N 3
Hbg. Lohbrügge d 10.5.42
Lieber [Albert],
nun ist schon bald wieder eine Woche vergangen und ich bin nicht einmal dazu gekommen, zu schreiben, doch diese Woche war an ereignissen so groß. Dann bin ich mal mit meinem Brüderchen nach Hbg gewesen, was soll er sonst auch den ganzen Tag anfangen, arbeiten soll er nicht, das wollen wir nicht haben, also muß er ja aus gehen, doch jeden Tag habe ich auch keine Lust, es wird dann oft so spät und mein Tag beginnt schon früh, ich denk ja schon mit Grauen daran, wenn er am Sonnabend wieder weg muß, nach Düsseldorf ja und dann gehts wohl, ob wir es wollen oder nicht, nach Rußland, doch eine Gewißheit gibt mir und damit wohl auch meinen Eltern Trost, er geht gern zu seinen Kameraden zurück, er meint die haben doch, in den 9 Wochen, wo ich im Lazarett ih und auf Urlaub war, viel mehr durch gemacht und doch gehöre ich zu ihnen, von seinen Vorgesetzten spricht er nur vol bewunderung und freut sich einmal dazu gehört zu haben, wenn er auch viel lieber mit nach England ginge. Doch alles im Leben ist bestimmung und wir können unsere wege nicht nicht [sic] allein gehen, doch ich freu mich, daß mein Brüderchen sich soweit durch gesetzt hat ich weiß ja wie schwer es gerade für ihn ist der ni. [sic] von zu Hause vort warwar
Ja [Albert] eigendlich habe ich ja gehofft, daß ich jetzt etwas mehr Post erhalte, doch da war ich wohl auf dem Holzweg, doch wenn ich mir alles richtig überlege, kann ich ja verstehen, daß Du jetzt sicher noch weniger Zeit hast, denn Deine schönste Beschäftigung ist ja sicher nicht das schreiben, an mir, vielleicht sitzt Du irgendwo am Wasser und angelst, ach, ist ja auch egal, was Du magst, meinet wegen kannst auch mit irgendwer aus gehen, ich ärgere mich nun mal, das Du nicht hier bei mir bist, a wieder gehen so schöne Frühlingstage vorbei, und die Wehrmacht läßt Dich nicht nach Hause, doch das soll kein vorwurf sein, ich weiß das auch Du sicher gern einmal nach Hause gehen, doch wenn ich darüber nach denke bekomme ich jedes mal eine Wut, wie könnte blos alles schön sein, wenn Du nicht in Rußland ach, reden wir lieber nicht mehr davon, sonst kann ich vor Ärger die ganze nicht schlafen, doch soviel ist gewiß, wenn ich mit Gedanken etwas zu Deinem Urlaub beitragen könnte, so wärst schon hier.
Doch nun will ich lieber an mein Ballspiel denken, damit wir gewinnen, gegen Alstertal, in 1ner Stunde geht mein Zug. Heute ist meine Oma gekommen und hat uns zwei Gösel mitgebracht, da haben wir zu Weihnachten wohl wieder unsern Gänsebraten.
Klaus hat mich auch wieder besucht, er hat mich immer noch so lieb, also halt Dich rann, sonst macht er Dich noch den Platz streitig, denn er kommt schon in die Schule. Nun sei viele liebe mal gegrüßt und geküßt
Deine [Ella]
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Ella Müller
Ella Müller, geb. Schumann, wurde 1921 geboren. Ihre Eltern hatten in Lohbrügge einen Selbstversorgerhof mit Kleintierhaltung, vertrieben ihre Produkte in einem kleinen Laden und auf dem Großmarkt. Sie hatte einen Bruder, der auch Soldat bei der Wehrmacht war. Sie war sehr eingebunden in den Betrieb
Lohbrügge
Der Briefwechsel von Ella und Albert Müller befindet sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Erhalten sind fast 900 Briefe und Postkarten. Gesammelt wurden sie von Ella Müller, die Briefe von ihrem Ehemann, aber auch von Familienangehörigen aufbewahrte, zum Teil