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[NGM-401205-004-01]
Briefkorpus

Nr. 46

Hbg. – Bergedorf, d. 5.12.40.

Mein lieber [Heinrich]!

Heute ist ein entsetzliches Wetter. Der Regen peitscht an die Fensterscheiben, u. der Wind heult. Alles grau in grau. Nach langer Zeit habe ich einmal wieder mit der Bahn fahren müssen. Ich schlief noch u. träumte, da kam Mutti an heute morgen um 6 Uhr u. sagte, heute kannst Du nicht mit dem Rad fahren. Draußen platschte der Regen. Als ich aus der Haustür kam, war eine Finsternis, man konnte nichts sehen. Ich hatte eine Taschenlampe mitgenommen, war mit ihrer Hilfe auch gut aus der Pforte gekommen. Dann aber machte ich sie aus. Es dauerte auch nicht lange, da stolperte ich schon gegen den nächsten Kantstein. Ich war zu weit nach rechts gekommen. Etwas gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit, da konnte man doch wenigstens die Dächer vom Himmel sich abheben sehen. Und der Regen prasselte auf den Schirm, den man kaum vor Wind halten konnte. Vom Bahnhof zum Geschäft konnte ich ihn gar nicht aufspannen, da hatte ich genug zu tun, daß mein Hut nicht wegwehte. Die entgegenkommenden Leute konnte man kaum erkennen. Der größte Dreck begegnet einem vom Weidenbaum zur Firma. Durch den Neubau ist der ganze Weg aufgerissen, u. durch den Regen natürlich alles ein Schmutz. Mit dem Rad müßte ich mich immer durchwürgen, eigentlich ähnlich wie bei losem Sand. Heute morgen patschte man andauernd in eine Pfütze, da waren die Überziehschuhe gut. Aber die Zugfahrerei ist doch langweilig. Da gehe ich schon 5 Min. vor sieben Uhr aus dem Haus u. bin dann um 5 Min. vor 8 Uhr pünktlich im Geschäft. Dann steht der Zug so lange auf einem Bahnsteig, dann hat er keine Einfahrt, muß 10 Min. warten. Da komme ich mit meinem Rad doch noch schneller hin. - Nun habe ich von Dir schon bald vor einer Woche den letzten Brief bekommen. Ich möchte wissen, wie das sich wieder aufklärt. - Gestern abend rief Herr Z. an. Nach dem Kursus in Kiel macht er jetzt in Wentorf einen Kursus als Zahlmeister durch, der etwa 6 Wochen dauert. Er schläft im Haus, wird auch evtl. später immer wieder nur als Zahlmeister eingezogen. Für ihn ist also der eigentliche Krieg vorbei. Er war sehr froh. Aber was Papa neulich hat verlauten hören, daß er seinen Lehrerberuf aufgeben will, das ist doch nicht andem [sic]. - Unsere Dove – Elbe ist jetzt schon an vielen Stellen verbreitert worden. Schon morgens vor 7 Uhr wird da mit einem großen Fangarmkran gearbeitet, als er in der Nähe der Bahnhofsbrücke war, hörte ich ihn morgens im Bett. Zuerst glaubte ich immer, es seien die Flieger. Es sieht sehr interessant aus, wenn die Erdmassen herausgeholt werden, u. Wasser u. Schlamm an den Seiten herausstürzen beim Hochheben. Es geht verhältnismäßig schnell vorwärts. Danach wird dann das Ufer von den Gefangenen bearbeitet u. mit Rasenstücken besetzt. Für heute will ich nun Schluß machen.

Herzliche Grüße

Deine [Hannelore]

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost