Nr. 71.
Hbg. – Neueng., d. 14.I.41.
Mein lieber [Heinrich]!
Heute habe ich nun Deine beiden Briefe Nr. 69 v. 1.1. u. Nr. 71 v. 2.1. bekommen. Ich dachte bestimmt, daß Du Sylvester [sic] auch tüchtig einen gehoben hättest, aber so sehr scheinst Du ja doch noch nicht mitgenommen zu sein. Ich freue mich jedenfalls, daß Du Dich nicht so einer Sauferei hingegeben hast. Es war neulich jemand bei uns im Geschäft auf Urlaub, der erzählte dolle Sachen in dieser Beziehung u. auch von dem, was dann kommt. Wenn das alles wahr ist, dann müßte man sich der deutschen Soldaten schämen. Aber man darf ja nie verallgemeinern. Aber ich glaube, es wird doch sehr viel getrieben, was nicht sein dürfte. Wenn die Frauen jener Männer das wissen würden, ich weiß nicht, wie sie sie dann empfangen würden. Und Du hast mein Büchlein am Sylvesterabend [sic] gelesen. Ich hatte es mir schon vor einigen Jahren gekauft u. habe auch sehr viel Freude daran gehabt, u. so dachte ich, daß auch Du die kleine Geschichte gern lesen würdest. In den nächsten Tagen will ich es noch einmal wieder durchlesen, um manches wieder aufzufrischen.
Papa rechnet heute abend einmal wieder. Er hatte andauernd Nüsse vor. Erinnerst Du Dich noch? Im vorigen Jahr haben wir ja auch häufig daran gesessen? Heute abend mußte ich auch oft wieder mitrechnen. Aber die Deutfähigkeit ist gar nicht mehr sehr geölt, aber vieles habe ich doch noch rausgekriegt. Weißt Du noch die Aufgabe mit dem Bücherwurm, der sich von Seite 1 – Seite 1000 durchfrißt, wo er für einen Deckel 10 Std. u. für 1 Blatt 1 Std. benötigt? Ein Buch hat 500 Seiten. Die Bücher sind aufgestellt in einem Regal: 1,2,3, … Wie lange braucht der Bücherwurm [,] um von Seite 1 – Seite 1000 zu kommen? Diese Aufgabe hat Papa uns damals auch gestellt. Du hast lange dran gerechnet. Weißt Du noch? Papa meinte heute abend, wenn Du kommst, würde er Dir die Aufgabe einmal wieder stellen. Denk man schon drüber nach. Im nächsten Brief kannst mir mal die Antwort schreiben. Aber schön aufpassen. Am besten erst praktisch vorführen. Dann ist da noch diese bekannte Aufg., wo nur ein 8, ein 5 u. ein 3 Ltr. Gefäß vorhanden sind u. 4 Ltr. sollen ausgeschenkt werden. In dieser Art habe ich heute Abend meinen armen Kopf anstrengen müssen, zwischendurch dann an der Decke gestrickt, Gott sei Dank waren es nur schlichte Touren. Was Du wohl zu der Decke sagen wirst? 100 cm Durchmesser habe ich jetzt wohl, 160 cm soll sie werden. Vielleicht können wir sie ja zusammen spannen. ist
Gestern habe ich wieder mit H.i telefoniert. Sie hat tatsächlich schon ein Schlafzimmer gekauft. Das Zimmer, worin sie jetzt schläft, will sie verkaufen. Sie meinte, wer weiß, ob nach dem Krieg etwas zu haben ist.
Günter übt heute abend wieder kräftig in der Klasse. Er ist noch nich [sic] zur Schule gewesen, morgen will er es wieder wagen. Er trinkt feste Hustensaft. - Gestern abend stand in der Zeitung: Wärmflaschen zu verkaufen. Als ich heute hin war, war schon alles ausverkauft. Wir müssen doch dann unsere Betten schön anwärmen. Hoffentlich bekomme ich bis dahin noch eine. Weißt Du schon Genaueres über Deinen Urlaub? Und nun geht´s ins Bett.
Herzliche Grüße! Gute Nacht!
Deine [Hannelore]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost