31.
10. Nov. 40.
20. Nov. 40 [*]
Meine liebe [Hannelore]!
Du wirst leider in jetziger Zeit oft vergeblich nach Post von mir Ausschau gehalten haben.
Es ist ja so, während unserer Reise hat man wirklich wenig Gelegenheit zum Schreiben. Und ist mal ein wenig Zeit vorhanden, so kann man sich wegen der Kameraden auch nicht hinsetzen und sofort Briefe schreiben. Außerdem fehlt mir meistens das Schreibpapier. In diesem Augenblick weiß ich aber, daß mir noch eine halbe Stunde Freizeit zur Verfügung steht, deshalb habe ich den Uffz. um ein Blatt gebeten. Der Umschlag fehlt mir momentan, aber nachher werde ich den Brief schon loswerden.daß
Am 8. November 40 zwischen 7 + 8 Uhr habe ich das erste Mal französischen Boden betreten. Ich saß aber im LKW hinten unter dem Verdeck. Leider konnte ich im Morgengrauen eigentlich nur wenig sehen und erkennen. Ich bin nicht das Überfahren der belgisch - franz. Grenze gewahr geworden, Ebenso habe ich nicht das Durchfahren der Maginot - Linie bemerkt. Plötzlich waren wir in Maubeuge. Dort ist mir erst klargeworden, was überhaupt Autofriedhof heißt. Hunderte von verschiedenen Kraftfahrzeugen, wohl tausende, bildeten ein wildes Chaos. Bäume waren zerschmettert, Fabriken zertrümmert, Bahnstränge zerrissen, Häuser öde und verlassen. An mehreren Stellen nur Schutt, Trümmer und Ruinen. Auf den Dörfern, die uns zum Quartiermachen vorgeschrieben waren, haben wir auch viele verlassene Gehöfte vorgefunden. Die Einwohner sind im Mai + Juni geflüchtet und bis heute noch nicht zurückgewieder kehrt. Man sagt, daß sie überhaupt nicht wieder zurückkehren wollen. Es sollen reiche Bauern sein, die mit ihrem Geld anderswo in Frankreich ein Zuhause gegründet haben. Aber wie jetzt in diesen verlassenen Wohnstätten gehaust worden ist, ist geradezu unbeschreiblich. Der Dichter sagt: „In den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen.“ Morgen sind wir am Ziel.führt
Herzliche Grüße
Dein [Heinrich].
[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]
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Heinrich Wilmers
Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost