Nr. 43
Hbg. - Neuengamme, d. 3.12.40.
Mein lieber [Heinrich]!
Heute ist nun schon Dienstag, u. am Freitag habe ich zuletzt von Dir einen Brief bekommen. Kommt das nun wieder von der unregelmäßigen Postverbindung, oder verändert Ihr schon wieder einmal Euer Quartier? Ich hatte heute nun bestimmt gedacht, daß ich einen Brief vorfinden würde. Hoffentlich ist es nun morgen so weit.
Heute ist nun endlich unser Sessel übergekommen. Er sieht sehr hübsch aus. Ich habe ihn heute abend gleich ausgepackt u. an seinen Platz gestellt. Er steht im Herrenzimmer in der Ecke der Leselampe. Anscheinend ist er sehr gut gearbeitet, auch die Polsterung scheint gut zu sein. Jedenfalls macht er sich in seiner Ecke sehr hübsch. Wann Du ihn nun wohl zu sehen bekommst? Heute nachmittag war ich wieder zum Zahnarzt. Es ist noch ein Zahn blombiert [sic] worden. Jetzt sind sie erst einmal Gott sei Dank alle wieder heil, u. ich habe für eine Zeitlang Ruhe. Das Bohren ist wirklich mitunter zum Indieluftgehen. Heute hatte er auch wieder so ein Loch gefaßt. Aber davon weißt Du ja ein Lied zu singen.
Der Schulrat hat Papa heute mitgeteilt, daß Herr T. in nächster Zeit wohl wieder zurückkommen würde. Es hat sich jetzt noch jemand gefunden, der gern nach unten möchte. Der soll nun Herrn T.s Posten übernehmen. Herrn T. hatte es sonst schon ganz nett gefallen, die Verpflegung war dort sehr gut u. auch reichlich, alles war frei, außerdem gab es ein Taschengeld von RM 2,- pro Tag. Die Gegend war sehr schön, Zeit für Spaziergänge u. Touren genügend vorhanden. Ob Du wohl auch noch mal so etwas machen mußt?
Wie ist es denn bei Euch mit der Witterung? Habt Ihr dort auch schon Frost gehabt? Du hast noch gar nicht geschrieben, ob ich Dir Deinen grauen Pullover nachschicken soll. Die Pantoffel wirst Du inzwischen doch wohl erhalten haben!?
Morgen in drei Wochen ist nun schon Weihnachten. Die Zeit wird noch sehr schnell vergehen. Man weiß in diesem Jahr noch weniger als sonst, was man schenken kann. Papa werde ich wohl seine Schreibtischlampe umarbeiten lassen, die Kuppel ist ja kaputt. Für Mutti habe ich eine Basttasche zum Einholen, die hat sie sich gewünscht, u. eine Brosche in Filigranarbeit. Für Günter weiß ich noch nichts. Für Oma, meint Mutti, soll ich auch so eine Tasche in Dunkel nehmen.
H.i rief mich gestern an, ich soll bald einmal wieder zu ihr kommen. Kommenden Sonnabend/ Sonntag kommt ihr Freund auf Urlaub von Sylt. 1 - 2 x wöchentlich ruft er bei ihr an. Einen Teil ihres Weihnachtsgeldes (RM 100,-) hat H.i schon weg, gleich umgesetzt in Leselampe u. Teewagen. Die können dort wohl lachen. Wenn wir erst mal ⅕ von diesem Teil hätten! Aber so viel wird es kaum bringen. Es sind zu viel Angestellte u. Arbeiter. In einem kleinen Unternehmen geht das eher. Und nun will ich für heute den Tag einmal wieder beenden u. meine müden Glieder ausstrecken. Wenn Du doch erst einmal wieder bei mir wärst.
Herzliche Grüße u. Gute Nacht
Deine [Hannelore]
Wilhelm schrieb heute aus Böhmen/ Mähren. Er hofft stark auf Urlaub.
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost