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Frankreich, 24.XI.1940
29.XI.40 [*]
Meine liebe [Hannelore]!
Es ist Sonntag. Zwar hat dieser Sonntag ein etwas angenehmeres Gesicht als der vorige – es regnet nicht, und der Dienst ist auch netter geartet – aber die Sonne scheint nicht. Es ist so und so kein Sonnentag für mich. -en
Am gestrigen Morgen zogen wir 5 – 6 km hinaus, um ein gefechtsmäßiges Übungsschießen mit dem Karabiner durchzuführen. Das Wetter war herrlich und noch die Fußtour dazu! Das Marschieren brachte wirklich Spaß. Nachdem wir die Pappkameraden in einem sumpfigen Gelände aufgestellt hatten, wurden wir zum Schießen eingeteilt, erhielten die nötige Munition und rückten ab. Gerade traf auf hohem Pferd unser Chef ein, als wir in 300 m Entfernung von den Pappkameraden feuerbereit standen. Nachdem er noch einige Verhaltungsmaßregeln wiederholend uns in Erinnerung gerufen hatte, kam das Kommando: Feuer frei! Ich hielt meine Knarre auch in die Richtung meines Pappkameraden, jeder Schütze hatte einen bestimmten zugewiesen bekommen, zog durch und machte die Augen auf. „Links vorbei“, sagte mein Uffz. 2. Schuß schien seiner Meinung nach rechts vorbeigegangen zu sein. Ich zielte, so gut ich konnte, und feuerte den 3. Schuß ab. Dann ging’s im Laufschritt 100 m weiter auf 200 m Entfernung. Die erste Gruppe hatten wir stehend freihändig abgefeuert, die zweite Gruppe mußte kniend und die 3. Gruppe liegend freihändig (100 m) abgefeuert werden. Nachdem jeder Schütze 9 Schuß auf seinen Pappkameraden abgegeben hatte, sah er ihn trotzdem noch ruhig stehen. Jeder flitzte nun auf den seinigen zu, um zu sehen, ob er irgendwelche Verwundungen erhalten hatte. Und siehe da, ich war grausam gewesen! Ich zählte 1 rechten Armschuß, 1 linken Armschuß, 1 Brustschuß, 1 Bauchschuß, 1 Oberbeinschuß. Hatte ich seinen Kopf auch desverschont, so durfte ich ihn hiermit doch als kampfunfähig bezeichnen. Ich konnte melden: Kan. [Wilmers] 9 Schuß abgefeuert, 5 Treffer. Der Hauptmann sagte darauf: Donnerwetter, allerhand! Ich weiß nicht, ob in unserer Einheit jemand ein besseres Ergebnis erzielte. Ich will mich dessen nicht rühmen, es ist wohl mehr Zufall gewesen, denn die Voraussetzungen für ein gutes Schießergebnis fehlten. Schade, daß hier der beste Schütze nicht 14 Tage Sonderurlaub erhält. Das wäre schön gewesen! – Heute am Totensonntag hatte ich die Ehre, bei der Wachabordnung am Grabe eines unbekannten Kameraden zu sein, um während der Kranzniederlegung zu präsentieren. Unser Kommandeur sprach kurz und bündig über Bedeutung d. Totensonntags, über diese Kampfstätte und über unsere Pflicht den gefallenen Kämpfern von 70/ 71; 14/ 18 und des jetzigen Krieges gegenüber. – Heute nachmittag macht unser Chef mit 10 – 12 Mann einen Spazierritt nach besonderen Kampfgestätten.en
Nach dem Mittagessen habe ich wieder einmal große Wäsche gehalten, die uns am meisten Sorge macht. Sie raubt uns die Freizeit zum Großteil, man hat mit dem Trocknen Schwierigkeit und schneeweiß will sie bei unserem starken Bemühen nicht werden. Gewaschen habe ich 5 Taschentücher, 1 Handtuch, 1 Kissenbezug, 1 Halsbinde, 3 Paar Strümpfe. Dann habe ich noch 2 Briefe geschrieben, etwas gelesen, Kaffee getrunken und Kuchen von Dir dazu gegessen, der übrigens trotz seines Alters noch ausgezeichnet schmeckte. Nachher sind wir ein wenig durch leere Häuser unseres Ortes gegangen, um diese oder jene Kleinigkeiten für unseren Haushalt zu organisieren. Soeben haben wir unser übliches Abendbrot eingenommen, das keinen sonntäglichen Ton verriet. Es wird schon wieder anders werden. Wenn wir nur erst gemeinsam uns an den Abendbrotstisch setzen!
Die Post ist da! Ein Brief für mich, von meiner lieben, süßen Frau. Auf dem Umschlag steht in roter Tinte unter der Nr nicht B. Du hast das D vergessen, da ist der Brief erst zu einer anderen Einheit gegangen.r
In welcher Stimmung hast Du diesen Brief geschrieben, liebe [Hannelore]? Anscheinend geht dem Brief eine große Debatte im Geschäft voran, jedenfalls scheinst Du beim Verfassen des Briefes nicht besonders guter und angenehmer Laune gewesen zu sein. Doch inzwischen wird sich wohl alles wieder verzogen haben. –
Meine Erkältung hat sich für diesmal wieder zurückziehen müssen, zwar bin ich noch nicht ganz von ihr befreit, aber es geht doch wieder. Nun bin ich wenigstens reisefähig. Falls die Reklamation doch in Kraft treten sollte, so bin ich bereit. In den letzten Tagen dachte ich manchmal: sollte Dich jetzt der „Hauab - Befehl“ treffen, so bist Du kaum imstande zu fahren. Jetzt aber: nur immerzu!
Du sprichst schon von der Schwere der Aufgabe, die mir bevorsteht. Sie entspricht auf jeden Fall aber mehr meinem Beruf und meiner Veranlagung. Ich bin doch gespannt, was wird! Ich habe manchmal das Gefühl, als ob in dieser Woche die Entscheidung fällt. Das wäre doch sehr schön, wenn wir gemeinsam Weihnachten feiern könnten, das erste Mal. Letzte Weihnachten war ich zuhause bei meinen Eltern. Neujahr feierte ich ja bei Dir, weißt Du noch? Ein Jahr ist doch schnell dahin. Wenn Du diesen Brief in die Hand bekommst, so bin ich schon ein ½ Jahr Soldat und fast ein Vierteljahr von Dir fort.n
Nun, meine Süße, ist der Sonntag ziemlich wieder vorbei. Es war der 12. Sonntag ohne Dich. Wie magst Du ihn verbracht haben? Gleich muß ich noch meine Strümpfe heilen; jeder hat an der Hacke ein Loch. Nun trage ich aber wieder Fersenschoner! Und dann geht’s ins Bett, leider ohne Dich. Man kann gar nicht im Bett so schön klönen, man haut sich hin und pennt ein oder man gibt sich Grübeleien hin. Neulich träumte ich schon vom Urlaub! Gute Nacht, liebes Frauchen!
Herzliche Grüße
Dein [Heinrich]
[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]
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Heinrich Wilmers
Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost