Im Osten, den 23 April 1942.
Meine liebe kleine [Ella]!
In den letzen Tagen bekam ich wieder 2 Briefe und ein Päckchen mit Zigaretten und Bonbonn [sic], sowie eine Geburtstagskarte von Dir. Ich hab mich zu allem sehr gefreut.
Wie Du sagst, geht´s Deinem Bruder ja schon wieder recht gut. Es freut mich das zu hören. Harri Sch. aus Escheburg ist ja gefallen. Wir haben früher oft zusammen geangelt. Was nützt das aber alles, die Würfel fallen eben doch wie „sie“ wollen, und nicht so, wie wir es wünschen oder wollen.
So mein kleines [Ella]chen jetzt will ich Dir Deine Frage aus Deinem letzten Brief beantworten. Du meinst das wäre wieder einmal Verzicht? Was ich dann eigentlich von Dir will? Warum ich dann überhaupt noch schreib? Ach [Ella]chen Du bist dumm, fix dumm. Wenn Du ein Junge wärst, ich tät Dir glatt den Hosenboden stramm ziehen! Verstehst Du mich? Heute verstehst Du mich nicht. Aber dafür in der kommenden Zeit umso besser. Davon bin ich fast überzeugt. Ich könnt es Dir ja jetzt sagen, Dir die Augen öffnen. Das tu ich nicht. Weil Du eben immer noch gewisse Hemmungen mir gegenüber hast.
Ich hab Dir schon so oft gesagt, [Ella], was Du für mich bist. Du bist mir das Liebste was ich hab. Ich hab Dir doch über alles im Winter geschrieben. Ich sags Dir nun noch mal: Wenn sich herausstellt, das Du die Eigenschaften besitzt, welche die Frau haben muß, die die meinige werden will und auch kann, wünsche ich nichts sehnlicher als daß Du für immer der Inhalt meines Lebens sein mögest und bleibst. Doch zumindest muss ich doch erst auf Urlaub gewesen sein, denn dann finde ich, sehen wir schon bedeutend weiter. Und wenn Du nun dasselbe Bestreben hast wie ich, dann mußt Du doch endlich mal klar sehen. In meinen vorhergehenden Briefen wollte ich doch weiter nichts als nur, Dir das Leben, bzw. das Warten so leicht wie nur irgendmöglich machen. Du besitzt mein ganzes, volles Vertrauen, ich glaub Dir das Du fest bist. Ich will auch ganz erlich [sic] sein. Gerne sehe ich es nicht wenn Du mit Solldaten [sic] ausgehst oder Dich mit Ihnen schreibst. Glaub mir, [Ella], ich weiß nur zu gut, was dabei herauskommen kann. Ich sage ausdrücklich „kann“. Ich weiß auch daß Dir das Festbleiben manchmal schwer fällt und verflucht viel Selbstbeherrschung erfordert. Nur deshalb: aus Achtung und aus Vertrauen und wegen Deiner gesunden Lebensauffassung, so leicht gab ich Dir Dein Wort zurück. Denn damals im August machte ich Dir zur Bedingung, nur mir allein zu gehören. Das war gleichbedeutend, mit keinem anderen Soldaten auszugehen oder Dich zu schreiben. Ich habe eingesehen daß das zuviel verlangt war, und auch nicht erforderlich ist. Wäre ich nun auf meinem alten Standpunkt stehen geblieben, müßt ich ja sagen, so [Ella], Du hast Dein Wort nicht gehalten, wir sind auf Deutsch gesagt, geschiedene Leute. Und daß das großer Unsinn gewesen wär, siehst Du doch wohl selber ein. – Blos [sic] deshalb hatte ich solche Wut, daß Du mir immer wieder schriebst, Du wärst mit dem und dem Landser ausgewesen und so weiter. Ich weiß daß Du hin und wieder mit einem Landser ausgehst, darüber bin ich Dir ja auch nicht im geringsten böse. Aber ich bitte Dich nun nochmal, schreib mir das nicht wieder es kommt wirklich nichts dabei heraus. Ich weiß nicht, jedesmal wenn Du mir davon etwas schreibst, bleibt etwas hängen. Das ist denn wie son [sic] kleiner, winziger Stachel der kaum vorhanden ist, aber doch unaufhörlich bohrt, und damit untergräbt. Das tut aber doch nicht nötig. Ich bin nun mal so.d
Und nun mal kurz zu Anne. Von Anne hab ich nichts anderes erwartet. Ich frag mich blos [sic], was hat Anne davon uns auseinander zu bringen. Ich habe über die E.s meine eigene Meinung. Mir liegt es nicht über Menschen etwas Schlechtes zu rededen [sic] die mich nichts angehen und wo ich auch garnichts [sic] mit zu tun haben will. Sollte Anne nochmal davon anfangen, frag Ihr doch mal ob Sie villeicht [sic] was anderes für Dich hat oder was besseres. Oder laß Sie einfach stehen, und sag Ihr, für Klatschereien wärst Du nicht zu haben. Ich hab garnichts [sic] dagegen wenn man einen Freund über einen Menschen aufklärt. Das kann man aber auch nur wenn man die verhaltnisse [sic] und den Menschen kenntM
Nun noch etwas anderes. Ich werde morgen versetzt. Wohin, weiß ich noch nicht. Ist ja auch gleich.
Ich hab meine Sachen alle verpackt. Auch das Fahrzeug ist fahrbereit. Jetzt hab ich noch den ganzen Nachmittag zeit [sic]. In zwei Tagen hab ich ja Geburtstag, und werde wieder unterwegs sein. Voriges Jahr waren wir gerade auf dem Wege nach dem Osten und fuhren morgens gerade durch den Hamburger - Hauptbahnhof. Meine Gefühle waren ziemlich gemischt. Kannst Dir wohl vorstellen.
Heute bin ich nun in Frühlingsstimmung. Ist ja auch kein Wunder – denn bei uns ist es innerhalb von 8 Tagen Frühling geworden. Der ganze Schnee ist weg. Ich dachte immer hier wirds nie Frühling, aber Stare und Lerchen sind auch schon hier. Richtig warm ist es heute. Weiß [sic] Du was jetzt sehr schon [sic] wäre? Wir müßten jetzt zusammen irgendwo in der Heimat sein, ein Plätzchen für uns ganz allein in der Sonne haben. Dann müßt es Mai sein und son [sic] Bischen [sic] Buchenwald und Wasser müßte in der Nähe sein. Junge wär das fein. Kennst Du das schöne Lied: … in einer Nacht im Mai, da kann da kann so viel passieren … Ja [Ella] wenn ich nun noch weiter schreib – aber son [sic] Bischen [sic] vom Frühling zu träumen ist doch zu schön. –
Richtig! wie alt ich bin wolltest Du ja wissen. Ich begehe ja wie ich schon sagte, übermorgen meinen 23. Geburtstag.
Eins möcht ich Dir noch sagen. Verhaue Dich in Zukunft nicht in die Feldpostnummer denn die wird sich ja jetzt ändern.
In der Hoffnung auf ein recht baldiges, glückliches und gesundes Wiedersehen grüßt und küßt Dich viele liebe Mal Dein
[Albert].
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Albert Müller
Albert Müller wurde 1919 geboren. Seine Familie kam aus Escheburg in Schleswig-Holstein. Auch in anderen schleswig-holsteinischen Orten hatte er Verwandtschaft. In seinen Briefen machte Albert Müller oft Andeutungen, dass es Geheimnisse bezüglich seiner Eltern gebe, die er erst später preisgeben
Lohbrügge
Der Briefwechsel von Ella und Albert Müller befindet sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Erhalten sind fast 900 Briefe und Postkarten. Gesammelt wurden sie von Ella Müller, die Briefe von ihrem Ehemann, aber auch von Familienangehörigen aufbewahrte, zum Teil