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Hbg. - Bergedorf, d. 20. Nov. 40.
Mein lieber [Heinrich]!
In Deinem Brief Nr. 32, den ich Sonntag, d. 17. erhielt, schriebst Du, daß Du jetzt wieder Zeit hättest, häufiger zu schreiben. Zwar habe ich ja noch nichts davon gemerkt, aber ich hoffe, daß es noch kommen wird. Dein Brief vom 10. Nov. der die Nr. 31 haben muß, ist noch nicht übergekommen.
Gestern nachmittag war ich einmal wieder in unserer Wohnung. Es hat sich dort noch nichts verändert, nur daß die Fächer mit Deiner Unterwäsche u. Deinen Strümpfen etwas voller geworden sind. Der Sessel, den ich zum Geburtstag bekommen soll, ist immer noch nicht übergekommen. Als ich neulich anrief, wurde mir gesagt, letzte Woche. Aber da haben sie wieder nichts von sich hören lassen. Bald will ich mal wieder nachfassen.
Hast Du schon etwas von dem groß aufgezogenen Wohnungsprogramm gehört, das der Führer entworfen hat? Es sind darin in erster Linie drei verschiedene Wohnungsarten vorgesehen: 3 – Zimmerwohnung = 1 Wohnküche, 2 Schlafzimmer, 4 - Zimmerwohnung = 1 Wohnküche, 3 Schlafzimmer, 5 - Zimmerwohnung = 1 Wohnküche, 4 Schlafzimmer. Merkst Du, worauf das hinaus soll, es ist wohl kaum zu verfehlen. Was wird das für ein Gemüse in der Wohnküche werden, die arme Mutter kriegt bestimmt kein Essen fertig, wenn die Gören da alle herumwühlen. Wie sich das wohl in der Praxis auswirkt. Die Leute können doch eigentlich nie Besuch bekommen.
Gestern hörte ich, daß jetzt Wohnungen unter RM 50,- nur an Ehepaare mit Kindern abgegeben werden dürfen. Da müssen in Zukunft die Ehepaare, die nicht so viel für ihre Wohnung ausgeben können, also über RM 50,-, wohl gleich Kinder mit in die Ehe bringen. Vielleicht ist ja das der Zweck.
Wir können uns wohl jedenfalls freuen, daß wir schon eine Wohnung haben. Wenn sie auch nicht gerade sehr schön ist, so werden wir uns doch sehr wohl darin fühlen.
Hast Du immer noch nichts über Deine Reklamation gehört? Jeden Abend im Bett denke ich, ob [Heinrich] wohl morgen bei mir schläft, aber immer lag ich am nächsten Tag noch allein. Vielleicht ist es ganz gut, wenn es noch einige Wochen dauert, denn dann könntest Du evtl. Weihnachten hier sein. Denn ich glaube, wenn Du erst einmal hier bist, wird es nicht allzu lange dauern, bis sie Dich nach dem Süden schicken. So einfach wird das dort glaube ich gar nicht sein. Für 5 Monate ist ein Transport vorgesehen. Aber viele Kinder bekommen doch Heimweh. 20 % sollen schon vom ersten Transport zurück sein. Und über Weihnachten wird ja das Heimweh sicher noch stärker werden.
Ob ich wohl heute nachmittag einen Brief vorfinde?
Herzliche Grüße
Deine [Hannelore]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost