Nr. 31.
Hamburg - Bergedorf, den 11.11.40.
Mein lieber [Heinrich]!
Heute morgen im Haus habe ich Dir ein kleines Päckchen gepackt. Ich weiss nicht, ob Du jetzt überhaupt meine Post erhältst, ich habe von Dir zuletzt jedenfalls unter dem 30.10. Nachricht bekommen, d.h. die Päckchen kamen später an, aber sie waren ja früher abgeschickt worden. So nehme ich an, dass Ihr wohl am 31.10. oder 1.11. von Breneede [sic, wohl Bredene] weggekommen seid. Unterwegs wirst Du nun wohl nicht schreiben können. Aber Eure Feldpost - Nummer wird doch sicher dieselbe bleiben, und so nehme ich an, dass, wenn Du auch die Briefe nicht gleich bekommst, sie doch wenigstens nachgeschickt werden.
Sonnabend bin ich mit H.i in der Ufa gewesen. Wir haben gesehen mit Zarah Leander und Willi Birgel: „Das Herz der Königin“. So nachträglich im ganzen gesehen war der Film doch eigentlich xxxx [sic] ganz gut, wenn ich auch während der Vorführung oft gedacht habe, wie kann das eine Königin sein; ich hatte mir Maria Stuart anders vorgestellt. Aber es kommt ja in diesem Film auf das Herz an, wo sie eben mehr Frau als Königin ist.
In der Nacht von Sonnabend auf den Sonntag haben wir in Hamburg unbehelligt schlafen können. Am Sonntag haben wir fast den ganzen Tag gehandarbeitet, das Vorderteil von Deinem Pullunder habe ich fertig bekommen. H.i arbeitete an einem Kissen. Die Ecken von ihrer runden Leinendecke hatte sie zusammengesetzt und sich darauf ein Muster zeichnen lassen. Es waren nun so grosse Kreuze drauf, dass sie das ganze Kissen an einem Tag fertig bekam. Das Muster an sich gefiel ihr aber gar nicht. Auch waren keine Farben angegeben und an einer Stelle ist es nun ziemlich unmöglich geworden, das will sie morgen nun doch wieder aufmachen. Der Kuchen in Hamburg schmeckt doch nicht mehr so gut wie bei uns. Furchtbar trocken, z.T. so wie Pappe. Aber schönen Bohnenkaffee gab es bei H.s auch. Die Butter hatte jeder in einem kleinen Gefäss. Ich habe mit aus H.is gegessen, weil sie insofern am besten dran ist, als sie trockenes Brot mit ins Geschäft nimmt, und dort sich Butter aufstreichen kann, so viel sie will. Sie ist ja in einem Butter en gros Geschäft tätig. Äpfel können sie jetzt auch nicht mehr kaufen, die gibt es nur noch für Jugendlich [sic] bis 18 Jahren, Dieter bekommt in der Wochen ¾ Pfund. Das ist ja aber auch nicht viel. Ich will Ihnen [sic] nun in Neuengamme 20 Pfund besorgen, die will H.i sich dann abholen.
