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[NGM-401229-004-01]
Briefkorpus

Nr. 61.

Hbg. – Neuengamme, d. 29.12.40.

Mein lieber [Heinrich]!

Heute ist wieder Sonntag, der letzte in diesem Jahr. Ich habe den ganzen Nachmittag von 1 Uhr an gestrickt. Jetzt ist es 6 Uhr. Mutti u. Günter sind ins Kino gegangen. Wenn sie um 7 Uhr zurückkommen, muß ich das Abendbrot fertig haben, da habe ich also gerade noch Zeit, Dir einen Brief zu schreiben. Gerade als wir heute mittag mit der Küche fertig waren, kam der Postbote u. brachte zwei Briefe von Dir: Nr. 51 v. 13.12. u. Nr. 60 vom 25.12. Diese beiden Briefe stellen wohl das Äußerste u. das Kürzeste in der Beförderung da [sic]. Über Deinen Brief Nr. 60 habe ich mich sehr gefreut u. dabei festgestellt, daß ich Dir bis jetzt noch gar kein Glück fürs Neue Jahr gewünscht habe. Wenn auch jetzt diese Wünsche Dich nicht mehr rechtzeitig auf schriftlichem Wege erreichen, so glaube ich, daß sie doch noch zu Dir kommen. Weißt Du noch, als wir im vorigen Jahr zusammen ins Neue Jahr gekommen sind? Da habe ich aus den Figuren beim Bleigießen immer ein kleines Nest herausgelesen, ich weiß nicht, ob ich es Dir erzählt habe. Ein Nest ist ja auch schon draus geworden, wenn auch noch nicht recht warm, aber hoffen wir, daß uns dies im nächsten Jahr beschieden ist. - Gestern nachmittag habe ich mit Frl. B. zusammen ein Likörservice für Frl. Sch. gekauft. Da ich bis zu meinem Zug noch so viel Zeit hatte, brachte ich sie noch durch die Stadt. Im Hansakino gab es „Feinde“. Da sind wir dann hineingegangen. Es war einmal wieder ein sehr schöner Film. Den Zug um 4 Uhr bekam ich dadurch natürlich nicht u. mußte bis ½ 6 Uhr warten. In der Wochenschau wurde auch Weihnachten bei den Soldaten gezeigt. Dich habe ich nicht entdecken können, aber habe nur an Dich gedacht. Einmal sah man nur einen Tannenbaum sich in wagerechter [sic] Richtung durch den Wald bewegen, bis dann ein Motorrad mit zwei Soldaten die Sache klärte. Gestern suchte ich wieder einen Pinsel für Dein Gewehr (bei Sievert, Bergedorf) dort wurde mir ein etwa 70/ 80 cm langes Gebilde gezeigt mit einer kleinen Bürste vorn. Wie soll ich das aber zu Dir befördern. Ich fragte, ob sie das nicht kürzer hätten. Da meinten sie, wenn es für ein Gewehr sein soll, müßte es diese Länge haben, wenn es dagegen für eine Pistole sein soll, kann es kürzer sein, in der Ausführung aber hatten sie nicht da. Nun warte ich erst einmal Deine Nachricht hierüber ab. - An Gehalt hast Du für den Monat Dezember überwiesen bekommen RM 217,-. Ich glaube davor waren es RM 244,-. Papa kam das zu viel vor, u. er hat sich mit der Dienststelle in Verbindung gesetzt, ob auch das mit der Wohnung in Ordnung gekommen wäre. Die hatten natürlich noch nichts veranlaßt. Nun wird von September bis jetzt das Wohnungsgeld zusammen abgezogen. Inzwischen ist ja auch eine neue Gleichschaltung in Bezug auf Besoldung Hamburgs mit dem Reich eingetreten, die sich aber erst bei der nächsten Altersstufe (für Dich also im Februar 41) bemerkbar machen soll. Da wird wieder einmal etwas abgezogen. Wo das mit den Lehrern wohl noch mal hinaus soll! Bei uns im Geschäft verdienen junge ledige Leute von 27, 28… Jahren RM 300,- u. mehr u. sind noch nicht zufrieden. Das Wechseln der Arbeitsplätze ist ja jetzt mit Schwierigkeiten verbunden, aber trotzdem ist es schon verschiedentlich gemacht worden. Zu sog. Kriegsstellen kann man jederzeit kommen. Gestern ist wieder einer zum Vorstellen nach Berlin gewesen, verdient hier schon über 300,-. Dort wird es natürlich wesentlich höher sein. Herr Dr. P., unser jetziger Chef, Herr W. ist vollkommen zum Lohrenbau [sic] rübergegangen, hat mir sagen lassen, daß ich 6 Monate vorher kündigen müsse. So lange der Krieg ist, könnte ich ja sowieso nicht weg. Ein blödsinniger Kerl, wann der Krieg zu Ende ist, weiß ich ja auch nicht, da kann ich ja nicht 6 Mon. vorher kündigen. Aber wo Frl. Sch. sich nun auch verlobt hat, bekommt er es mit der Angst. Er muß sich ja rechtzeitig jemand Neues anlernen. Er hätte gemeint, ob ich später noch halbe Tage arbeiten wolle. – Inzwischen haben wir nun Abendbrot gegessen, ich habe Strümpfe gestopft u. noch eine Runde gestrickt u. jetzt wird es wieder höchste Zeit fürs Bett. Und nun komm gut ins Neue Jahr, mein Liebster, u. denk an mich.

Herzliche Grüße u. auf baldiges Wiedersehen!

Deine [Hannelore].

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost