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[LBR-420610-005-01]
Briefkorpus

Im Osten, am 10. Juni 1942.

Meine liebe kleine süße [Ella]!

Jetzt hab ich schon wieder 2 Briefe von Dir zu beantworten. Es sind die mit der N 7 und 8. Vielen lieben Dank dafür.

Ich glaub im Augenblick bist Du viel schlechter drann [sic], wie ich. Du arbeitest von früh bis spät. Hast unter Flieger zu leiden. Kannst lange nicht das kaufen was Du willst. Mußt auf so manches Vergnügen verzichten, was wohl sonst als selbstverständlich angesehen wurde. Kurzum, alles blos [sic] wegen den [sic] verfluchten Krieg. Und was tue ich -? ich hab jetzt einen ruhigen fetten Tag. Hab schon 6 zugenommen! Zeit zum schreiben [sic] hab ich eigendlich [sic] mehr als genug, wenn ich blos [sic] immer wüßte, was ich schreiben sollte. Wie oft bin ich schon einen Brief angefangen und hab hernach den ganzen Kram an die Wand geschmissen. Ich könnt dann die Wände hochgehen. Ich kann einfach nicht sowas automatisches schreiben, will ich mal sagen. Ich erzähl Dir jetzt was, was ich Dir bisher wohl noch nicht erzählt hab. Darfst mich aber nicht auslachen!

Weißt Du [Ella], oft geht es mir so, nicht immer, wenn ich so schreibe bin ich mit mir ganz allein. Dann ist das so, als hielt ich so stumme Zwiesprache mit mir. Ich weiß nicht ob Du mich verstehst. Du hast doch sicher auch mal Stunden, oder Minuten, ganz gleich, wo Du dann ganz allein mit Dir bist, wo Du dann an was denkst oder was fühlst, was Dir lieb und wert ist, was Dir hoch und heilig ist. Kurz und gut, was Dich in tiefster Seele bewegt. Worüber man zu keinem keinem Menschen spricht und oft auch einfach garnicht [sic] kann. Und gerade so geht es mir oft beim Schreiben. Mir rutscht das dann nicht über die Zunge nein, lediglich aus der Feder. In dem Augenblick fühl ich mich dann so leicht wie´n Vogel, und was das Komische dabei ist, das passiert mir nur immer blos [sic] bei Dir. Doch eins muß ich zugeben, als ich wieder anfing die Liebe zu suchen, bin ich einmaleinmal auf diesem Gebiet ausgerutscht und hab mich jämmerlich mit meiner Schreiberei blamiert. Bin ausgelacht worden wie noch nie. Oh, ich hätte dies Mädel umbringen können, son´ Haß hatte ich. Ich hab mich [sic] dann aber Luft gemacht, das heißt ich bildete es mir ein. Ich bin hernach aber dann doch zu einer besseren Einsicht gekommen. – Daraufhin hab ich dann ja Dich gefunden. Und Du bist nun sozusagen mein zweites „ich“ geworden. Es gibt für mich nichts, woran Du nicht teil dran hast. Du hast manchmal schon Anteil drann, wovon Du noch garnichts weißt, kein Mensch was von weiß. –

Nun aber endlich zu Deinen Briefen; wir kommen sonst wieder vom Thema ab.

Dann muß ich Dir wohl erst mal plausibel machen was ein „Forier“ [sic] ist, Ein Forier [sic] hat sozusagen für das leibliche Wohl der Kameraden zu sorgen. Jeden 3. Tag fahr ich zum Armee-Verpflegungsamt und empfange dort Fleisch, Wurst, Brot, Eier, Erbsen, Nudeln, Käse, Butter, Kartoffel, kurzum alles was eine Truppe zum täglichen Leben braucht. Diese Sachen hab ich nun zu verwalten und zu verteilen. Daß [sic] heißt: Ein Wachtmeister, mit Lametta, macht das offiziell, der wiederum hält sich einen Stellvertreter, und der bin ich. Na mir macht es jedenfalls Spaß, laß ihn ruhig den Verdienst, oder die Lorbeeren ernten, wie ich bin das gewohnt. Gewiß ich hätte auch schon längst eine Auszeichnung verdient, und täte mich auch freuen und auch stolz sein, wenn ich das E - K. bekommen hätte, aber darum, auf gut deutsch gesagt: die Brust zu heben und zu sagen hier, dies – und das –, liegt mir nicht. Das soll nun nicht heißen daß ich andere Kammeraden [sic], die eine Auszeichnung tragen, in ein dunkles Licht stellen will – absolut nicht. Wenn ich sah, daß das E - K. ein Infanterist bekam hab ich mich jedesmal mit ihm besonders gefreut. Wenn ich was zu sagen hätte, bekäme jeder Infanterist das Ritterkreuz. Denn was die Jungens geleistet haben, und noch täglich leisten, ist nicht zu beschreiben.

Ja, meine liebe [Ella] im Urlaub wird es schön, wunderschön. Sonst müßten wir uns ja, wenn wir erst beieinander sind, garnicht (sic) verstehen. Aber daran hab ich noch nie gezweifelt, und das tue ich auch jetzt nicht. Warum sollten wir uns auch nicht verstehen? Nach meiner Ansicht gibt es doch garnichts was überhaupt zwischen uns stehen könnte. – Doch für den Fall, daß ich bald komme, muß ich Dir noch son [sic] paar schwache Seiten, von mir aus, bekannt geben, vornehme Menschen nennen sowas: „ungebildet“. Ich will nun nicht sagen, daß ich Dich damit mein. Dafür bist Du ja „meine [Ella]“. Mich sollen ja nicht, und brauchen ja auch nicht, anderen Leute verstehen, denn wir beide wollen ja glücklich sein und uns verstehen. Denn andere Leute geben uns ja nichts. - Weißt Du wenn ich in Gesellschaft bin, wo alles lustig zu geht, weiß ich immer rein garnichts zu erzählen, mir fällt dann einfach nichts ein. Die Folge ist dann man kommt in Verlegenheit, fühlt sich dann in dem Kreis nicht mehr wohl und zieht dann die Konsekwenz [sic].

Überhaupt, ehe ich aufgetaut bin, dauert immer eine ganze Weile. Daß ich so gut wie garnicht tanzen kann, aber sehr gern möchte, weißt Du ja. Du warst doch auf der Tanzschule; da lernt man doch angeblich alles, Benehmen und was weiß ich alles – wenns soweit ist, dann mußt mich eben son [sic] bischen zurechtstoßen. Bonemeisch [sic]? Bonemeisch [sic] ist russisch und heißt: verstehen.

Und nun zu Deiner Frage; was ich in den drei Wochen anfangen will. Da [sic] weißt Du doch! Ich [Ella]chen. Dich kennen lernen, und Du mich, und wenn dann die Zeit gereicht hat, und Du so bist wie ich mir meine Frau vorstelle und so bist wie sie eben für mich sein muß, dann werd ich Dir [sic] eben vor die letzte endgültige Frage stellen – Deine Antwort kann dann nur ein klares Ja oder Nein sein.

Ich find´, das ist allerhand, was ich da vor hab. Die Hauptsache ist dann, daß Du dann genügend Zeit für mich hast. Ich frag mich blos [sic] was werden Deine Eltern dazu sagen? Was sagen die überhaupt zu unserer Schreiberei?

Da von Anne grad noch mal in Deinem letzten Brief die Rede ist, hat die sich schon mal wieder in irgend einer Form geäußert?

Nun muß ich aber mit Gewalt aufhalten sonst wird Dir am End noch müd bei all dem lesen [sic] –

Viele liebe Grüße und Küsse

Dein [Albert]

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Autor Albert Müller
Korrespondenz Lohbrügge
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Über den Autor

Albert Müller

Albert Müller wurde 1919 geboren. Seine Familie kam aus Escheburg in Schleswig-Holstein. Auch in anderen schleswig-holsteinischen Orten hatte er Verwandtschaft. In seinen Briefen machte Albert Müller oft Andeutungen, dass es Geheimnisse bezüglich seiner Eltern gebe, die er erst später preisgeben

Über die Korrespondenz

Lohbrügge

Fotografie einer handgeschriebenen Liste mit Zahlen, aus dem Konvolut Lohbrügge, die Briefdaten sortiert.

Der Briefwechsel von Ella und Albert Müller befindet sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Erhalten sind fast 900 Briefe und Postkarten. Gesammelt wurden sie von Ella Müller, die Briefe von ihrem Ehemann, aber auch von Familienangehörigen aufbewahrte, zum Teil