46.
7.XII.40
11.12.40 [*]
Meine liebe [Hannelore]!
Und wieder ist ein Wochenend da. Aber man freut sich jetzt gar nicht mehr so darüber wie früher. War das immer schön, wenn ich mich Sonnabends von der Schule beeilen mußte, um rechtzeitig in Bergedorf zu sein, damit wir dann gemeinsam nach Hamburg fahren konnten, um schwerbeladen abends wieder heimzukehren. Es war auch noch nett, wie ich von Wentorf fast jeden Sonnabend gegen 17-18 Uhr auf durchgehenden Urlaub fahren konnte. Schlechter wurde es nach meiner Versetzung an die Küste, weil Du mir stets fehltest, aber man hatte sonnabends/sonntags mehr Freizeit und auch die Möglichkeit, sie gebührend auszunutzen, wie Dir ja auch bekannt ist. Hier fehlt teils die Freizeit sehr (wenigstens während der hellen Tageszeit), man könnte dann aber auch nur Spaziergänge machen und dafür hat keiner Interesse, weil wir fast alle Tage sowieso unterwegs sind und ins Gelände kommen.deswegen
Dein Brief (43) ist heute abend eingetroffen. Ich bedaure sehr, daß Du so unregelmäßig meine Briefe erhältst, aber ich kann es nicht ändern, liebe Frau. Jeden 2. Tag schreibe ich und jeden 2. Tag stecke ich den Brief ein. Aber Du bist es nicht allein, die von dieser unregelmäßgen Postzustellung betroffen wird. Es scheint so, als ob das Feldpostamt die einlaufende Post nicht immer bewältigen kann. Ich weiß jedenfalls nicht, wo das Übel steckt.
Es ist ja fein, daß der Sessel nun da ist. Wann wird die Zeit kommen, daß man sich nach getaner Arbeit genüßlich in ihm ausruhen kann? Hier haben wir keinen Sessel, die Ruhe in ihm würde uns hier auch wohl nicht gut bekommen. Neulich habe ich eigentlich bedauert, daß ich kein Loch in irgendeinem Zahn entdecken konnte, um Grund zum Zahnarzt zu haben. Einige Kameraden waren nämlich zahnerkrankt und wurden deswegen 1 Tag für den Zahnarzt, der in der nächsten Stadt seine Praxis hat, beurlaubt. Aber Einkäufe nach Geschmack und Wert haben diese nebenbei auch nicht tätigen können. Es ist hier, wie ich Dir schon mehrfach mitteilte, eben schlecht bestellt. Nun hat man Geld, wer weiß wie, kann es aber nicht so umwerten, wie man gerne möchte.
Wo steckt T. denn? Aber er hat ja schon Vertretung, sonst sein Posten würde mir gewiß auch behagen, außerdem täglich noch 2 Mark dazu. Ich bin ja auf 1,20 pro Tag herab gestiegen. – Die Witterung ist hier in den letzten Tagen miserabel, Reben [sic], Wind, Nebel, Schnee, Frost.- Absichtlich habe ich bislang den grauen Pullover nicht angefordert, da mich am Oberkörper bislang nicht gefroren hat. Und gegen kalte Füsse schützt er nicht. Es freut mich, daß ich die Fersenschoner habe. Sie schonen den Strumpf, wärmen die Fersen und schützen sie vor Blasen. Wenn du mir nun aber ein Päckchen schicken willst, so rolle den Pullover ein. Ich hoffte nämlich, bald auf Urlaub zu kommen, doch ein graues Dunkel erhebt sich. Es ist sehr, sehr fraglich, ob ich vor Weihnachten noch Urlaub bekommen werde. Wir müssen damit rechnen, ihn Weihnachten und Neujahr getrennt zu feiern. Es ist nicht schön, aber es sind Kriegszeiten. Und sollte ich noch unverhofft vor Weihnachten auf Urlaub fahren können, so dürfte eine Überraschung auch nicht übel sein. Eine angenehme Überraschung ist immerhin doch schöner als eine Enttäuschung. Wenn nur keine Urlaubssperre dazwischen kommt! Bruder Hans hofft auf Weihnachtsurlaub fahren zu können, Bruder Rudolf vermutet, die Feste auf der Insel verbringen zu müssen. Heute hat Bruder Christel mir ein Päckchen geschickt (Äpfel und 1 Wurst), er wollte damit nicht ins Weihnachtsgedränge kommen. Es ist ja auch sehr richtig, denn Wurst würde ja höchstens verderben. So habe ich doch entschieden mehr davon. Komisch mutet es mir an, daß er mir schon ein frohes Weihnachtsfest wünscht. Ich bin noch gar nicht weihnachtlich gestimmt. Außerdem schreibt er mir einen langen Brief über die dortigen Neuigkeiten, über die eingetroffenen Urlauber usw.ein
Wie es wohl mit unserer Weihnachtsgratifikation wird? Ich nehme an, daß uns einige Bier spendiert werden. Wenn wir dann den „Kanal“ voll haben, werden wir uns in seliger Nacht befinden!wenn
Morgen ist Sonntag. Da werden wir erst Dienst machen, das Haus säubern und dann geht’s an die Wäsche. Heute habe ich mir schon Seifenpulver gekauft. Dann werde ich noch einige Briefe schreiben, an die Eltern (Vater ist an Rückenschmerzen leidend), an Christels, an R. Ernst, der sich in etwa 20 km Entfernung häuslich niedergelassen hat. Er meint, ich könnte mich ja einige Tage beurlauben lassen, um ihn zu besuchen. Hat der einen Nerv! In seiner Einheit muß auf jeden Fall ein ganz anderer Dienst aufgezogen sein. Unser Spieß und Chef würden bei einem solchen Antrag wohl die Wände hochgehen! Und mir würde bestimmt das Ohrenschmalz wegen starken Luftanpralls dünnflüssig aus den Ohren laufen.
Nun muß der Tag beendet werden. A. S. hat Wache, und P. K. ist heute wieder aus dem Revier entlassen worden. Wegen des Urlaubs ist er sehr pessimistisch. Aber wir wollen den Kopf nicht hängen lassen! Es muß der Tag kommen, wo wir wieder zusammen sind und uns in den Armen liegen können. Heute vor einem Vierteljahr war es das letzte Mal! Gute Nacht, meine süße Frau!
Herzliche Grüße
Dein [Heinrich].
[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]
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Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst
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Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost