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[NGM-401027-004-01]
Briefkorpus

Nr. 23. 

Hbg.-Neuengamme, d. 27.X.40.

Mein lieber [Heinrich]!

Wieder habe ich heute abend mein Reich allein. Es ist Sonntag 7 Uhr (19), also den ganzen schönen Abend habe ich noch vor mir. Die ganze übrige Familie sitzt im Kino bei Timmann. Das fängt seit einiger Zeit schon um 7 Uhr an. So habe ich die ganze schöne warme Stube u. das Sofa für mich, u. das mag ich am liebsten, wenn ich Dir einen Brief schreiben will. Neben mir liegt Deine die Schokolade aus Deinem letzten Päckchen mit den Schlüpfern noch unangebrochen, aber heute abend muß sie dran glauben, jedenfalls ein Teil. Heute mittag habe ich Deinen Brief Nr. 21 vom 20. Oktober bekommen. Deine Briefe Nr. 18 u. 19 vom 18. u. 20. X. dagegen schon am 24., also Donnerstag. Es ist doch sehr verschieden, wie die Sachen überkommen. Der Brief Nr. 19 ist ja mit vier Tagen verhältnismäßig schnell übergekommen, aber trotzdem wirst Du wohl das darin erbetene Geld nicht mehr bis zum heutigen Sonntag erhalten haben. Die RM 30,- sind

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aber doch wohl inzwischen gut übergekommen. Heute lege ich nochmal RM 10,- bei. RM 40,- so am Ende des Monats, daßs ist doch wirklich schon eine Leistung, findest Du nicht auch? Außerdem muß ich noch am Ende dieses Monats, wahrscheinlich morgen, meine große Uhrenreparatur (soll RM 10,- kosten) u. den schönen Hut bezahlen. Dann bin ich aber auch gänzlich ausverkauft. Aber es gibt ja bald wieder was. Nur aus dem Sparen, was ich mir so fest vorgenommen hatte, wird immer nichts. – Als ich heute mittag Deinen langen Brief bekam, war gerade ein SS Mann hier, der wollte von Papa die Noten zu dem Lied: „Üb immer Treu und Redlichkeit bis an Dein stilles Grab...“ haben. Da es in keinem Liederbuch zu finden war, mußte Papa die Melodie so in Noten aufsetzen. Ich redete dann etwas mit dem SS Mann. Dann kam der Postbote, u. ich las Deinen Brief. Er sah wohl, daß es Feldpost war u. fragte, von wem denn der lange Brief sei, da sagte ich: Von meinem Mann. Da machte er ein ganz komisches Gesicht, fragte dann aber, wo Du denn bist u.s.w.

In der letzten Zeit haben wir hier wieder bis auf einen

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Tag während der ganzen Woche Alarm gehabt. Meistens beginnt er gegen 9, ½ 10 Uhr, dauert dann bis 2 oder 3 Uhr u. setzt um 4 oder 5 Uhr wieder ein u. dauert dann bis 6, ½ 7 Uhr. Gegen 12 - 1 Uhr legen wir uns meistens ins Bett, aber schlafen kann man bei der Knallerei ja auch nicht. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist in Hamburg allerlei angerichtet worden. Im Hafen hat es gebrannt (4 Schuppen, Oellager), auf der Lombardsbrücke waren Blindgänger niedergegangen, außerdem war wohl ein Gleis beschädigt, denn der Verkehr zwischen Hauptbahnhof u. Sternschanze war einige Tage lahmgelegt. In einigen Wohnvierteln sind noch Brandbomben gefallen. Von hier aus konnte man nachts den roten Schein über Hamburg sehen, auch sogar einige Flammen. Heute morgen dauerte die Schießerei wieder bis 6 Uhr an. Und wenn dann die gewohnte Ausschlafzeit kommt, kann ich nicht mehr schlafen. Es ist ja aber trotzdem sehr schön im Bett zu dösen, aber um 8 Uhr werde ich immer rausgeworfen. Sonst geht der Morgen ja auch hin, ohne daß man etwas beschickt hat. Heute nach dem Mittag haben wir gebadet, weil heute morgen so viel Zeit

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mit dem Warmheizen der Zimmer verlorengegangen wäre. Es war nämlich heute morgen eine ziemliche Kälte, u. besonders dort oben unter dem Dach. Heute morgen hatte es zu ersten Mal so richtig gefroren. Die Dächer waren alle weiß, die Blumen alle schwarz/ braun u. ließen die Köpfe hängen. Gut, daß ich heute morgen nicht mit dem Rad los brauchte. Hoffentlich ist es morgen wieder etwas besser. Heute nachmittag bin ich auch gar nicht nach draußen gewesen. In der warmen Stube war es viel schöner. Ich habe an Deinem Pollunder [sic] gestrickt. Er hat schon die beträchtliche Länge von 25 cm. Mutti meint, ich soll den Rücken schlicht stricken, also oben die Zöpfchen, aber das finde ich nicht, das wäre ja Vorspiegelung falscher Tatsachen. Mutti meint, das würde sich an dem Jakett(?) (Jacke) abheben. Schreib mal, was Du vorziehst. - Heute nachmittag rief Emmi W. mich an. Wir haben eine ziemliche Zeit zusammen geklönt. Emmi wohnt in Hamburg (Bundesstraße) auf einem Zimmer, geht dort zu einer Schule, Seminar für Fürsorgeschwestern, bis 1942 dauert ihre Ausbildung. Sie hat mich eingeladen, ich möchte sie einmal auf

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einen Sonnabend besuchen. – Heute um 6 Uhr rief August plötzlich an. Er ist von Dänemark auf Sonntagsurlaub gekommen. Ich soll Dir einen herzlichen Gruß bestellen. Wenn Du Schulrat M. triffst, u. der ist doch bei Eurer Abteilung, möchtest Du auch ihm einen Gruß ausrichten. August war also unverhofft auf Urlaub gekommen, u. nach Brockhausen i. Westfalen [*], seine Heimat gefahren, wo er seine Frau u. seinen Jungen zu finden glaubte. Erika aber war vor einigen Tagen dort abgefahren gewesen, aber niemand wußte wohin. So hatte er sich sofort wieder in den nächsten Zug gesetzt u. war morgens um ½ 6 Uhr in Hamburg angekommen. Auch hier war die Wohnung leer u. kalt. Keine Erika u. kein Winfried waren zu finden. Da hat er dann sofort in Nindorf angerufen, sie möchten Erika Bescheid geben, daß sie sofort nach Hamburg kommen möchte. So wurde von dortaus dann in Tangendorf, Quarrendorf u. Toppenstedt angerufen, wobei man sie dann in Toppenstedt fand. In aller Frühe sind die beiden dann abgefahren. Mutti hat nun schon andauernd g daran gedacht

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was sie wohl heute essen, denn auf einen Sonntag ist doch nichts zu haben. Morgen früh um 6 Uhr muß August auch schon wieder aus Hamburg abfahren. Wenn sie dann heute nacht noch in den Keller müssen, g was ja bestimmt der Fall sein wird, so hat August ja nicht allzu viel Schlaf in seinem Urlaub gehabt. –

Nun muß ich Dir noch ein Heldenstück von unserem Günter erzählen. Marlehn F. (W.) hat heute bei uns im Gasherd einen Kuchen gebacken, weil ihr elektrischer Herd kaputt war. Günter hatte heute morgen Dienst, kam einmal wieder erst um ½ 3 Uhr nach Hause (solange Du weg bist, hat er übrigens noch nie mit uns Mittag gegessen) u. sah den Kuchen auf dem Tisch stehen. Wie üblich ging er natürlich dabei u. pulte die Rosinen u. die schöne Kruste ab. Zum Glück kam Mutti bald darüber zu. Aber da hat er sich einmal wieder von der richtigen Seite gezeigt.

Daß Ernst R. u. Du Euch noch am letzten Sonntag getroffen habt, war ja ein großes Glück. Ich kann mir vorstellen, wie Ihr Euch beide gefreut habt. Aber wissen möchte ich, was Du ihm

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über unser „Eheleben“ erzählt hast!! Deine Vermutung, daß ich am letzten Sonntag einen Brief mit Nr. 16 schreiben würde, ist genau eingetroffen. Hast Du das auch festgestellt? Auf Grund meiner kaufmännisch / geschäftlichen Tätigkeit führe ich ja über alles Buch u. kann das also noch genau feststellen. Heute tr [sic] (1 Woche später) trägt mein Brief nun schon die Nr. 23. Also auf jeden Tag kommt ein Brief. Dabei habe ich gestern u. vorgestern gar nicht geschrieben. Wegen der sich steigernden Sehnsucht willst Du ja aber auch in geringeren Schriftwechsel mit mir treten. Da das Weib dem Mann untertan ist, muß ich mich dem ja fügen. Die Gründe für Deine veränderte Einstellung betr. Geld habe ich noch nicht so recht erkennen können, Du wirst es aber wohl in dem Brief Nr. 17 geschrieben haben, der dem Päckchen beiliegt. Das bewußte Päckchen aber ist noch nicht übergekommen. In dem heutigen Brief schreibst Du nur wegen der neuen Postverfügung. Ich nehme ja an, daß das bedeuten soll, daß Du jetzt so viele Pakete schicken kannst, wie Du Lust hast, oder jedenfalls eine höhere Anzahl als vier (4) im Monat. Sonst würdest Du ja auch nicht für 1,- bis 2,- RM Briefmarken erbeten haben.

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Damals ist mir das aber auch noch keinesfalls aufgegangen. Übrigens, wenn Du dort einen Hüfthalter bekommen kannst, so kannst Du mal so etwas schicken, denn bei dem von damals ist das Gummiband kaputt, u. man bekommt nichts wieder dafür. – Ich bin äußerst gespannt, was Du sonst noch für Einkäufe getätigt hast. –

Weißt Du jetzt schon Näheres über Eure evtl. Versetzung? Bei all dem Schreiben hatte ich ganz meine Schokolade vergessen. Eben habe ich etwas in den Mund gesteckt. Was ist das eigentlich, was da drin ist. Erst dachte ich Krokant, aber das scheint es doch nicht zu sein. – Wann wir wohl einmal Muscheln essen gehen? Ich habe noch nie so etwas gegessen. Ob Du diesen Brief wohl noch am 30.X. bekommst? Aber Du bist dann auch wohl so mit Deinen Gedanken bei mir. Ich möchte Dich so gerne bei mir haben.

Nun aber habe ich Dich schon viel zu lange aufgehalten, u. ich muß unbedingt schließen. Ein Kragen will auch noch angenäht werden, u. Dein Pullunder fragt schon immerzu, ob er nicht bald wieder an die Reihe kommt.

Herzliche Grüße u. Gute Nacht!

Deine [Hannelore]

Bekommst Du die Post immer abends?

[* = unklar, welcher der Orte es genau ist]

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost