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[NGM-401015-004-01]
Briefkorpus

Nr. 12 [sic]

Hbg. - Neuengamme, d. 15.X. 40.

Mein lieber [Heinrich]!

Heute habe ich Dir einmal ein Päckchen gepackt, was ganz aus dem üblichen Rahmen herausfällt. Da dieser Brief ja sicher eher ankommen wird, will ich noch nicht verraten, was drin ist, nur hoffen möchte ich, daß es heil überkommt. Ich habe es sehr weich gebettet, u. so denke ich, daß doch der jeweilige Inhalt, wenn auch nur von zerbrechlichem Material umschlossen, bei Dir landen wird u. Dir z.T. gute Dienste tun kann. Ob Du nun wohl schon was erraten hast? Schreibst Du mir wohl gleich, wenn´s da ist, ob es so bei Dir angekommen ist, wie ich es hier abgeschickt habe?

Als ich heute nach Haus kam, fiel mein Blick wieder auf einen Brief von Dir, dabei hatte ich gar nicht zu hoffen gewagt, heute einen Brief von Dir vorzufinden. Wenn Du bei Deinen Wachen immer so viele Briefe schreiben kannst, dann könntest Du meinetwegen sehr häufig Wache haben. Kannst Du dafür am nächsten Tag schlafen? - Heute bekam ich auch einen Brief von Trudel H., die Medizin studiert. Sie hatte mir schon vor längerer Zeit geschrieben, ich hatte ihr dann vor kurzem erst geantwortet, ich meine, es war erst vorgestern, so war ich ganz erstaunt, heute schon wieder einen Brief von ihr zu haben. Sie schreibt nur über ihre Doktorarbeit. Sie hoffe, etwas ganz Neues entdeckt zu haben: die Verjüngung des Menschen, worüber sie auch schreibt. Sie wohnt jetzt auf einem schönen Zimmer in Hbg.Eppendorf. Sie hat mich eingeladen, sie einmal zu besuchen. Ich werde bei Gelegenheit einmal hinfahren.

Morgen will ich wahrscheinlich in Bergedorf ins Kino. Es gibt dort einen Hans Albers Film, der nach Günters Ansicht sehr gut sein soll. Im Geschäft wurde mir das aber auch gesagt. Die Zeit verläuft schneller, wenn man etwas unternimmt. Sonst ist ja jeder Tag wie der andere.

Nun will ich Dir noch etwas von letzten Sonntag erzählen. Wie ich Dir ja schon mitgeteilt habe, war ich in Toppenstedt. Ich wollte eigentlich mit Grete [Baumann] zusammen fahren. Am Donnerstag war ich ja bei ihr, um sie zu fragen. Lust hatte sie natürlich.

Evtl. wollten wir schon am Sonnabend kommen fahren. Sie wollte noch einmal vorkommen in Neuengamme, um das zu besprechen. Wer nicht kam, war natürlich Grete. Da bin ich dann am Sonnabend gegen Abend noch einmal wieder rübergewesen, aber Fräulein Grete war nicht im Hause. Auch bis Sonntagmorgen um ½ 10 Uhr hatte sie sich nicht bei uns blicken lassen. Da bin ich ja dann allein losgefahren. (Als ich damals nach Hoopte war, hat sie nachher gesagt, ich hätte ihr gern Bescheid sagen können, sie wäre gern mitgefahren. Deshalb tat ich es diesmal; aber hinter ihr herlaufen, tu ich ja nun auch nicht.) Auf der Barkasse traf ich dann Elfriede Sch. aus Curslack, die nach Bahlburg wollte. Die wußte, daß in Winsen im Bahnhof ein Automat noch Bonbons hatte, da haben wir uns dann noch einige Groschen eingewechselt u. eingesteckt. So hatte ich doch wenigstens etwas für die Toppenstedter Kinder. Ich hatte eine Tasche voll großer Birnen mitgenommen, aber die Bonbon mochten sie ja viel lieber, sowas gibt es heute ja auch selten. Sie haben sich richtig gefreut. Elfriede hat mir dann noch eine neue Haarfrisur gemacht. Sich selbst, ihre Mutter u. Schwester hatte sie auch schon so frisiert. An den Seiten eine Rolle eingerollt bis zum Knoten. Ich habe es in diesen Tagen auch schon so getragen. Im Haus u. im Geschäft mögen sie es gern leiden. Ob Du es auch wohl möchtest? Übrigens mit dem Hut. Er gefällt Mutti so gut, da hat sie doch neulich gesagt, dazu hätte ich auch wohl beinahe Lust. Ist das nicht zum Lachen, wo sie zuerst so geschimpft hat? Wir wollen nun erst einmal abwarten, wie es jetzt wird, wenn er fertig ist. - Hast Du schon mal nach Sammt [sic] Ausschau gehalten? - Du schreibst in Deinem Brief, ich hätte von Deiner Verrohung gesprochen, darauf kann ich mich gar nicht mehr besinnen. Wie ich Dir gestern schon schrieb, hat Hermann Göring gesagt, der Krieg sei Weihnachten zu Ende. Er soll zu einem Soldaten gesagt haben: Schreib ruhig Deiner Braut, Hermann hätte das gesagt. Darauf baue ich nun erst einmal wieder fest. Weihnachten sind ja nur noch 10 Wochen, u. 5 haben wir schon rum. Jetzt aber will ich erst einmal wieder ins Bett. Da kuschele ich mich dann in die Federn u. denke Du bist bei mir.

Herzliche Grüße u. Gute Nacht

Deine [Hannelore].

Zwischen Nr. 11 u. 12 ist noch eine Karte abgegangen, die ich vergaß zu numerieren, die wirst Du aber wohl auch erhalten haben.

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost