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[NGM-401022-004-01]
Briefkorpus

Nr. 18. 

Hbg.-Neuengamme, d. 22.X.40.

Mein lieber [Heinrich]!

Gestern erhielt ich Deinen Brief mit dem Pollunder [sic] Muster. Nr. 15 v. 16.X.40. Wir kommen also jetzt wieder auf die fünftägige Reisedauer. Jetzt hast Du ja doch die Maße vom Pollunder [sic] mitschicken können. Hast Du denn inzwischen ein Zentimetermaß organisiert? Das hast Du sehr schön gemacht. Ich bin gestern gleich angefangen mit dem Bund. Leider kam nach 9 Uhr schon wieder Fliegeralarm, u. wir mußten das Licht ausmachen. Ich habe Deine Maße mit den Ausmaßen von Günter verglichen. Etwas dicker bist Du doch noch. Das hätte ich eigentlich gar nicht gedacht. Das hast Du dann wohl dort schon zugenommen! Was für einen Mann ich wohl nur wiederbekomme.

Dem Mond habe ich auch schon oft meine Grüße aufgetragen. Neulich war er so sehr groß u. hell u. schien so lachend herunter. Auch morgens wenn ich ins Geschäft fahre, ist er immer noch am Himmel. Da habe ich oft gedacht, ob Du ihn wohl auch siehst? U. dabei an mich denkst? Aber jetzt habe ich ja die Bestätigung. Seltsamerweise ist mir bei der Sonne noch nie dieser Gedanke gekommen, u. da ist es doch eigentlich viel naheliegender.

Deinen grauen Pullover habe ich gestern von Curslack geholt. Bei Tage wollen wir nun eine gleiche Farbe von Stopfgarn aussuchen, die schicke ich Dir dann hin, u. danach kannst Du ja dann Wolle einkaufen. Wir wollten nicht gern etwas vom Pullover abschneiden. Mutti meinte, ich könnte ruhig an das Bund (Du bezeichnest das mit Bauchmanschette) ranstricken. Meiner Meinung nach müßte aber wohl das alte Bund abgenommen werden, u. durch ein ganz neues, längeres ersetzt werden. Sonst sieht es doch wohl zu angeflickt aus, denn Handstrickerei wird doch anders als das gewirkte. –

Inzwischen bin ich jetzt nach Haus gekommen u. habe Deinen langen Brief Nr. 16 vom 16.X.40 2215 Uhr bekommen. Jetzt bist Du schon so etwas wie eine Telefonistin geworden, was ein Soldat nicht alles machen muß. Bist Du denn nun schon ganz perfekt bei Deiner Rechenmaschine? Es ist doch eigentlich schön, daß Du dort soviel verschiedene Sachen machen kannst, als wenn Du nur tagaus tagein dieselbe Beschäftigung hättest. Du fragst nach meinem Hut. Ich wollte Dir eigentlich erst dies mitteilen, wenn ich ihn von der Putzmacherin zurückhabe, aber wo Du nun danach fragst, kann ich Dir ja auch jetzt schon davon erzählen. Bald danach als ich ihn bekam, bin ich mit Mutti losgewesen. Im ersten Geschäft fanden wir nichts. Dann waren wir bei J.. Der erste Hut, den ich aufbekam, war so eine Art Herrenhut, mit hinten aufgeschlagenem Rand u. dann so schräg nach vorn rüber. Er sah nicht schlecht aus. Mutti mochte ihn sofort leiden. Mutti hatte auch nicht allzu viel Zeit, weil sie gern den ½ 6 Uhr Zug haben wollte. Diesen Hut sollte ich man nehmen. Mutti ging dann schon weg. Dann dachte ich, daß Du den Hut sicher nicht leiden möchtest, weil doch mein Sommerhut so ähnlich ist. Mir gefiel er auch nicht so ganz. Ich fand ihn zu steif, vielleicht angebracht bei einem ausgesprochenen Sportmantel, aber nicht für einen Velourhut u. bei meinem blauen Wintermantel. Ich wollte gern eine etwas weichere V Form. Mir wurde erzählt, daß man die Glockenform, so wie meine beiden anderen Hüte, der grüne u. der rote, jetzt gar nicht mehr hätte. Die würden gar nicht mehr angefertigt. Da kam sie schließlich mit der neuen Glockenform an, die man etwas nach hinten auf den Kopf setzt, wo der Rand aber in die Stirn kommt, der Hut wird gerade auf den Kopf gesetzt (nicht schief). Der gefiel mir dann besser. Jedenfalls schien mir die Form besser zu Velour zu passen. Nach diesem Modell habe ich mich also dann entschieden, meinen Hut arbeiten zu lassen. Am Dienstag, d. 29. Oktober kann ich ihn abholen. Ich bin sehr gespannt, wie er sein wird, u. was Du wohl dazu sagen wirst. Wann Du ihn wohl zu sehen bekommst?

Mutti läßt Dich bitten, etwas blaue Wolle zu schicken zum Anstricken von Günters Pullover. Eine ungefähre Farbprobe lege ich bei. Es kommt g nicht genau auf die Farbe an. Die Stärke sollte etwas dicker sein als die Probe, aber nicht ganz so dick wie die andere Wolle, die Du geschickt hast. 200 g möchtest Du kaufen. RM 4,- sind hier im Brief beigegeben. Dann möchtest Du Dir doch Strumpfwolle kaufen, damit wir die Strümpfe stricken können. Ca 250 g - 300 g benötigt man wohl dafür.

Dein Schreibpapiervorrat, den ich Dir schickte, dürfte inzwischen wohl erschöpft sein. Du magst ja dort auch Papier bekommen können, aber für alle Fälle schicke ich Dir heute einmal wieder etwas mit. (separat)

Ich wollte Dir auch heute ein kleines Heft von Tran u. Helle schicken, was vielleicht dort etwas zur Unterhaltung beitragen kann, aber es geht nicht in die Umschläge hinein, die ich hier zur Verfügung habe. Da schicke ich es morgen früh im Geschäft ab.

Dann muß ich Dir auch noch etwas erzählen. Es wird wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis diese Überraschung eintrifft, aber trotzdem kannst Du Dich ja schon drauf freuen. Wir haben vom Geschäft aus an die Niederegger Marzipanfabrik in Lübeck geschrieben, u. angefragt, ob sie Süßigkeiten an von uns aufgegebene Feldpost-Anschriften abschickt. Heute haben wir nun die Nachricht bekommen, daß wir unsere Feldpost-Anschriften aufgeben sollen. Da es nur durch die Firma möglich ist, u. wir ja die Sachen auch gar nicht erst zu sehen bekommen, habe ich Deine Adresse mit bei unseren anderen Anschriften aufgeben dürfen. Man bekommt hier nämlich gar keine Bonbons oder sonstige Süßigkeiten mehr, u. da durfte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen. So wirst Du in einiger Zeit wohl ein Päckchen bekommen, das den Absender Hanseatische Motorengesellschaft trägt, denn Privatabsender werden wir wohl nicht angeben können. Das ist ja aber auch vollkommen gleich, die Hauptsache ist doch, daß Du überhaupt etwas bekommst u. daß es Dir gut schmeckt. Hoffentlich habe ich Dir den Mund nun nicht zu lange im voraus wässrig gemacht. – Heute abend scheinen die Engländer nicht zu kommen, es ist jedenfalls schon 1010 Uhr. Aber die Nacht ist ja noch lang. Nun will ich noch einige Birnen essen u. dann geht´s in die Klappe. Gute Nacht! Mein lieber, süßer Mann.

Herzliche Grüße

Deine [Hannelore]

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost