Nr. 24.
Hbg.-Neuengamme, d. 28.X.40.
Mein lieber [Heinrich]!
Wir sind jetzt schon wieder mittendrin im Fliegeralarm. Heute ist der Tommy schon vor 9 Uhr hier angekommen. Augenblicklich ist es aber ruhig.
Heute während der Mittagszeit (20 Min.) war ich zur Sparkasse, weil ja nach Geschäftsschluß dort nicht mehr geöffnet ist. Beide Male hin u. zurück waren die Schranken runter, so daß ich dort eine ziemlich lange Zeit warten mußte, trotzdem aber bin ich mit nur 6 Min. Verspätung wieder im Geschäft gelandet. Ich habe aber auf der Sparkasse nichts ausrichten können. Ohne Deine Unterschrift darf ich kein Geld von Deinem Girokonto abheben oder überweisen lassen. Ich muß von Dir erst die Bevollmächtigung haben, daß auch meine Unterschrift dort anerkannt wird. Zu diesem Zweck wurde mir das anliegende Formular mitgegeben. Wo x) ist, mußt Du jeweils Deinen Namen hinsetzen, wo xx) sind, muß ich dann unterschreiben, ich glaube in Gegenwart eines Herrn von der Sparkasse. Ich hatte Deinen Brief mitgenommen u. I ihnen dort die Stelle gezeigt, wo Du mir den Auftrag gegeben hattest, aber auch das half nichts. So konnte ich also nichts ausrichten. – Heute abend um 8 Uhr kam Fräulein Sch. uns besuchen. Sie fragte mich, ob ich am Sonntag mit nach Bergedorf zum Konzert der reformierten Kirchenmusik wolle. Da wir aber Sonntag Besuch bekommen (meine Cousine Mariechen aus Nindorf u. Hilda aus Toppenstedt kommen Sonnabend / Sonntag / Montag) mußte ich ablehnen. Wie sie dazu kommt, mich mitnehmen zu wollen, weiß ich nicht. Grete ist wohl in Hamburg, aber Sonnabends [sic] wird sie doch wohl rauskommen. Waltraut blieb dann noch bis zum ersten Schießen hier. Da sah sie dann auch den angefangenen Pollunder [sic] für Dich. Sie meinte dann auch, daß sie den Rücken schlicht stricken würde, ohne das Zöpfchenmuster. Unter der Jacke würde sich das sicher sehr abheben, u. Du hättest dann lauter Höcker auf dem Rücken. Wie willst Du den Pollunder [sic] tragen, hauptsächlich mit Jacke, oder in erster Linie nur übers Hemd, ohne Jacke. Wenn Du ihn hauptsächlich mit Jacke anziehen willst, so ist es wohl besser, wenn der Rücken schlicht ist, außerdem sieht man das ja gar nicht. Willst Du ihn aber auch ohne Jacke tragen, so mag ich es lieber leiden, wenn auch der Rücken das Zöpfchenmuster hat. Aber Du wirst wohl meistens eine Jacke drüber tragen, meinst Du nicht auch?S
Heute morgen im Geschäft rief H.i mich an. Sie stand vor einem großen Problem u. wollte mich um Rat fragen. Ich schrieb Dir doch, daß sie einen Freund hat, der seit ca. 4 Wochen eingezogen ist u. auf Sylt liegt. Nun hatte sie sich bis vor kurzem mit einem Soldaten (Frankreich) geschrieben, der früher im selben Haus gewohnt hatte. Als dann aber das Verhältnis mit dem anderen Herrn „ernsterer Natur“ wurde, hat sie dem Soldaten abgeschrieben, aber ohne irgendwelche Gründe anzuführen. Nun aber ist der Soldat auf Urlaub gekommen, u. hatte schon am Sonnabend bei H.i im Geschäft angerufen. H.i war am Sonnabend aber krank u. war nicht im Geschäft.
Heute morgen hatte er dann wieder angerufen u. hatte H.i gebeten, sie noch einmal zu besuchen. Zun ½ 6 Uhr hatten sie sich nun verabredet. H.i wußte nun nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie meinte: ich kann ihm doch nicht erzählen, daß ich jetzt einen anderen Freund habe. Aber den anderen jetzt sitzen lassen, daß kann ich doch auch nicht. Darüber, daß sie überhaupt diesen letzten Gedanken hatte, war ich sehr erstaunt, wo sie damals so begeistert war u. mir erzählte, daß sie bestimmt heiraten würden. Na, aber durch dieses Hin u. Her müssen wohl alle Mädchen hindurch. Und wenn sie dann schließlich doch wohl das Rechte getroffen haben, wird die Liebe umso größer. Ich bin nun gespannt, was H.i gesagt hat. Morgen früh will sie wieder anrufen. – Dein Päckchen ist heute noch nicht angekommen, aber morgen wird es dann wohl hier sein, es reist ja schon lange genug. – Hoffentlich werden wir heute ab nacht nicht allzu häufig gestört. Ich möchte so gerne einmal wieder ordentlich schlafen, am liebsten aber bei Dir.
Herzliche Grüße u. Gute Nacht!
Deine [Hannelore]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost