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Briefkorpus

Hbg.-Neuengamme, d. 2. Juni 40.

Mein lieber [Heinrich]!

Ich soll heute nachmittag eigentlich Namen nähen. Das Wetter ist aber ganz nett geworden, da will ich doch lieber etwas nach draußen gehen, vielleicht zu Grete oder auch zu Ilse. Aber zunächst will ich Dir erst einmal den versprochenen Brief schreiben. –

Den heutigen Wehrmachtsbericht habe ich heute um 14 Uhr mitstenographiert und habe ihn Dir aufgeschrieben. Von den anderen Tagen habe ich ihn aus der Zeitung ausgeschnitten. Hoffentlich hast Du nun so viel Zeit, das alles zu lesen. Wir haben eben gerade Kaffee getrunken, es ist 4 Uhr. Papa sitzt jetzt wieder in der Klasse und löst seine Rechenaufgaben. Günter ist schon wieder über alle Berge, er hatte es sehr eilig. Mutti näht natürlich. Bis kurz vor 14 Uhr habe ich hinten im Garten Unkraut ausgezogen. Ich will nach u. nach auch das rechte Stück in Ordnung bringen. Aber es wird wohl noch eine ziemliche Zeit dauern, bis das geschafft ist. – Heute abend wollen sie alle ins Kino. Ich habe die Wochenschau ja schon gesehen, ich weiß noch nicht, ob ich mitgehe. –

Gestern war ich in Hamburg bei Erika. Winfried ist ein süßer Junge, leider sah er wieder recht blaß aus, er war seine Erkältung immer noch nicht ganz los. Während der ersten 2 Stunden, wo ich dort war, hat er seine Hose 4 x naß gemacht. Wenn er auf den Topf gesetzt wird, ist es immer vergeblich. Zu dem Pferd und dem Ball hat er sich sehr gefreut.

Nachmittags kam dann noch Erikas Bruder mit Frau und Tochter aus Quarrendrf [sic]. Die kleine Giesela [sic] ist 9 Monate alt. Zeitweise hatten wir recht viel Musik, besonders, als beide ins Bett kamen. Helmut war so stolz auf seine Tochter. Man mußte ihm immer wieder bestätigen, daß man sie gern leiden mochte, und daß sie ihm ähnlich sähe. August hatte zuletzt unterm 24.5. aus Valmeinier geschrieben. Er hat schon recht viel durchgemacht. Als erster aus dem Regiment hat er das Eiserne Kreuz bekommen. – Wilhelm war auch zum 31.5. eingezogen. Bis gestern abend hatte er aber ein Schullager in Moorwärder, da hat er sich zurückstellen lassen. Er wäre sonst nach Wandsbek gekommen. Jetzt muß er am kommenden Mittwoch los, und zwar nach Ostpreußen. –

Und nun muß ich Dir noch das große Ereignis vom 31.5. in der H.M.G. [*] erzählen, also ich habe jetzt 160,- ℛℳ Monatsgehalt. Ist das nicht schön? Es war eine sehr komische Stimmung neulich. Besonders die Buchhaltung hat sich sehr darüber aufgeregt. Es war natürlich bald wie ein Lauffeuer herum. M. und ich haben uns gehögt. M. ist nun gestern auf Urlaub gefahren. Sch. wird mich nun wohl noch mal so viel pisaken [sic]. Sonnabends ging es schon gleich mit französischen Briefen los. Ich bin wirklich gespannt, was Du da den ganzen Tag zu tun hast, und dann überhaupt Sonntags. Wann bekommst Du denn Deinen ersten Urlaub? Ruf mich man bald mal wieder an. Und nun laß Dir´s gut gehen.

Herzliche Grüße

Deine [Hannelore]

Wehrmachtsbericht vom 2. Juni 40.

In hartem Kampf wurde der von den Engländern auch gestern zäh verteidigte Küstenstreifen beiderseits Dünkirchen von Osten her weiter eingedrückt. Nieuwpoort und die Küste nachbarlich davon sind in deutscher Hand. Adinkerke westlich Furnes und Ghyvelde 10 km ostwärts Dünkirchen sind genommen.

Die Gefangenen und Beutezahlen stiegen auch gestern erheblich. Allein bei einer Armee wurden 200 Geschütze aller Kalibers erbeutet. An der Südfront keine besonderen Ereignisse. Die Luftwaffe bekämpfte am 1. Juni, wie bereits durch Sondermeldung bekannt gegeben, Versuche von Resten der geschlagenen britischen Expeditionskorps auf die vor Dünkirchen liegenden  Schiffe zu entkommen. Die Erfolge der Stuka-Kampfzerstörer und Jagd-Geschwader haben sich gegenüber den bereits bekannt gegebenen Zahlen noch wesentlich erhöht. Insgesamt sind 4 Kriegsschiffe, 11 Transportschiffe mit einer Gesamttonnage von 54 000 Tonnen versenkt, 14 Kriegsschiffe, nämlich 2 Kreuzer, 2 leichte Kreuzer, 1 Flak-Kreuzer, 6 Zerstörer, 2 Torpedoboote und 1 Schnellboot, sowie 38 Handelsschiffe mit einer Gesamt - Tonnage von 160 000 Tonnen durch Bombentreffer beschädigt. Zahlreiche Boote, Barkassen und Schlepper wurden zum Kentern gebracht und Truppenansammlungen am Strand von Dünkirchen erfolgreich mit Bomben angegriffen. Bei einem erneuten Vorstoß deutscher Schnellboote gegen den noch in Feindeshand befindlichen Teil der belgisch-französischen Küste gelang es einem dieser Boote einen schwer beladenen Transport-Dampfer von 4000 Tonnen durch Torpedoschuß zu versenken. Zum 1. Mal griffen Kampfverbände der Luftwaffe den Hafen von Marseille an und setzten dort zwei große Handelsschiffe in Brand. Die Eisenbahnstrecke Lyon - Marseille wurde an mehreren Stellen durch Bombentreffer beschädigt. Die Gesamtverluste der Gegner in der Luft betrugen am 1. Juni 58 Flugzeuge, davon wurden 42 im Luftkampf, 8 durch Flakartillerie abgeschossen, der Rest am Boden zerstört. 15 eigene Flugzeuge werden vermißt.

Von unseren von Drontheim nach Norden vorgehenden Gebirgsjägern wurden am 1. Juni Bodö genommen und hierbei namhaftes Kriegsgerät  und einer englischen Batterie erbeutet.

[* = Hanseatische Motorengesellschaft m.b.H. Hamburg - Bergedorf]

 

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost