Nr. 57.
Hbg. – Neuengamme, d. 19.12.40.
Mein lieber [Heinrich]!
Seit einigen Tagen hat Weihnachtswetter bei uns seinen Einzug gehalten. Zuerst war es entsetzlich kalt, u. dann kam der Schnee. Vorgestern hat es schon viel geschneit, gestern war herrliches Wetter, zum Abend allerdings wieder sehr eisig. Heute morgen wurde ich wieder von einem Schneegeriesel empfangen, als ich aus der Haustür kam. Den ganzen Vormittag bis etwa 1 - 2 Uhr hat es geschneit. Die Luft ist sehr milde, hoffentlich setzt bis Weihnachten nicht noch Tauwetter ein, dann würde es ja wieder einmal den schönsten Matsch geben, u. all die Herrlichkeit ist hin. Aber Weihnachten muß dicker Schnee liegen, sonst ist gar kein richtiges Weihnachten. Findest Du nicht auch?
Das ist nun wohl der letzte Brief, den Du zum Weihnachtsfest von mir erhältst, u. so möchte ich Dir nochmals ein schönes Fest wünschen u. hoffen, daß wir es im nächsten Jahr zusammenfeiern [sic] können, falls es in diesem Jahr nicht möglich sein sollte. Der Krieg aber muß doch im nächsten Jahr zu Ende gehen.
Gestern kam Dein Päckchen bei mir an. Ich fand auch außen keinen Vermerk, aber als dann die äußere Hülle entfernt war, fand ich das Erwartete. Ich hab´s dann wieder eingewickelt u. verschnürt, u. jetzt liegt es oben im Nebenbett u. wartet auf den 24.12.40. Mutti ist ja neugieriger als ich u. meinte immer, ich solle es man ruhig aufmachen, vielleicht sei etwas Verderbliches drin. Auch Günter war für Aufmachen. Aber bei mir kam gar nicht der Gedanke in Frage. Die Freude will ich mir bis zum Heiligabend aufbewahren, u. es fällt mir auch gar nicht schwer.
Einen Weihnachtsbaum haben wir auch schon.
Ab 15.12. war der Verkauf von Tannen freigegeben. Um 11 Uhr sollte es in Neuengamme anfangen. Papa kam um ½ 12 Uhr aus der Kirche u. ging gleich hin, da war bis auf einige schlechte Bäume nichts mehr zu haben. Er ist dann gleich am Nachmittag noch nach Bergedorf gefahren, auch Herrn H. traf er auf dem Bahnhof, der zu lange geschlafen hatte, wie seine Frau gemeint hatte. Sie haben aber dann beide noch einigermaßen gute Bäume bekommen. Onkel Hermann besuchte uns Sonntagabend, den haben sie dann schon bange gemacht, so daß er dann am Montag auch gleich losgefahren ist. Auf dem Südbahnhof traf ich ihn. Brechend voll war der Zug, u. dann die vielen Tannenbäume. Einige sind noch in den Packwagen gekommen. Alles strömt noch in die Stadt, um noch etwas zu erwischen, aber es gibt nicht viel mehr.
Seit einigen Tagen suche ich auch schon krampfhaft etwas für H.i. Aber mir wollte immer nichts ins Auge fallen, alles, was ich mir gedacht hatte, konnte ich nicht bekommen. Heute habe ich nun eine Menagerie (2 Salzfässer u. Senfgefäß) in geschliffenem Kristall entdeckt.
Gestern nachmittag sind von der Schule 237 Päckchen für die Soldaten der Hamburger Lazarette gepackt worden. Einige Frauen der Frauenschaft u. ca. 30 Kinder haben gepackt. Äpfel hatten sie noch eine Menge über. Die sind dann extra in Körbe gekommen, u. werden dort dann verteilt. Heute ist alles per Auto nach Hamburg gekommen. Und morgen gehen dann 6 Kinder u. Papa direkt ins Lazarett u. überreichen die Sachen.
Herr T. ist zurückgekommen. Am Dienstagmorgen war er in Hamburg eingetroffen, war furchtbar müde, hat dann erstmal geschlafen. Abends rief er dann bei uns an. Am Mittwoch hat er den Unterricht hier wieder aufgenommen. Es ist dort sehr schön gewesen; aber es sei doch sehr anstrengend, den ganzen Tag die Kinder um sich zu haben, es gehören Nerven dazu. Im einzelnen habe ich noch nichts vernommen. Am 21. zu Papas Geburtstag kommt er vielleicht ja auch, da wird ja sicher davon erzählt.
Günter macht heute abend Marzipan. Viele Mandeln wandern dabei gleich in seinen Mund, aber immerhin hat der drei Brote und einige kleine Kugeln fertig bekommen. Es gibt ja sonst hier auch nichts. Die Mandeln hatten wir schon lange gesammelt. Puderzucker war auch zufällig bei Liesbeth vorhanden. Die nächste Portion soll ich jetzt machen. Ob Du wohl auch davon essen kannst? Ich hoffe immer noch so sehr, daß Du kommen sollst. Wenn das Telefon geht, denke ich jedesmal, ob [Heinrich] das ist? Wenn ich nach Haus komme, denke ich, ob Du wohl in der Stube bist? Wie schön wäre es, wenn ich mit einem Male in Deine Arme fliegen könnte. Seite heute ist das Tanzverbot aufgehoben worden. 3 x wöchentlich ist Tanz erlaubt. In der Weihnachtswoche jeden Abend. Günter freut sich. Heute abend wurden schöne Tanzweisen im Radio gespielt.
Und nun ist es wieder Schlafenszeit. Ob ich morgen wohl wieder 3 Briefe bekomme? Es könnten schon wieder so viele sein. Und nun sei recht vergnügt im Kreise Deiner Kameraden.
Herzliche Weihnachtsgrüße
Deine [Hannelore]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost