58.
22. XII. 40
27.12.40 [*]
Meine liebe [Hannelore]!
Heute war ein schöner Wintertag. Leichter Frost, Windstille und Sonnenschein! Ein Wetter, was man sich für winterliche Spaziergänge wünscht. Aber hier unternehmen wir keine, wir erfreuen uns während der freien Stunden der warmen Stube. Frische Luft bekommen wir im Dienst genug zu schnappen. Aber heute erinnere ich mich unserer Spaziergänge in den Sander Dünen. Wir hatten seinerzeit während der Wintermonate 37/38 auch stets schönen Sonnenschein, dessen wir uns erfreuten. Die Jahre sind seitdem verstrichen, und mir ist manches noch so frisch. Weißt Du noch, wie wir mit Schneebällen Weit- und Zielwürfe ausführten, wie wir uns gegenseitig den Schnee von den Zweigen rissen? Vor 2 Jahren trafen wir uns in Hamburg am 14.12., ein Datum, das ich wohl nie vergessen werde. Am Dammtor begrüßten wir uns, gingen zusammen über den Gänsemarkt, Jungfernstieg nach der Mönckebergstr. und trennten uns dort vor einem Goldladen, weil Deine Eltern Dir ein Geschenk machen wollten. Im Hauptbahnhof verlor ich schließlich die Geduld zu warten und fuhr nach Hause. – Vor einem Jahr fuhr ich meistens bei sinkender Sonne nach Neuengamme. Wie oft befand ich mich auf dem Heerweg in eilender Fahrt, wenn der Vierländer Zug Curslack anrollte, und ich beschleunigte mein Tempo, weil ich Dich drin wußte. Waren das köstliche Zeiten! Und gerne erinnere ich mich unserer gemeinsamen Stunden, Tage, Fahrten und Erlebnisse. Welche gemeinsamen Freuden dieser Winter uns wohl noch bieten wird? Hoffentlich etwas, was im Tagesbuch [sic] – Du hast doch eins im Bücherschrank – aufgenommen werden kann. Hast Du überhaupt schon kleine Begebenheiten hineingetragen? Oder bleibt es mir alleine vorbehalten?
Der heutige Tag war so schön, daß ich noch gar nicht meine Wäsche erledigt habe. Ich denke, sie in den nächsten Tagen noch reinigen zu können. Nach dem Mittagessen – am Vormittag war leichter Dienst – habe ich mir zum ersten Mal Mittagsschlaf in Feindesland gegönnt. Danach gelesen und Kaffee getrunken, denn jetzt bin ich mi mit Kuchen versorgt. Und nun muß ich mich gleich fertig machen für die Wache. Der Bart muß noch verschwinden, Waffen und Uniform müssen noch vorher überholt werden.durch
In 2 Tagen ist Heilig Abend, der Tag, auf den man sich als Kind gewaltig, als Erwachsener sehr freut. Er birgt eine sonderbare Spannung in sich, und Du, liebe [Hannelore], hast ihn mir bestimmt sehr spannend gemacht. Ich weiß noch wenig um die lieben Sachen, die Du mir geschickt hast. Nur ein Tannenzweiglein, den roten Kerzenhalter und eine weiße Kerze habe ich gestern Abend aus einem Päckchen genommen, um ein wenig Adventszeit zu erleben.
Wenn dieser Brief ankommt, wird Weihnachten wohl vorbei sein, dann können wir uns gegenseitig unsere Weihnachtserlebnisse vorplaudern.
Nun muß ich Schluß machen.
Herzliche Sonntagsgrüße
Dein [Heinrich].
[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]
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Heinrich Wilmers
Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost