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[NGM-401129-003-01]
Briefkorpus

42.

29. Nov. 1940.

5.12.40 [*]

Meine liebe [Hannelore]!

Mein Abendbrot habe ich soeben eingenommen. Der Hunger war groß, ist aber gestillt worden. Ich mußte ganz allein beim Futtern sein, S. hat Wache und K. liegt seit heute morgen im Revier. Er ist beinkrank. Im Juni hat er sich in Wentorf sofort eine Beinverletzung zugezogen, die immer noch nicht ausgeheilt ist. Seit einigen Tagen kommen neue Wunden ohne äußeren Anlaß hinzu. Zwar war er dauernd in ärztlicher Behandlung, aber die gebrauchten Medikamente haben den gehegten Wunsch nicht bezweckt. Seit gestern bricht es am Bein aus verschiedenen Stellen vulkanartig hervor, Sein Blut muß total unrein sein. Ich habe ihm schon gesagt, daß er dringend Heimaturlaub benötigt. Er rechnet auch mit Weihnachtsurlaub; doch nun liegt er im Revier, um dort eine Heilungskur durchzumachen unter Aufsicht des Arztes. Ich befürchte, daß die Heilung nicht so schnell vor sich gehen wird, und der liebe K. muß seine Weihnachten sogar noch im Krankenzimmer verbringen. Das wäre äußerst bitter für ihn und mir würde es sehr leid tun. Er sehnt sich auch so gewaltig nach Haus, zu seiner Familie, und Frau und Junge warten auf sein Kommen, auf seinen Urlaub. Unser Dienst ist dadurch nun umfangreicher geworden, da wir für seine Verpflegung und Kost aufkommen müssen. Zwar ist es Dienst am Kameraden, den man gerne macht an und für sich, aber unser Dienst erstreckt sich in letzter Zeit sowieso ins Unabsehbare, und die sogenannte Freizeit hat leider eine sehr starke Einschränkung erlitten. Nun sieht man bloß mehr das „Gold“ von Wentorf. Ich bin doch manchmal nach dem Dienst zu Dir gefahren oder nach Altengamme. Dies wäre hier gar nicht möglich, jedenfalls nicht lohnend möglich. Abends während der Freizeit schreibe ich meistens noch 1 - 2 Briefe, und dann ist die Bettzeit drängend da. Mittags fällt sie manchmal fast ganz fort oder ist sehr stark beschnitten. In Wentorf wurde die Freizeit von 11 - 14 Uhr durchweg innegehalten. Aber auch diese Zeit geht vorüber!

Heute bin ich nun ein halbes Jahr bei der Wehrmacht. Während dieser Monate habe ich manchen Dienst gemacht, so und so, habe manchesmal „Männchen“ gemacht, habe oft gelächelt und doch gedacht... „Es ist so schön, Soldat zu sein, nicht jeder Tag bringt Sonnenschein.“ Dabei ist der Dienst an sich meistens weder schwer noch unangenehm. Die Würze bekommt er ja erst durch die Art der Durchführung!

Ich bin gerade vom Postholen zurück. Leider, leider ging ich leer aus. Gestern war schon nichts für mich da und heute wiederum nicht. Das kommt an sich selten vor, und wenn schon, so gibt mir der Abend keine innere Erbauung. Morgen muß ich unbedingt Post haben, sonst freß ich einen „Besen“.

Heute haben wir wieder eine Übung mit Scharfschießen gehabt. Von 4 Schuß konnte ich 4 Treffer melden. Der Feind muß sich vor mir inachtnehmen [sic], sonst wird er über den Haufen geschossen. -

Diese Nacht schlafe ich nun ganz alleine in der Wohnung, abgesehen von den Ratten und Mäusen, die über uns auf dem Boden huschen. Vorhin verursachten sie schon einen gewaltigen Spektakel, sodaß es sich fast unheimlich anhörte. Unwillkürlich mußte ich an den Gefangenen denken, der neulich ausgekratzt sein soll. Unsere Wohnung wird nämlich Tag + Nacht nicht abgeschlossen. Ich glaube, Du möchtest in dieser Nacht gar nicht bei mir schlafen, oder ist Deine Angst nicht so groß? Hoffentlich verschlafe ich morgenfrüh nicht die Zeit. Jetzt muß ich noch meine Sachen für morgen ordnen und dann geht’s in die Falle. Wann werden wir den Tag gemeinsam beenden, liebe [Hannelore]? Ich möchte Dich so gerne umhalsen und umarmen, Dich ganz lieb an mich pressen, Dich innigst küssen und in Liebe versunken sein. Ich möchte ganz wieder Mensch sein!

Herzliche Grüße und gute Nacht!

Dein [Heinrich].

[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]

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Autor Heinrich Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Heinrich Wilmers

Abbildung von der Vorderseite eines Notizbuchs in Leder von Heinrich Wilmers.
Ba-NGM K02.Pf1_A4, Notizbuch Heinrich Wilmers, Datum und Ort unbekannt.

Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost