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[NGM-401108-004-01]
Briefkorpus

[Hannelore] [Baumann] [*]

Neuengamme [*], 8. November 1940.

Mein lieber [Heinrich]!

Heute habe ich Dein Päckchen vom 25. Okt. in Empfang nehmen können. Die blaue Wolle zu Günters Pollunder [sic] over paßt sehr schön. Die Ärmel sind auch schon ganz kaputt, sie können ja jetzt durch neue ersetzt werden. Deine Unterhose ist auch wieder sehr schön. Ist denn die Garnitur, die Du dort anziehen willst, noch dicker? Da wirst Du später auf dem Weg von Curslack nach Altengamme/ Horst wohl nicht frieren auf dem Rad. Für die Schokolade vielen Dank. Wo nun der Vorrat wieder aufgefrischt ist, hat ein Stück älteren Kalibers dran glauben müssen. Gestern ist schon Dein Päckchen vom 29.X. mit den beiden Paaren Strümpfen angekommen. Was für schöne weiche Strümpfe. – Heute ist Herr Sch. auf Urlaub gekommen. Als Frl. Sch. u. ich aus dem Geschäft kamen, trafen wir ihn am Bahnhof. Er freute sich, daß er 3 Wochen Urlaub hatte. Als ich weiter durch die Stadt ging, traf ich Tommi (Herrn T., unseren Klassenlehrer). Er hatte uns mal bei Worm beim Möbelkaufen gesehen. Er erzählte mir, daß neulich dort im Lager Feuer ausgebrochen sei. Viele Sachen seien schwarz verbrannt u. verkohlt. Nichts war versichert. Wer da den Schaden wohl zu tragen hatte? Ist doch gut, daß uns so etwas nicht passiert ist. – Wie ich Dir im letzten Brief mitteilte, war ich vorgestern abend bei Marlehn F.. Ich war ganz überrascht, daß dort eine so große Sache los war, hatte mich gar nicht mal umgezogen. Albert W. u. Frau, Herr H. u. Frau, eine Freundin aus Bergedorf u. Heini J. waren dort. Zum Stricken bin ich da natürlich gar nicht gekommen. Es gab schönen Bohnenkaffee mit Konservenmilch, nachher Rotwein. Abends wurde dann Karten gespielt. Da die Engländer nicht kamen, haben wir bis 12 Uhr gespielt. Als ich dann rausging, war es stockfinster. Ich konnte nicht die Straße erkennen. Nur ganz ganz schwach hoben sich die Dächer vom Himmel ab. Als ich ungefähr bei Schlachter Wulf war, hörte ich plötzlich schwere Schritte hinter mir, immer schneller u. schneller. Ich beeilte mich immer mehr, aber das kam immer näher. Ich hatte eine fürchterliche Angst. Als ich in der Nähe unseres Hauses sein mußte, ging ich nach rechts, konnte die Gartenpforte aber nicht gleich finden. Da sagte er: „Na, Fräulein, schon nach Haus.“ Ich hab nichts gesagt u. war froh, als ich endlich drinnen war. Man hört in letzter Zeit so viel von solchen Sachen. Magda E. soll neulich auf dem Neuen Deich direkt angefallen sein (von einem Polen). – In dem großen geheimnisvollen Päckchen, das Mietze zum Geburtstag bekommen hatte, war ein schöner weicher, seidener, dickgefütterter Morgenrock u. ein schwarzer Pelzmantel, beide Sachen paßten sehr gut. Wo magst Du nun wohl hingekommen sein, ob Du dort wohl auch noch etwas kaufen kannst? Ein seidenes Halstuch könntest Du mir noch mal schön besorgen. Von der Behörde ist Nachricht gekommen, daß alle Hamburger Lehrer reklamiert werden sollen. Vielleicht kommst Du ja dann auch bald frei! Ich glaube, es wird nicht mehr allzu lange dauern. Zuerst wollte ich Dir hierüber nichts schreiben, denn wenn es nicht zutrifft, hast Du Dich vergeblich gefreut u. wirst nur enttäuscht. Vielleicht ist es aber doch besser, wenn ich es Dir schreibe, falls Du noch etwas kaufen willst, vorher, was Du dann mitbringen könntest. Denn, wenn Du den Befehl kriegst zu fahren, wird wohl dazu keine Zeit mehr sein. – Nun aber wird es wieder Zeit ins Bett zu gehen. Morgen übernachte ich in Hamburg! Hoffentlich verschont uns der Engländer.

Herzl. Grüße u. Gute Nacht

Deine [Hannelore]

Morgen sind wir schon ¼ Jahr verheiratet!

[* = Aufdruck auf dem Briefpapier]

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost