, das 

Ich kann einfach nicht begreifen, daß ich Dir, wo ich Dich nun so lieb habe, so etwas schreiben muß. Wenn das so weitergeht, muß ich ja wohl eines Tages meine Liebe zu Dir begraben. Aber ich hoff ja immer noch das die Wirklichkeit anders aussieht.

Herzliche Grüße und Küsse
sendet Dir meine liebe
[Ella] Dein
[Albert]

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Autor Albert Müller
Korrespondenz Lohbrügge
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Über den Autor

Albert Müller

Albert Müller wurde 1919 geboren. Seine Familie kam aus Escheburg in Schleswig-Holstein. Auch in anderen schleswig-holsteinischen Orten hatte er Verwandtschaft. In seinen Briefen machte Albert Müller oft Andeutungen, dass es Geheimnisse bezüglich seiner Eltern gebe, die er erst später preisgeben

Über die Korrespondenz

Lohbrügge

Fotografie einer handgeschriebenen Liste mit Zahlen, aus dem Konvolut Lohbrügge, die Briefdaten sortiert.

Der Briefwechsel von Ella und Albert Müller befindet sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Erhalten sind fast 900 Briefe und Postkarten. Gesammelt wurden sie von Ella Müller, die Briefe von ihrem Ehemann, aber auch von Familienangehörigen aufbewahrte, zum Teil