57.
21. XII. 40
11.I.41 [*]
Meine liebe [Hannelore]!
Vorgestern gestaltete sich der Abend und die Nacht doch ganz anders, als ich angenommen hatte. Ich schrieb Dir von dem frühen Wecken am gestrigen Morgen, was auch Wirklichkeit geworden ist, gedachte aber von 22.00 - 4.30 Uhr zu schlafen. Gegen 23 Uhr kam ein Uffz. und holte mich aus dem Bett – S. hatte Abt. Wache – mit der Begründung, B. Urlaub gebührend zu feiern. Ich versprach – stand auf, zog mich an und aß zunächst drei kräftige Stullen Käsebrot. Dann ging ich zu B. rüber. Dort war schon ein lustiger Haufen beisammen. Drei Likörflaschen wurde in kurzer Zeit der Garaus gemacht. Die Stimmung war wunderbar; Witze, Lieder wurden aufgetafelt. Dann wurde bei einigen Kameraden der Kopf wohl zu heiß, ein Glas fiel vom Tisch, zerbrach und das war das Signal für die darauffolgende allgemeine Zerstörung. Es brach eine „franz. Revolution“ aus; es blieb eigentlich nichts heil. Dann sprach ein Unterführer den trefflichen Satz: „Kriegszeiten zerstören, Friedenszeiten bauen auf. Eben ist hier Krieg gewesen, morgen ist Friedensfeier und dann wird alles wieder hergerichtet, darauf verlaßt euch.“ Der Soldat hat Wort gehalten. Wie wir gestern gegen 19 Uhr vom Dienst zurückkamen, war die Bude nicht wiederzuerkennen. Ein neuer Ofen, neues Mobiliar zierte die Stube, der Fußboden war gesäubert usw.
Ein toller Abend! Ich weiß nicht, ich war eigentlich wenig angeheitert und dabei meine ich, auch furchtbar wenig vertragen zu können.- Der gestrige Abend war ausgedehnt genug, wir hatten Scharfschießen, die Straße war ungemein glatt. Pferde und Fahrzeuge kamen oft ins Gleiten. Paarmal waren wir mit einem Rad des Fahrzeugs im Graben, Unfälle und größere Zwischenfälle hat es aber nicht gegeben. Es herrschte eisige Luft, Hände und Füße waren die meiste Zeit kalt. Auf dem Fahrzeug wurden mir auch die Knie leicht frierend. Nun empfing ich gestern abend Dein Paket mit dem Pullover und den Kniewärmern. Diese habe ich heute gleich in Benutzung genommen, und ich habe jetzt in den Knien ein wohliges Gefühl. – Zwar sind Deine Päckchen nicht durchgesehen, aber den Bauchwärmer habe ich doch herausgeschnüffelt und in Dienst gestellt. Mein liebes Frauchen, woran Du nicht überall denkst! Und ich bin Dir so dankbar! Aber wodurch soll ich Dir meine Dankbarkeit zu erkennen geben? – Außerdem empfing ich gestern die beiden Briefe 55+56, ein Päckchen von Schwester Gerta und ein Päckchen von der Ortsgr. Altengamme.
Heute sind für mich 2 Päckchen aus Altengamme von R. und von der Ortsgr. eingelaufen. Die Ortsgruppe gibt sich gewaltig Mühe, muß ich schon sagen, und dabei habe ich Altengamme als Wohnort verlassen. Eine nette Anzahl von Weihnachtspäckchen stapelte schon im Schrank. Heute hat Dein Papa ja Geburtstag. Bei euch wird gewiß Besuch sein, oder ist für morgen eine Geburtstagsgesellschaft eingeladen? Ich habe auch schon einen Kleinen auf sein Wohl getrunken. – In diesen Brief lege ich einen Schlüssel. Es fiel mir neulich ein, auf diese Weise Namen zu schreiben. Du darfst aber keineswegs in Deinen Briefen entschlüsselte Namen wiedergeben. –
Du hoffst immer noch auf mein Kommen zum Fest, in den letzten Briefen habe ich Dir aber doch eindeutig geschrieben, daß mein Urlaub erst in die Zeit zwischen Neujahr und Weihnachten fallen wird. Leider kriegt man hier keine ungefähre Urlaubszeit angesagt. Geplant ist, uns im Januar auf Urlaub zu schicken, es kann aber durchaus Februar werden. Dessen kannst Du aber gewiß sein, über den Berg des Getrenntseins sind wir. Heute bin ich nun 15 Wochen von Dir fort, jetzt noch 15 Wochen sind wir bereits im April.
Herzliche Grüße und eine gehabte gute Weihnachtsbescherung.
Dein [Heinrich].
[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]
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