Ich sollte noch bis Montagmorgen bleiben, damit wie Sonntagabend noch gemütlich verbringen sollten, aber das habe ich doch abgelehnt. Einmal bringt es morgens so viel Unruhe ins Haus, weil ich ja schon zu früh wegmusste, H.i steht erst um ½ 8 Uhr auf, und zweitens hätte ich dann ja auch von dort so viel Brot zum Frühstück mitnehmen müssen. Ich ging dort gegen ½ 8 Uhr weg, fuhr bis Hptbahnhof, dort erfuhr ich aber, dass der Zug von Berliner Tor abfuhr, die nächste Vorortsbahn hatte entsetzlich viel Verspätung, 8 Uhr 15 ½ [sic] kamen wir an, 8 Uhr 17 fuhr der Zug nach Bergedorf ab. Ein furchtbares Gerenne setzte ein, und dann diese Finsternis. In den ersten besten Wagen stieg ich ein, bekam auch zum Glück noch einen Platz und der Zug fuhr ab. Da hatte ich wirklich viel Glück. Wenn die Vorortsbahn noch eine halbe Minute länger auf sich warten liess, dann wäre es Essig gewesen, dann wäre ja auch unser Express nach Neuengamme weggewesen. Im Zug war gar kein Licht, aber der Mond erleuchtete alles ganz hell. Sternklarer Himmel war. Gardinen waren nicht am Fenster. Und so war es eine richtige Mondfahrt. Ich dachte schon immer, wann wohl heute der Engländer kommt, denn wenn er dieses Wetter nicht ausnutzen wollte, dann müsste es ihm ja schon sehr schlecht gehen. Als wir dann in Mittlerer - Landweg hielten, da hörten wir ja auch schon die Sirenen, es war erst 20 Min. vor 9 Uhr. In Bergedorf wurde dann auch durch Lautsprecher bekannt gegeben, alle Reisenden begeben sich in die Luftschutzkeller. Unser Triebwagen nach Neuengamme aber fuhr. Aber es herrschte natürlich eine kleine Aufregung. Wir fuhren dann auch allsobald ab, mussten aber in Süd eine ziemliche Zeit auf den Geesthachter Zug warten. Da ja viele Leute keine Fahrkarte bekommen hatten, setzte eine umständliche Fahrkartenausgabe mit entsetzlich viel Knipserei ein. Eine Fahrkarte brauchte so ungefähr fünf verschiedene Löcher. Und dann das Geldzählen im Dunkeln. Ausserdem wurden 20 PFennig [sic] Aufschlag für Fliegeralarm genommen, wozu das, ist mir auch unverständlich. Aber mit sehr viel Verspätung landeten wir doch in Neuengamme, und vom Engländer war nichts zu hören und zu sehen. Es wurde nicht geschossen, und die Scheinwerfer waren nicht in Tätigkeit. Papa und Mutti waren ziemlich besorgt, Günter war auch noch nicht im Haus. Der war per Rad nach Bergedorf, war in Hamburg zum Tanzabend bei Ferdinand M.. Wir glaubten sicher, dass er nun in Bergedorf im Luftschutzkeller gesessen hatte. Aber nach einiger Zeit ging die Tür, und Kleinchen kam doch an. Er war noch durch eine Tür entwischt. Die anderen waren alle verschlossen gewesen, hier war es ihm noch gerade gelungen, die Freunde aber hatte er alle verloren.h
Nach kurzer Zeit rief dann auch H.i schon an, ob ich noch nach Haus gekommen sei, und wie es mir unterwegs ergangen sei. Dieter war auch gerade noch eben im Haus angekommen, er war ins Staatl. Schauspielhaus gewesen.
Aber es passierte den ganzen Abend nichts. Um ½ 10 Uhr kam dann auch schon die Entwarnung, und so ist heute nicht einmal der Unterricht ausgefallen. Übrigens ist da jetzt schon wieder eine Änderung getroffen worden. Nach Fliegeralarm werden jetzt 2 Stunden Unterricht gehalten, es beginnt glaube ich um ½ 10.
In der letzten Woche war ich mit dem Zug gefahren, aber dann muss man morgens in der Finsternis los und kommt abends im Dunkeln zurück. Da ist man ein richtiges Arbeitstier. Da macht das Radfahren doch mehr Spass. Heute habe ich wieder das Rad genommen. Da bin ich doch früher im Haus, und brauche nicht so viel Zeit zu verbummeln. Heute morgen war auch ganz schönes Wetter. Es ist augenblicklich nicht kalt. Nur im Augenblick regnet es schon wieder, aber das kann sich ja bis heute nachmittag noch geben. Heute nachmittag will ich noch bei Ilse T. vor. Sie ist krank, hat Blasenentzündung. Seit einer Woche liegt sie schon im Bett. Ich wusste es gar nicht, wunderte mich nur, dass ich sie nie traf nachmittags. Aber sie hätte ja auch früher oder später kommen können. Freitag bekam ich nun einen Brief von ihr. So will ich heute gleich einmal hin.ll
[*]
Herzliche Grüße
Deine [Hannelore]
[* = Der Brief ist mit Schreibmaschine geschrieben, folgend Gruß und Unterschrift handschriftlich]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost