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[NGM-410109-003-01]
Briefkorpus

78.

9.I.41.

16.I.41 [*]

Meine liebe [Hannelore]!

Den Brief 77 wirst Du wohl vor diesem erhalten. Gewiß wird Dir beim Lesen dann ein kalter Schauer über den Körper gegangen sein, denn dort wird das Frostwetter auch herrschen. Ich weiß zwar nicht, wieviel Grad Temperatur in freier Natur ist sind, aber die Kälte genügt uns voll und ganz, sie sie kneift uns schon gehörig. Neulich hatte ich ein Thermometer nach draußen gehängt, aber es ist am gleichen Tage schon verschwunden, anscheinend brav organisiert. Ich vermute, daß wir wieder mindestens 10 - 12 Kältegrade haben. Und bei dieser Kälte hat nun die größte Übung meiner Soldatenzeit stattgefunden. Wir leben noch, haben alles gut überstanden, und das ist die Hauptsache. Um 1 Uhr war Wecken, kaum 2 Stunden hatte ich ordentlich geschlafen, die übrige Zeit lag ich wühlend im Bett. Nach dem Kaffeetrinken haben wir uns feldmarschmäßig ausstaffiert, man hat so allerhand Sachen an und um sich baumeln, und dann die Fahrzeugzeugen [sic] aus dem Schuppen geschoben. Das ging enorm schwer, und der Schnee knirschte. 3 ½ Uhr war alles fertig, Pferde angeschirrt und angespannt, Marschbereitschaft wurde gemeldet und 340 setzte sich die Einheit in Bewegung. Und wir saßen still, zusammengeschrumpft zu einem Haufen Elend, auf den Fahrzeugen, guckten in den Mond, der grinsend auf uns niederschaute. Wie wir so richtige, aber auch so richtige Eisfüße und - beine hatten, am ganzen Körper Frost und Kälte empfanden, da durften wir absitzen und laufen. Die Füße schmerzten, die Beine waren steifen, so daß man gar nicht zutreten mochte. Nach einer Stunde schwitzte ich, solches Tempo wurde veranschlagt. Die Straße war glatt und schneeig, und plötzlich, ohne Voranmeldung, flogen beide Beine vorne in die Luft und ich sauste auf den Allerwertesten mit gehörigem Schwung, aber dennoch glücklich, da ich im ganzen mit einer blauen Überraschung davon gekommen bin. Ich führte Pferde, die spritzten aber bei meinem Unternehmen zur Seite und standen still. Nachdem der Rücken heiß, fast in Schweiß gebadet war, kamen 10 Min. Rast. Und der kalte Wind streifte so „schön“ den heißen Körper. Dann ertönte der Befehl: zum Aufsitzen fertig machen. Wer dem Leben noch keine angenehme Seite abgerungen hat, kann die Wirkung eines solchen Befehles nicht nachempfinden. Als Privatmann weiß man sich selbst am besten gegen Kälte zu wehren. Aber was macht das schon aus, wir haben gefroren, gezittert und doch alles gut überstanden. Eine gewisse Abhärtung muß auch sein. Gegen 12 Uhr hatten wir das Ziel erreicht, von 13 - 16 Uhr hörten wir die Musik der fliegenden Granaten. Dann rüsteten wir uns für die Heimfahrt, die nicht ganz so unangenehm war, gegen 23 Uhr rollten wir wieder in unser Dorf ein. ½ 24 Uhr waren wir mit dem Fahrzeugeinstellen fertig. Dann habe ich Kaffee und Post geholt. Und siehe, es war schon wieder ein Brief von Dir da, Frauchen, Du verwöhnst mich!!

Ich weiß, ich habe es schon so oft gesagt, aber es ist Tatsache: wenn ein lieber Brief von Dir da ist, so ist aller Schmerz des Tages vergessen, plötzlich lebt man in einem Wonnegefühl. Dies Gefühl ist aber viel schöner als das eines angenehmen Rausches, das ja auch sehr viel Männer gewaltig schätzen. 030 lag ich dann glücklich, tatsächlich glücklich im Bett. Der müde Körper erfreute sich des Bettes, das ihm Ruhe und Wärme spendierte, und die Gedanken erfreuten sich Deiner und Deines Briefes. Bei In dieser freudigen Lage bin ich aber eingeschlaafen und wachte erst um 630 Uhr auf, 5 Minuten vor dem Hornsignal. Der heutige Dienst war nicht erheblich, er diente den kommenden Tagen. So, meine süße [Hannelore], nun habe ich Dir einen ausführlichen Bericht aufs Papier gebracht, einige Stellen sind vielleicht unklar, aber ich möchte nicht deutlicher werden.

So, und Du gehst gerne tanzen! Frauchen, Frauchen, da habe ich ja allen Grund, bald auf Urlaub zu kommen. Ja, ich möchte auch mal wieder tanzen, doch ich werde mich in den Halbschuhen wohl gar nicht mehr bewegen können, denn meine Füße sind an die fast 3 Kilo schweren Marschstiefel gewöhnt. Doch immerhin wäre es nett, wenn während meiner Urlaubszeit noch Tanzen erlaubt ist. - Außerdem sparst Du feste, und ich soll die Höhe Deiner Sparsumme erraten. Ja, kleiner Rechnungsführer, wie steht es mit dem Bezahlen der Kohlen? Mir hast Du etwa 60 Mark geschickt. Ich möchte etwa 200.- annehmen, die Du während meiner Abwesenheit auf Konto gelegt hast. Von sonstigen größeren Einkäufen hast Du nie gesprochen. Nun bin ich doch gespannt, wie genau oder ungenau ich getroffen habe. - Ist es nicht eigenartig, daß wir so oft die gleichen Gedanken haben. So verbrachten wir den letzten Sonntag stund mit dem Lesen der Briefe, die Nummerierung [sic] der Post wurde unabhängig eingeführt, der Beispiele sind noch mehr, daß unsere Geschmäcke im großen und ganzen übereinstimmen, ist selbverständlich [sic] und notwendig, wie könnten wir uns sonst leiden und lieben! Doch nur, weil Du voll und ganz nach meinem Geschmack bist, habe ich Dich geheiratet. Ich habe mich wirklich gefreut, daß Du mir schreibst, daß die Vase Dir nicht zusagt; geschickt habe ich sie, weil sie typisch Franzosentum darstellt und mit persönlichen Erinnerungen belastet ist.

So, mein teurer Schatz, nun will ich schließen. Empfinde meine ganze Liebe und Sehnsucht zu Dir. Wie herrlich schön wird unser Wiedersehen sein. Dann laß ich Dich gar nicht wieder aus den Armen! Und meine Lippen bedecken Deinen süßen Mund.

Herzliche Grüße und Gute Nacht!

Dein [Heinrich].

Jetzt will ich aber gleich röcheln, müde genug bin ich.

[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]

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Autor Heinrich Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Heinrich Wilmers

Abbildung von der Vorderseite eines Notizbuchs in Leder von Heinrich Wilmers.
Ba-NGM K02.Pf1_A4, Notizbuch Heinrich Wilmers, Datum und Ort unbekannt.

Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost