N 15
Hbg Lohbrügge d 30.6.42
Mein lieber [Albert],
daß schreiben geht heute besonders schlecht!
Hab nämlich einen schlimmen Finger, Mutti sagt nun ich soll zum Arzt gehen, doch das ist von allein gekommen, müßt auch so wieder weg gehen, zu schreiben weiß ich ja doch heute eine ganze Mänge, hab Dir ja noch garnicht erzähl [sic], wie mir letzten Mittwoch das Teater [sic] gefallen hat. Hast schon mal Klara Schlichting [*] gesehen? Aber ganz sicher schon einmal im Rundfunk gehört, die ist ja wirklich nicht auf den Mund gefallen und wir haben einmal wieder ordentlich gelacht, in großen und ganzen war das jedoch nicht so besonders, alles bunt durcheinander.
Das Wetter war in der letzten Woche nicht sehr schön, kalt war es, richtiges Wetter zum hinterm Ofen zu sitzen, doch ich glaube dazu ist der Juni nicht der richtige Monat. Der Tomi war in der letzten Nacht ja auch lin schon wieder da, von Bremen ist wohl nichts mehr übrig, Leute die diesen Angriff mit erlebten, berichten, es wäre keine Straße und auch keine Familie, die [nicht] davon betroffen ist. Welche Stadt wohl die nächste Stadt sein wird, die Angegriffen wird, denn so viel wissen wir ja, wenn die nach Hbg wollen, kommen auch welche hin, da nützt die Abwehr wenig. Ja nach denken [sic] darf man darüber nicht, dann ist es aus, wenn blos [sic] erst der Krieg aus ist, Du das wäre garnicht [sic] aus zu denken. Dann kannst Dir etwas wünschen, wird alles erfüllt, doch ich habe immer so das Gefühl, als wird ni [sic] wieder richtig Frieden. Nun rede ich immer zu vom Krieg und im Grunde genommen merke ich wohl am wenigsten davon. Bei uns im Garten ist tiefster Frieden und zu essen gibt es jetzt wieder mehr wie genug, jeden Abend bringe ich im Kirschbaum zu, das ist auch der Grund warum ich nicht zum Schreiben kam, die Kirschen schmecken auch zu gut, meine Eltern meinen ja, ich soll sie erst rechtig [sic] reif werden lassen, doch sie schmecken auch so recht gut und nach her kann ich sie ja doch nicht alle auf einmal schns essen, man sagt immer von soviel Obst wird man krank wenn das wahr ist, wäre ich bestimmt nicht mehr am Leben und über essen [sic] tu ich mich auch nicht darinn [sic], sonst ging mein Brüderchen abends immer mit und jetzt ist er wohl schon längst wieder in Rußland, ob es wohl dort auch Kirschen und Erdbeeren gibt? Hättes [sic] Du nicht lust einmal mit mir Kirschen essen gehen? Doch ich weiß ja vom vorigen Jahr das Du meinst, Du kannst noch mehr essen wie ich. Doch noch glaub ich Dir nicht.
Weißt Du [Albert], wer mir damals gesagt hätte, daß wir uns so lange nicht wieder sehen werden, hätt ich das nicht geglaubt, damals war ich erst 19 Jahr und heut schon 21 Jahr und was ist in dieser Zeit schon alles vergangen und vieles wieder neu entstanden. Bin ich nun wirklich so dum, wie die meisten glauben, ist nicht ein Verzicht, auf etwas, was nach meinem Denken nur kurze Zeit dauern kann, oft viel schwerer, doch ich bin der festen Überzeugung, das nichts im Leben vergebens ist und sein wird, einmal findet alles ihre Belonung [sic] und damit wohl ein Glück, was rein und schön ist und von längerer Dauer.
Auf Post von Dir warte ich nun schon wieder über eine Woche, doch sicher bist Du wieder einmal nicht in der richtigen Stimmung, also hoffe ich weiter auf Morgen. Über Deinen Urlaub mag Dir man keine Sorgen, wenn ich auch nichts sehnlichster wünsch, als das Du bald kommen möges, einmal kommt wohl jeder drann und darauf wollen wir warten und uns schon darauf freuen.
Doch nun bis zum nächsten mal alles Gute und ein baltiges gesundes wieder sehen
es grüßt und küßt viele liebe Mal
Dein [Ella]chen
[* = Claire Schlichting]
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Ella Müller
Ella Müller, geb. Schumann, wurde 1921 geboren. Ihre Eltern hatten in Lohbrügge einen Selbstversorgerhof mit Kleintierhaltung, vertrieben ihre Produkte in einem kleinen Laden und auf dem Großmarkt. Sie hatte einen Bruder, der auch Soldat bei der Wehrmacht war. Sie war sehr eingebunden in den Betrieb
Lohbrügge
Der Briefwechsel von Ella und Albert Müller befindet sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Erhalten sind fast 900 Briefe und Postkarten. Gesammelt wurden sie von Ella Müller, die Briefe von ihrem Ehemann, aber auch von Familienangehörigen aufbewahrte, zum Teil