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[NGM-400930-004-01]
Briefkorpus

Nr. 2 Hbg.-Bergedorf, d. 30.9.40.

Mein lieber [Heinrich]!

Mit großer Freude habe ich gestern zwei lange Briefe von Dir in Empfang nehmen können. Nr. 2 u. Nr. 3 vom 22. u. 25. sind zur selben Zeit angekommen. Neulich ist mir das noch gar nicht aufgegangen, daß das Brief Nr. 1 sein sollte, da habe ich Dir ja auch noch den Vorschlag gemacht, unsere Briefe zu numerieren, und Du warst schon längst dabei. Einmal habe ich es inzwischen ja nun auch schon vergessen, aber das Päckchen wird auch wohl so übergekommen sein.

Am Sonnabend war ich wieder in Curslack u. habe den Rest vom Kohl u. den Porree sauber gemacht, den übrigen Kohl habe ich auch noch einmal wieder durchgehackt, es sah alles sehr schmuck aus. Auch den Queck im Eingang u. rechts vor den Stachelbeeren habe ich entfernt. Es waren schon wieder Äpfel u. einige Birnen runter geschlagen, die habe ich natürlich aufgesucht. Es war hier ein ziemlicher Sturm, aber zum Abpflücken der Äpfel ist es wohl doch noch zu früh, Birnen sitzen ja doch fast keine drauf. Unsere Fliederbeeren werden furchtbar spät reif. Bei uns im Haus haben wir schon, ich glaube vor 4 Wochen die ersten gepflückt, jetzt sind sie alle ab. In Curslack dagegen hat Papa in der vergangenen Woche die ersten runtergekriegt. Einige waren aber immer noch grün. Aber die Spatzen waren sehr dabei schon u. viele lagen auf der Erde. 20 hat Papa neulich gepflückt, einige sitzen nun nun [sic] noch drauf. Wir haben fürs Pfund 11 Pfg. bekommen, zusammen RM 2,18: das erste Geld aus unserem Garten. Es ist aber doch ein Unterschied, ob früh oder spät. Mutti u. Papa haben nämlich 2 Wochen hindurch 24 Pfg. bekommen.

Gestern mußte ich nach Hoopte. Ich hatte eigentlich wenig Lust. Morgens war es ganz schönes Wetter, gegen Mittag bezog es sich aber mehr u. mehr. Als ich dann um ½ 2 Uhr losfahren wollte, fing es gerade wieder an zu spritzen. Es war auch sehr windig u. weil ich jeden Tag in diesem ungestümen Wetter fahren muß, wäre ich viel lieber in der warmen Stube geblieben u. hätte gehandarbeitet. Aber Mutti meinte, ich solle auch einmal etwas für die Familie tun. Es wurde dann auch nicht sehr viel mit dem Regen. Den Wind hatte ich auf dem Hinweg ziemlich noch; aber auf der Elbe war es schon ziemlich kalt. Kurz nach 2 Uhr war ich schon bei Tante Martha. Dort schlief fast noch alles. Elisabeth war in Hamburg zum Theater, Lydia hatte sich mit einer Freundin verabredet fürs Kino in Winsen, Martin ist in Flensburg auf einem Schiff, er hatte es im Hause nicht mehr aushalten können. Eingezogen haben sie ihn immer noch nicht, obgleich er schon 21 Jahre ist. Joachim hatte sich am Sonnabend ein großes Loch ins Knie gefallen, er war ausgerutscht u. auf einen kaputten Ziegelstein gefallen. Sie waren sofort nach Winsen zum Arzt gefahren u. das Loch ist erst einmal auf gut Glück zugenäht. Das Bein liegt in einer Schiene. Wenn kein Fieber u. keine Schmerzen hinzukommen, soll er bis Sonnabend so damit liegen. Gestern wurde es ihm schon fast zu langweilig. Ich habe noch mit ihm Mühle spielen müssen. Er war sehr gerissen, es ist ein harter Kampf gewesen, den ich dann schließlich noch um einen Punkt gewonnen habe. Dan Tante Martha hatte schönen Butterkuchen u. Topfkuchen u. gekauften Pflaumenkuchen u. – Bohnenkaffee, der mit Sahne sehr gut schmeckte. Nachmittags haben Tante Martha u. ich sehr schön geklöhnt [sic]. Ich hatte die Hochzeitsbilder mitgenommen. Sie fand sie alle sehr schön, u. es hat eine ziemliche Zeit gedauert, bis sie sich entschlossen hatte, welches sie nehmen wollte. Aber schließlich hat sie dann doch das genommen, was wir nachbestellt hatten, aber ohne mein Dazutun. Eigentlich sollte sie ja nur ein Gruppenbild haben. Aber schließlich hat Tante Martha zu unserer Hochzeit soviel Kuchen, Butter, Zucker usw. gestiftet, daß wir ihr dies wirklich schuldig sind. So müssen wir eben noch welche nachmachen lassen. Die Uhr ging dort noch zu spät, u. so hätte ich fast die Fähre um 6 ¼ nicht mehr bekommen. Etwas schwerer als ich gekommen war u. behangen sauste ich dann zur Barkasse, die schon hochgezogen hatte. Mein Vorderrad u. ein Bein hatte ich oben, aber das andere wollte nicht folgen, bis mich dann noch jemand raufgezogen hat. So bin ich dann um 7 Uhr wieder im Haus gelandet, habe schnell Abendbrot gegessen u. dann gings ins Kino „Mutterliebe“ bei Timmann. Mutti hatte mir schon eine Karte besorgt. Sie selbst wollte nicht hin, weil sie meinte, zu sehr weinen zu müssen. Ich habe aber abends noch den ganzen Film erzählen müssen. Günter war natürlich auch da gewesen.

Die Bergedorfer Zeitung werde ich Dir ab u. zu einmal schicken. Ich komme eigentlich nie dazu, sie zu lesen. Viel Neues passiert hier auch nicht. Du schreibst, Du bist mit der Festsetzung Deines Besoldungsalters nicht zufrieden. Festgesetzt ist Dein Besoldungsalter doch mit 1939. 1941 bekommst Du die erste Alterszulage. Wegen der RM 100,- werde ich einmal nachfragen. Ich weiß nur noch nicht, wann ich das machen kann. Heute fängt übrigens die Schule für allgemein wieder an. Aber sehr oft wird der Unterricht wohl noch ausfallen, denn nachdem, was in der Zeitung stand, soll, wenn Fliegeralarm war, am nächsten Tag schulfrei sein. Die Lehrer haben doch ein schönes Leben.

In Bezug auf Wünsche, die Du mir erfüllen könntest, hast Du ja im vorigen Brief schon etwas vernommen. Wird es wohl möglich sein, daß Du dort einen Hut bekommst? Sammet wird es wohl dort auch nicht besser geben als hier. Auf jeden Fall wird er wohl sehr teuer sein. Wenn man jetzt sogar Geld überweisen kann, so schreib man bald mal, wie ich das anfangen muß. – Und Du denkst wirklich, mit nach England zu kommen? Ob Du Weihnachten wohl wieder hier bist? – Sonnabend habe ich an Deine Eltern geschrieben. In nächster Zeit will ich auch an Christel u. Bertha die Bilder abschicken.

Heute gibt es bei uns Geld, da herrscht immer eine etwas gehobenere Stimmung. Nebenan wird schon geklappert.

Herzliche Grüße

Deine [Hannelore]

[*] Papa sagt eben gerade, daß ich Dir schreiben soll, daß ein Schreiben für Dich wegen des Besoldungsdienstalters angekommen sind ist. Papa hat es geöffnet. Im Febr. 1941 bekommst Du die erste Alterszulage. Du schreibst, daß Du kein Geld hast. Herr Z. sagte, daß man durch den Uffz. deutsches Geld einlösen könne. Frl. Sch. erzählte neulich, daß bei J ihrem Verlobten wurde es so gemacht, daß diejenigen, die auf Urlaub gingen ja Sold u. Verpflegungsgeld bekommen, ausgezahlt in Kreditscheinen. Diese lassen sie dann dort Kameraden u. bekommen hier in der Heimat dann deutsches Geld von den Verwandten. Wir sind alle schon so müde u. wollen ins Bett. Hoffentlich können wir heute nacht ruhig schlafen.

Herzliche Grüße

Deine [Hannelore]

[* = auf einem anderen Papier hinzugefügt]

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost