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[NGM-410116-004-01]
Briefkorpus

Nr. 72

Hbg. – Neuengamme, d. 16.I.41.

Mein lieber [Heinrich]!

Heute ist der Rekord gemacht worden. Als ich in die Haustür kam, erblickte ich einen Haufen Pakete, 4 Stück. Außerdem war Dein Brief Nr. 78 v. 9.I. eingegangen. Zuerst habe ich den Brief gelesen u. Dich sehr bedauert, in dieser Kälte auf dem offenen Wagen, das ist ja entsetzlich. Und wenn Ihr warm seid, dann Rast, das ist doch unverantwortlich. Daß Ihr da nicht alle krank werdet, das ist doch wirklich ein Wunder. Da nimmt man im privaten Leben doch mehr Rücksicht.

Und nun zu den vielen Paketen. Heute also kamen die Nr. 62, 63 u. 64 von der ersten Serie u. 74 vom zweiten Versand. Gestern hatte ich auch schon Nr. 73 u. 75 bekom- [sic] bekommen. Nun folgt also nur noch Nr. 76. Was für Berge von Wolle!! Hab herzlichen Dank! Da habe ich ja lange Zeit schöne Arbeit. Was soll ich nun alles machen daraus? Die rosa Wolle deutet ja auf ein kleines Mädchen hin, aber Du wolltest doch immer einen Jungen haben?! Und dann noch alle die herrlichen Sachen, die in den einzelnen Paketen lagen. Die erregten natürlich in erster Linie das Wohlwollen meiner Mitbewohner. Günter konnte gar nicht die Zeit abwarten, hat gleich ein Stück Schokolade aufgegessen. Die Datteln habe ich erst mal noch weggelegt. Die sollen uns aber gut schmecken. Eine Apfelsine soll heute abend dran glauben. Als ich neulich die große Lücke in der Nummerierung Deiner Briefe bemerkte, dachte ich zunächst, Du hättest Dich versehen. Mit einem Mal, es war abends im Bett, kam mir der Gedanke, daß Du Deckenwolle bekommen haben könntest u. die nun schickst. Und siehe da, gestern kamen die ersten beiden Päckchen an u. bestätigten mir meine Ahnung. Wenn ich nun man erst ein schönes Muster hätte. Aber das können wir uns zusammen aussuchen, wenn Du hier bist. Zunächst will ich erst noch an der Seidendecke weiterstricken, denn ich glaube, wenn ich jetzt aufhören würde, komme ich später schlecht wieder rein. Heute nacht erlebten wir eine große Erschütterung. Gegen ½ 2 Uhr klapperte mit einem Male die Haustür, ich fuhr auf u. dachte im ersten Moment, daß Du an der Haustür wirst u. nicht reinkommen könntest. Aber dann dachte ich, Du würdest wohl auch hinter meinem Fenster rufen würdest. Dann kam eine zweite heftige Erschütterung. Ich zog meinen Mantel an, ging aber noch erst rüber zu M. u. P. [*] Die hatten es auch gehört, meinten es sei eine Explosion in der Ferne. Ich habe mich dann wieder ins Bett gelegt, konnte aber lange Zeit nicht wieder einschlafen. Heute wurde nun erzählt, in Düneberg [*] sollen die Explosionen gewesen sein. - Heute abend ist es sehr spät geworden. Werner I. war bei uns. Es ist gleich ½ 11 Uhr.

Herzliche Grüße u. Gute Nacht

Deine [Hannelore]

[* = wohl: Mutti und Papa]

[* = Düneberg: Stadtteil von Geesthacht[

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost