Nr. 62.
Hbg. – Neuengamme, d. 31.12.40.
Mein lieber [Heinrich]!
In einer Stunde ist das Neue Jahr da. Vor einem Jahr warst Du auch hier. Haben wir nicht 66 gespielt? Heute abend ist es hier sehr still. Günter ist zu T.s u. feiert dort, Grete u. Helmuth sind auch da. Er kam eben mal rüber, war mächtig in Stimmung, hatte alle möglichen Bänder um, hat drei Stück Torte heruntergeschlungen u. dann gings wieder rüber. Ich habe bis eben an der Decke gestrickt, zwischendurch mal Nüsse geknackt, Torte gegessen u. Wein getrunken. Müde bin ich auch schon, wir wollen auch nicht bis 12 Uhr aufbleiben. Aber ich möchte Dir doch noch einmal im alten Jahr schreiben. Was Du wohl jetzt machst? Ob Ihr wohl dort auch eine Feier macht oder ob Du schläfst? Leider weiß man das ja nie zur gleichen Zeit[,] sondern erfährt es immer erst später. Aber im nächsten Jahr bist Du wohl sicher wieder bei mir. Hitler hat in seinem Tagesbefehl ja gesagt: 1941 wird die Vollendung unseres Sieges bringen. Und es ist ja eigentlich immer zugetroffen, was er gesagt hat. - Heute bekam ich eine Karte vom „alleinigen Vertreter der Wehrmacht [Wilmers] in Ilienworth - West“. Papa ist gestern aus der Heide zurückgekommen. Er hat nur zwei Hasen getroffen. Diesmal war die Büchse zu stramm u. ging schlecht los. Die beiden Nindorfer Jungens waren einige Tage auf Urlaub gewesen. Erich aus Hamburg war auch da. Ein strammer Feldwebel. August aus Hamburg würde zu Neujahr erwartet. Erika war schon nach Hamburg gefahren. ich
Heute nachmittag habe ich einen langen Spaziergang gemacht. Ich bin ganz zu Fuß von Bergedorf gekommen. Es hatte gestern wieder etwas geschneit u. war leicht übergefroren (vorher hatten wir 2 Tage starkes Tauwetter gehabt) u. ging sich sehr schön. Ich hatte eigentlich gedacht, die Zeit bis 4 Uhr im Kino oder bei Kaffee Möller zuzubringen. Aber kurz nach 1 Uhr mußte ich für die H.M.G. [*] zur Bergedorfer Bank u. Geld einzahlen, anschließend war ich frei. Da hatte ich ja sehr viel Zeit u. bis um 4 Uhr war doch sehr lange, da habe ich meiner Gesundheit einmal etwas zu Gute kommen lassen. Eigentlich müßte ich das öfter mal machen, den ganzen Tag sitze ich sonst, dabei muß man ja auch eingehen. - Im Radio ist heute abend schöne Tanzmusik. Im Augenblick spielen sie gerade: [„]Hörst Du mein heimliches Rufen“, einen schönen englischen Walzer. - Papa hat aus Nindorf verschiedene Briefe mitgebracht, die er Oma aus dem Feld geschrieben hatte, die liest er heute abend noch mal. Ich habe eben auch einen gelesen, der war kurz vor Weihnachten 14 geschrieben. Damals waren Mutti u. Papa verlobt u. wären, wenn der Krieg nicht dazwischen gekommen wäre, schon verheiratet gewesen. - Draußen knallt es schon. In etwa 25 Min. ist es 12 Uhr. Und nun wünsche ich Dir, mein lieber Mann, für das kommende Jahr eine baldige Heimkehr.
Herzliche Grüße
Deine [Hannelore]
Um 12 Uhr wandert dieser Brief in den Kasten.
[* = Hanseatische Motorengesellschaft m.b.H. Hamburg - Bergedorf]
- Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost