Nr. 58.
Hbg. – Neuengamme, d. 22.12.40.
Mein lieber [Heinrich]!
Heute abend mußt Du mit einem kurzen Brief zufrieden sein. Papas Geburtstag feiern wir heute etwas. Julius E. u. Frau u. Henry P. u. Frau waren zum Kaffee u. Abendbrot hier. Jetzt soll gleich Karten gespielt werden (66). Ich glaube, ich habe zuletzt mit Dir gespielt, das ist schon eine lange Zeit her. - Gestern nachmittag waren Tante Bertha, Onkel Hermann und O.s hier. Fräulein Sch. schrieb heute. Sie haben dort 29° Kälte. Wir haben hier ca 12° gehabt. Heute am Tage waren wir aber um 0° herum. Aber kalt u. ungemütlich ist es doch. In unserer Küche ist es ja entsetzlich kalt. Gestern nachmittag - ich mußte ja von 2 - 4 Uhr auf den Zug warten - habe ich eine Angestellte aus unserem Kontor, Frau B., besucht. Sie hatte schon so lange im Krankenhaus gelegen, ist jetzt auf dem Wege der Besserung, wegen Überfüllung ist sie jetzt ins Katholische Waisenhaus gekommen. Aber es ist doch nicht schön, wenn man sich so die Leiden älterer Damen immer anhören muß. Ich hatte ihr Äpfel mitgenommen. Die sind ja für viele gar nicht erhältlich. - Deine beiden Briefe Nr. 50 vom 13.12. u. Nr. 53 vom 15.12. habe ich am Freitag erhalten. Am Sonnabend kam Dein Päckchen Nr. 52. Da ich außen Henry nichts fand, machte ich auf. Die zweite Hülle aber ließ den Inhalt schon erkennen. Da hast Du eine schöne Farbe erwischt, u. auch noch schöne Wolle. Du fragst nach dem Preis. Mutti meint, gute Wolle hätte früher das Pfund RM 6,- gekostet. Genau weiß sie es aber auch nicht. Kannst Du denn dort noch mehr Wolle kaufen? Ich habe schon gedacht, vielleicht könnte ich dann mal eine große Decke häkeln, als Chaiselongue oder Schlafdecke. Hast Du die mal gesehen, die Mutti gemacht hat in hell u. dunkel grün? Die war sehr hübsch. Das müßte dann Deckenwolle sein, die ist etwas dicker als die, die Du geschickt hast. Falls Du diese Dicke nicht bekommen kannst, mag ja auch andere gehen. Mutti hat damals gut 4 Pfd. gebraucht. Sie meint RM 36,-. Die beiden Wollarten, die Mutti verbraucht hat, lege ich bei. Beide Farben zu gleichen Teilen. Bei Deinem Pollunder [sic] sindfange ich erst an, wenn Du hier bist. Das muß doch bald einmal sein. Ich habe ein Buch mit verschiedenen Mustern[,] da kannst Du Dir dann eins aussuchen. Jetzt bin ich noch bei unserer großen Decke. Das ist doch eine ziemliche Arbeit. Die Touren sind so endlos lang, dabei bin ich noch nicht einmal sehr weit, u. die werden ja immer länger. Am liebsten möchte ich den ganzen Tag stricken, aber meistens komme ich vor 8, ½ 9 Uhr nicht dazu, u. um ½ 10, 10 Uhr muß ich ins Bett. An vielen Abenden muß ich dann auch Strümpfe stopfen u. Dir einen Brief schreiben. Es wird wohl noch eine ziemliche Zeit dauern, bis ich diese Arbeit fertig habe. - Günter ist jetzt wieder ganze Tage auf dem Eis. - Jetzt sind es noch 2 Tage bis Heiligabend, ob Du wohl noch kommst? Ich warte so sehr auf Dich. - Morgen werden wir wohl unseren Tannenbaum schmücken. Zum Hineinhängen an Süßigkeiten haben wir ja in diesem Jahr leider nichts. Für die große Tafel Schokolade meinen besonderen Dank. Darauf freut sich schon die ganze Familie. Nun ist der Brief doch noch voll geworden. Am liebsten möchte ich jetzt schon ins Bett, aber das geht wohl kaum. Und nun, mein lieber Mann, einen herzigen Kuß u. Gute Nacht.stehen
Herzliche Grüße
Deine [Hannelore]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost