Bitte warten...

[LBR-420717-005-01]
Briefkorpus

Im Osten, den 17. Juli 1942.

Meine liebe gute [Ella]!

Ich weiß, Du bist in letzter Zeit mit Post viel zu kurz gekommen. Doch das soll jetzt anders werden. Du wirst nun fragen: warum? Ach [Ellachen] sei bitte nicht allzu böse und laß mich nun Deinerseitz [sic] nicht ebensolange zappeln. Ich hab ja nicht mal einen trifftigen Grund, weshalb ich in letzter Zeit so wenig geschrieben habe. Jedesmal wenn ich anfing zu schreiben, bekam ich wieder meinen Moralischen, hab dann jedes Mal den ganzen Kram voller Wut in die Ecke gepfeffert.

Deine letzten beiden Briefe habe ich wieder mit großer Freude erhalten; der letzte war vom 9.7.42. Vielen lieben Dank dafür. Das [sic] die Bewohner der Städte große Not leiden ist schwer. Ist auch bei uns oft das Haupttema [sic]. Aber man kommt immer wieder zum selben Schluß: koste was es wolle wir müssen den Krieg gewinnen, sonst verliert das ganze Leben seinen Wert und alle Opfer sind wieder umsonst gebracht. Denn was uns blüht wenn wir den Krieg verlieren, sehen und haben wir tag täglich vor Augen – es ist ein Bild des Grauens –

Es ist doch so wunderschön zu leben, Du glaubst ja garnicht wie, [Ella]. Ich hatte vor kurzer Zeit einen entsetzlichen Traum. Ich konnte da garnicht wieder von loskommen. Aber der hat ja wohl wie ein Wunder gewirkt. Du glaubst ja garnicht wie ich mich freu das [sic] es doch blos [sic] ein Traum war. –

Du, ich denk ja so oft an Dich den Urlaub hab ich mir in Gedanken schon ausgemalt, vom 1. bis zum letzten Tag. Hoffendlich [sic] erleben wir keine Pleite. Hast Du Dich [sic] schon mal vor Augen geführt, daß ich Dir im Urlaub alles zeigen werde; das heißt wo und wie ich gelebt habe, wo ich geboren bin, was mir einst lieb und wert war. Und wenn Du dann alles gesehen hast meine Welt ein wenig kennst wirst Du verstehen können daß ich dann auch Deine Welt kennen lernen möchte. Ach [Ella] Du glaubst ja garnicht wie schön das sein wird was wir alles so zusammen erleben werden. Ich denk blos [sic] an einen ganz kleinen Spaziergang auf der anderen Seite der Elbe gegenüber von Tesperhude [*]. Ich weiß da eine kleine Bank, die wird heute sicher auch noch da stehen, da hab ich schon als ganz kleiner Junge mit meinem Großvater draufgesessen und die großen Segelschiffe bestaunt die elbabwärts zogen. Ach [Ellachen] das war immer so schön. Wenn Du das erst mal erlebt hast, Du wirst begeistert sein. D Mein Herz war damals so voller Romantik und voller Sehnsucht nach etwas großem. Damals wußte ich nicht was in mir rief was mich lockte – ich hab dagesessen als Kind, dann als Lehrbub, dann alls [sic] Gesselle [sic] und immer noch wußte ich nicht, was in mir vorging, was mich trieb, mich rief, – aus dem Jüngling ist nun mittlerweile ein Mann geworden was mich damals rief es war das Leben die Liebe – und doch es wird dort immer und immer wieder etwas Neues großes [sic] geben, den [sic] das Leben bleibt ja nicht stehen es kommt und es geht wieder. Mancher irrt in der Welt umher und sucht Ruhe und Frieden den er wohl doch nur in der Heimat endgültig findet. Ich glaub nun hab ich Dir wieder was erzählt was Dich wieder aus dem Gleichgewicht, oder besser gesagt aus dem Gleichklang bringt. Aber freu Dich nur mit mir, kleine [Ella], ich bin so glücklich und zuversichtlich wie schon lange nicht mehr.

Deinem Bruder wünsche ich, da er ja nun wieder bei uns im Osten ist, bestes Soldatenglück.

Viele liebe Grüße und Küsse

sendet Dir, meine liebe [Ella]

Dein

[Albert]

[* Tesperhude = Ortsteil von Geesthacht]

Karte
Kommentare
Einordnung
Gesendet am
Gesendet aus
Autor Albert Müller
Korrespondenz Lohbrügge
Gesendet nach
Erwähnte Orte
Über den Autor

Albert Müller

Albert Müller wurde 1919 geboren. Seine Familie kam aus Escheburg in Schleswig-Holstein. Auch in anderen schleswig-holsteinischen Orten hatte er Verwandtschaft. In seinen Briefen machte Albert Müller oft Andeutungen, dass es Geheimnisse bezüglich seiner Eltern gebe, die er erst später preisgeben

Über die Korrespondenz

Lohbrügge

Fotografie einer handgeschriebenen Liste mit Zahlen, aus dem Konvolut Lohbrügge, die Briefdaten sortiert.

Der Briefwechsel von Ella und Albert Müller befindet sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Erhalten sind fast 900 Briefe und Postkarten. Gesammelt wurden sie von Ella Müller, die Briefe von ihrem Ehemann, aber auch von Familienangehörigen aufbewahrte, zum Teil