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[NGM-401223-003-01]
Briefkorpus

59.

23. XII. 40

28.12.40 [* 1]

Meine liebe [Hannelore]!

„Einmal werden wir noch wach, heissa, dann ist Weihnachtstag.“ Zwar habe ich Dir ja gestern erst einen Brief geschrieben, weil der aber von einem Urlauber mitgenommen worden ist und Dich eher erreichen wird als ich ursprünglich angenommen habe, möchte ich bei Dir eine zu große Postlücke verhindern. Ich weiß ja, daß es Dir genau so geht wie mir, man möchte am liebsten täglich Post empfangen. Gestern und heute habe ich leider wieder ganz postlos ausgehen müssen, dabei erwarte ich doch noch von meinen Verwandten einige Päckchen. Sollten mir diese morgen zugestellt werden? Dadurch würde die Weihnachtsstimmung ja noch ein wenig gehoben. Von Dir muß morgen aber noch ein Brief dabei sein! Was wäre überhaupt mein Soldatenweihnachten hier ohne Dich? Du glaubst gar nicht, wie ich mich immer freue, wenn ein Brief, ein Päckchen von Frauchen angekommen ist. – Die gestrige Wache war recht eisig. Es herrscht hier augenblicklich auch anständiges Frostwetter, Schnee ist nur wenig gefallen, aber immerhin ist ist die Weihnachtslandschaft nicht schlecht. – Am Vormittag hatten wir Scharfschießen mit unserem Gewehr. Der kalte Wind peinigte Nase, Ohren und Hände, obgleich die Hände doch behandschuht waren. Wir besitzen auch einen Kopfschützer, aber der Befehl des Gebrauchens ist noch nicht durchgegeben. Diesmal kann ich nichts über mein Schießergebnis sagen, es ist nur das Schießen der gesamten Battr. gewertet worden. Heute nachmittag war wieder eine Ausfahrt mit den schweren Fahrzeugen. Ich war Bremser. Aber das kann ich Dir sagen, zu den Kniewärmern freue ich mich sehr, sie verhindern unangenehme Gefühle. Ich glaube, meine Kniebeschwerden, die ich dann und wann seit einigen Wochen habe, rühren von der Kälte her. Jetzt macht der Dienst mal so viel Spaß! – Walter D. hat sich nun für 12 Jahre verpflichtet. Soll ich das auch? Man wird dann leichter befördert. So bleibe ich wohl der ewige einfache Soldat. Ich habe ja auch noch nicht die vorgeschriebene 10monatige Zeit bei der Wehrmacht gedient, aber 7 Monate sind doch bald voll. Und wie lange muß ich ihr noch dienen? Wann werden wir erneut unseren Einzug in die Curslacker Wohnung halten können? Letzte Nacht kamst Du mich im Traum besuchen, aber wir konnten gar nicht so schön miteinander plaudern, da 2 Kameraden anwesend waren. Was das Hirn nicht alles zurecht phantasiert! – Arthur S. ist ganz niedergeschlagen, da er seit 10 Tagen von seiner Frau, die erholungsbedürftig mit ihren 2 Kindern nach Sachsen verschickt worden ist, keine Post erhielt. Es ist ihm unerklärlich. Es ist ja auch bestimmt nicht schön. Paul K. ist fleißig auf der Schreibstube, den Weihnachtsurlaub hat er auch verschmerzen müssen. Er wird jetzt wohl fahren, wenn sein Töchterchen das Licht der Welt erblicken wird, und das ist im Februar.

Neulich war ich in 12 7 14 23 3 10 19 6 3 3 10 [* 2]. Dort habe ich mir dieses Briefpapier und einen Füllhalter erstanden. Der Füllhalter ist billig, taugt auch nicht viel, ist nur zum Verlieren reichlich teuer. Ich wollte noch gerne für Dich Kleinigkeiten kaufen, konnte aber keiner habhaft werden. Mir wird vorläufig nichts anderes übrig bleiben, als Dich mit Wolle und Schokolade „abzuspeisen“.

Nun, meine süße [Hannelore], will ich schließen. Ich freue mich auf den morgigen Augenblick, wo ich den Inhalt Deiner Päckchen enthüllen kann. Welche Überraschungen ist es wohl geben wird?

Kriegsweihnachten 1940!

Ich gedenke Deiner in innigster Liebe.

Herzliche Grüße

Dein [Heinrich].

[* 1 = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]

[* 2 = Charleville; s. Substitutionstafel NGM-401221-003-01]

 

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Briefumschlag mit Beschriftung  "Abgadbcck", darunter ein M?

Ba-NGM K02.Pf2_401223-003-01.jpg, Briefumschlag mit Beschriftung "Abgadbcck", darunter ein M?

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Autor Heinrich Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Heinrich Wilmers

Abbildung von der Vorderseite eines Notizbuchs in Leder von Heinrich Wilmers.
Ba-NGM K02.Pf1_A4, Notizbuch Heinrich Wilmers, Datum und Ort unbekannt.

Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost