66
29.12.40
2.1.41 [*]
Meine liebe [Hannelore]!
Der letzte Sonntag im Jahre 1940 hat seinen Weg in die Vergangenheit angetreten. Zwar können wir ihn noch einige Stunden genießen, aber er ist doch schon stark im Abrücken. Draußen herrscht schon wieder die Dunkelheit, die Sonne hat uns nicht gelacht, aber trotzdem war das Wetter nicht übel. Tauwetter ist nach der milden Frostperiode (-10°) eingerückt, S. schätzt es sehr. Ich mag dagegen lieber leichten Frost. Dann ist auf alle Fälle ein viel sauberes Arbeiten im Gelände. Und frieren muß man auf dem Fahrzeug meistens so und so. Allerdings hat Frostwetter meistens Glätte im Gefolge, und damit erhöhen sich Gefahrenmomente. Doch ich wollte ja gar nicht von dem Glatteis erzählen, sondern mit Dir über die Sonntage dieses Jahres plaudern. Wie ich im September von Dir ging, hoffte ich, am Jahresende mit Dir gemeinsam Sonntage verbringen zu können. Doch mein Hoffen war umsonst. Unsern letzten gemeinsamen Sonntag erlebten wir in Wentorf am 1. September, dort hinter der Reithalle, weißt Du noch? Du hattest Kuchen und Handarbeit mitgebracht und wolltest mir den Sonntag in der Kaserne verschönern. Ich war ja für die Alarmbereitschaft bestimmt, und beim Antreten glänzte ich doch durch mein Fehlen. Nun bin ich dauernd alarmbereit, aber Du kommst mich gar nicht besuchen. Nur im Traum erscheinst Du mir sehr oft. Ist das absichtlich oder unabsichtlich? Dir bleibt ja leider auch nichts anderes übrig als Dich gedanklich zu mir zu begeben. Ich glaube, daß wir uns da sehr oft besuchen, wenn wir überhaupt nicht dauernd beieinander sind. Und vor dem 1. September waren wir fast jeden Sonntag zusammen, ich erinnere nur, daß ich den 2. Juni ohne Dich verbringen mußte. Dies war der 1. Sonntag in der Kaserne, und Du hattest noch nicht den Mut, mich schon zu besuchen. Würde es Dir heute auch an so Mut fehlen? Eine Reise nach Hamburg von hier ist keine Kleinigkeit, wie die Urlauber stets sagen, aber jeder nimmt gerne die Reisestrapazen in Kauf, wenn nur der Urlaub winkt. Aber 1941 werden wir wieder schöne Sonntage miteinander verbringen. Ich denke, daß die ersten im Februar steigen werden. Dann muß wohl eine Trennung wieder einsetzen, aber ich hoffe, daß die Sonntage des letzten Drittels des Jahres 1941 uns ganz gehören. Was meinst Du?W
Neuigkeiten kann ich Dir keine berichten. Ich habe in den letzten Tagen nichts erlebt. Schlaf ist gut, Appetit groß, doch beide Bedürfnisse vermag ich zu befriedigen. Ich glaube bestimmt, daß ich in den letzten Monaten dicker und fetter geworden bin. Aber einen Bauch trage ich noch nicht vor mir her. Aber mir kommen Hände und Füße abgerundeter vor, die doch sonst stets sehr hager aussahen. Seit dem 8. September trage ich auch eine andere Haarfrisur. Ob Du mich wohl wiedererkennst, wenn ich in Urlaub komme?erh
Liebes Frauchen, wie steht es mit meinen Konten? Erhältst Du stets die Auszüge? Verringere mal bei passender Gelegenheit zugunsten des Sparkontos die Summe des Girokontos. Außerdem müssen jetzt noch die Zinsen des Jahres 1940 nachgetragen werden. Dann läßt Du mir wieder so eine schöne Aufstellung zukommen, wie Du es seinerzeit getan hast. –
Und jetzt ist hohe Abendbrotzeit. Mein Magen meldet sich, er hat vielleicht schon vernommen, daß S. seinem das Nötige einverleibt. Nachher will ich noch lesen. 2 Päckchen habe ich gepackt, eins an Dich, eins an meine Mutter.
Herzliche Sonntagsgrüße
Dein [Heinrich].
[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]
- Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
Heinrich Wilmers
Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost