Nr. 55.
Hbg. – Neueng., d. 17. Dez. 1940.
Mein lieber [Heinrich]!
Gestern habe ich nun zwei Briefe von Dir in Empfang nehmen können: Nr. 47 v. 8.12.40 u. Nr. 49 v. 10.12.40. Du schreibst, ich möchte Deinen Pullover noch hier behalten u. ihn verlängern. Der ist aber schon seit einigen Tagen auf Reisen, u. vielleicht hast Du ihn jetzt schon in den Händen. Ich habe Deine „Befehle“ immer prompt ausgeführt, u. so ist er natürlich schon längst abgeschickt. Nun mußt Du ihn noch zurückschicken, wenn ich ihn noch verlängern soll. Oder Du kannst ihn ja mitbringen, wenn Du auf Urlaub kommst, so lange kann das doch nicht mehr dauern. Hoffentlich hast Du inzwischen die ersten beiden Päckchen entleert. Es herrscht hier nämlich jetzt eine entsetzliche Kälte. Die Kälte kriecht ordentlich am Körper hoch, die Knie sind immer eisig, u. der Wind pfeift ins Gesicht, Nase u. Backen, alles zieht sich zusammen. Die Nase leckt andauernd. Da freut man sich, wenn man wieder im Warmen angelangt ist. Bei Euch wird es sicher nicht viel anders sein, u. so hast Du hoffentlich die warmen Sachen aus den Päckchen herausgenommen, wie ich Dir ja in einem der letzten Briefe schon schrieb. Denn etwas schützen sie ja doch sicher vor vor [sic] der Kälte. Außerdem ist es überhaupt auch ganz gut, wenn Du auch von den anderen Sachen schon essen würdest. Denn wenn Du auf Urlaub fährst, u. das Paket erst dann öffnest, kannst Du ja doch nicht mehr alles verzehren, u. am Heilig Abend habt Ihr sicher sowieso sehr viel zu essen. Da würdest Du Dir sicher noch den Magen verderben. Ich bin nun wirklich gespannt, ob Du noch kommen wirst zu Weihnachten. Hier kommen so viele Urlauber. Auch im Geschäft bekommen wir häufig Besuch. Auch Frl. Sch.s Emil ist jetzt endlich gekommen. Nun wird ja wohl die solange geplante Verlobung steigen. Übrigens traf ich Ilse neulich. Walter hat sich jetzt endgültig für 12 Jahre bei der Wehrmacht entschieden. Daraufhin wird er nun wohl endgültig aus Wentorf wegkommen. Ilse befürchtete schon, daß er Weihnachten nicht einmal mehr hier sein würde. Du fragst, was ich Weihnachten mache, wenn Du nicht kommst, da bleibe ich wohl in Neuengamme. Mutti meint, ich soll nach Salzhausen fahren, aber ich habe bei dieser Kälte gar nicht so recht Lust. Ob Du wohl den nächsten Brief auch noch zu Weihnachten erhältst? Bei der Überlastung der Post muß man das ja auch in Frage stellen. Sonst wünsche ich Dir jetzt schon ein frohes Weihnachtsfest u. viel Freude im Kreis Deiner Kameraden.
Herzliche Weihnachtsgrüße
Deine [Hannelore]
Du hast mir mal einen Pinsel (eine Art Bürste gegeben). Die meinst Du doch nicht zum Gewehrreinigen. Ich werde versuchen, etwas Passendes zu finden. Ich denke eigentlich immer noch, daß Du vor Weihnachten kommst!
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost