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[NGM-401225-003-01]
Briefkorpus

60.

25. XII. 1940

29.12.40 [*]

Meine liebe [Hannelore]!

Und ich bin Weihnachten nicht zu Dir gekommen! Du hast gewiß noch länger auf mein Kommen gehofft als ich. Nicht alle Hoffnungen werden Wirklichkeit! Aber deshalb wollen wir nicht Trübsal blasen. Der Tag meiner Abreise zu Dir liegt zwar noch sehr in der Ferne, aber er rückt doch näher. Mit Januarurlaub rechne ich noch durchaus nicht, weil da von der Einheit andere Aufgaben zu erledigen sind wie gewöhnlich. Aber jetzt ist ja Weihnachten, und da möchte ich mich mit Dir über unser Fest unterhalten. Nachdem unser Kinoraum gestern festlich hergerichtet war – Tische eingeräumt und mit sauberen Bettüchern belegt, Tannenbaum aufgestellt und geschmückt, der Raum geheizt u.a. mehr – war wurden die leckeren Sachen für jeden Kameraden in geschmackvoller Weise aufgetischt. Von 1730 bis 1830 aß die Battr. in 3 Gruppen in der Kantine gutschmeckenden Kalbsbraten, man vermißte nur Kompott dabei. 1910 trat die Battr. an und rückte dann geschlossen nach dem Kinoraum (10 Min. entfernt) ab. Nachdem wir alle im Festsall [sic] Platz gefunden hatten, wurden gemeinsam bekannte Weihnachtslieder – von einer Handharmonika begleitet – gesungen. Danach sprach ein Oberleutnant von der Abteilung – unsere Offiziere sind alle in Weihnachtsurlaub gefahren – einige Festworte. Zwischendurch taten wir uns an den guten Sachen – Wein-Punsch, Kuchen, Zigaretten, Nüsse, Apfelsine, Schokolade, Feigen, Datteln, Kekse spendierte die Battr. uns – gütlich. Da der große Raum nicht genügend durchgeheizt war, hatten wir einzelnd die Pflicht, uns durch Punsch innerlich zu erwärmen: manches Glas wurde geleert, aber die Stimmung blieb eigentlich recht kühl. Ich glaube, jeder war mit seinen Gedanken anderswo; liebe Erinnerungen, vertraute Gewohnheiten wurden zu lebendig und gegenwartsnah. Manchen überkamen wehmutsvolle Gefühle, wenn das Schifferklavier alte Weihnachtsweisen intonierte, und ich muß sagen, mich berührten auch eigenartige Empfindungen. Kameraden der Bühne, des Theaters, des Sports gaben noch Stücke und Lieder zum besten.

Zum Schluß wurde das Fell eines Fuchses amerikanisch versteigert. A. S. und ich haben dann noch Paul K. zur Schreibstube gebracht, eine anständige Tasse Bohnenkaffee getrunken und noch eine Stunde geklönt. Mittlerweile war die Uhr 1 geworden. Wir begaben uns in unser Quartier. Nachdem ich die restlichen Weihnachtspäckchen von meinen Eltern und von Schwägerin Hermine, die mir auf der Feier zugeflogen waren, auf ihren Inhalt untersucht hatte, legten wir uns schlafen. Wir freuten uns, daß wir es soweit geschafft hatten. Bislang habe ich Dir erzählt, was die Wehrmacht für uns tat zum Weihnachtsfest. Nun will ich Dir berichten, inwiefern die Heimat bestrebt war, mir das Fest zu verschönern. Ich brauche Dir ja nicht all die Sachen aufzählen, liebe [Hannelore], die Du mir geschenkt gehast. Ich habe gestern beim endgültigen Auspacken über die Mannigfaltigkeit der Päckchen - Inhalte enorm gestaunt. Du hast nicht nur an Zunge, Hals, Magen, Herz und Hand gedacht, sondern auch an Kopf und Bart. Du denkst auch wohl: unrasiert und fern der Heimat! Doch mein Bart wird nicht länger, ich finde, er ist jetzt sogar weicher als früher. Er verkümmert, weil er durch Dich nicht mehr gestreichelt wird. Ich freue mich sehr zu den Sachen, die Du mir geschickt hast, aber noch mehr zu Deiner Liebe, die jedes Päckchen offenbarte. Die allein macht mich glücklich und stark und läßt mich Weihnachten froh sein. [Hannelore], ich bin Dir so dankbar und in treuer Liebe verbunden. Leider kann ich nicht ausführen, was mein Innerstes mir befiehlt. Aber das Fläschchen habe ich genommen. 1. Schluck auf Deine Gesundheit, 2. Schluck auf unsere Ehe, 3. Schluck auf ein baldiges Wiedersehn – und es war leer.

Von Ihlienworth habe ich Fettpakete bekommen: Wurst, Butter und Braten. Von der Ortsgruppe Altengamme ein schönes Buch: Schwedischer Winter von Heinz Schwitzke, ein Büchlein: Hamburger National, Kuchen, Zigarren, Zigaretten, Cognac und Rasierklingen. Von Herta Äpfel und Kuchen. Von R. ebenfalls Äpfel und Kuchen. Von W. traf ein schöner Brief ein, sie rechneten mit meinem Weihnachtsurlaub. Dich soll ich herzlich von ihnen grüßen, sie freuen sich schon auf unseren Hadler Besuch.

Obgleich wir jetzt mitten im Weihnachten sind, muß man seine Blicke doch schon in die Zukunft lenken. Neujahrnacht, in wenigen Tagen wird es das Jahr 1940 ablösen. 1940! Es war für mich trotz der Schwere der Zeit das schönste Jahr. Was uns die Vorsehung fühlen ließ, machten wir zur Wirklichkeit. Wir versprachen uns fürs Leben. Schöneres gibt es nicht nach meinen Begriffen, wo zwei Menschen sich in Liebe und Treue für immer verbinden. Zwar können wir noch kein gemeinsames Leben führen, die Zeit gebietet, daß der Soldatenrock mich ziert, aber gerade hierauf bin ich stolz. Ich hätte mich geschämt, wenn ich nicht soldatenfähig gewesen wäre. In das kommende Jahr lege ich aber den Wunsch hinein, daß es uns wieder vereinigen möge, daß es Deutschland den Frieden bringt. Tiefinnerlichst [sic] aber wünsche ich, daß 1941 Dir als mein Liebstes auf Erden Glück und Gesundheit bringen wird.

In diesem Sinne Prosit Neujahr!

Glückliches Neujahr auch Deinen Eltern + Günter!

Herzliche Grüße

Dein [Heinrich].

[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]

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Autor Heinrich Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Heinrich Wilmers

Abbildung von der Vorderseite eines Notizbuchs in Leder von Heinrich Wilmers.
Ba-NGM K02.Pf1_A4, Notizbuch Heinrich Wilmers, Datum und Ort unbekannt.

Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost