Nr. 74
Hbg. – Neuengamme, d. 19.I.41.
Mein lieber [Heinrich]!
Gestern traf Dein Brief Nr. 81 v. 12.I.41 ein. Da hattest Du einmal wieder Wache. Wie oft kommt Ihr eigentlich dazu rann [sic] ? Wenn das Wachlokal nicht geheizt ist, so muß das nicht gerade schön sein. Und die eigentliche Wache ist doch wohl draußen, u. die Zwischenzeit sitzt Du im Wachlokal, oder irre ich mich da? - Zwischen Nr. 79 u. 81 scheinst Du ja wieder einmal ein Päckchen eingeschaltet zu haben. Was da wohl drin ist, auch wohl Wolle? Oder vielleicht Apfelsinen? Als Du Brief 81 schriebst, hattest Du meinen Brief erhalten, mit dem ich Dir den Erhalt des ersten Wollpäckchens ankündigte, das hatte damals 4 Apfelsinen enthalten. Soviel ich erinnere, schrieb ich, wenn Du die dort bekommen könntest, könntest Du mal welche schicken. Dies schoß mir beim Lesen Deines Briefes gestern plötzlich durch den Kopf, u. dann stimmt es meistens. Oder diesmal nicht? - Dich können sie ja da anscheinend zu allem möglichen gebrauchen! Aber eigentlich muß das doch ganz schön sein, wenn nicht jeder Tag dasselbe bringt. Und besonders bei diesem kalten Wetter ist Innendienst doch bestimmt angenehmer, als irgendwie draußen herumzuturnen. - Ist eigentlich die Bevölkerung zum großen Teil ausgewandert? Und die Häuser stehen jetzt leer? Als Ihr neulich die Schlacht dort auf der einen Stube ausgefochten habt, woher sind dann da die neuen Möbel gekommen? Doch sicher organisiert aus Privathäusern, nicht? –Di
Heute ist hier ein entsetzliches Schneegestöber u. dabei sehr kalt. Ilse hatte mich für heute nachmittag eingeladen. Wo Walter nun weg ist, fühlt sie sich sehr einsam. Aber der Weg dorthin war schrecklich. Der Wind peitschte den Schnee ins Gesicht. Besonders auf dem Weidenbaumsweg war es schlimm und dann beim Rückweg auf dem kleinen Sommerdeich von der Nettelnburg. Gerade von vorn kam der Wind, der Schnee setzte sich am Hals fest, u. dann diese Schneewehen, an einigen Stellen spiegelblank u. schneefrei, an anderen Stellen bis zum Knie im Schnee. Ich rechnete schon mit großer Verspätung unseres Zuges, aber mit nur 5 Min. Verspätung gings ab. Dafür lagen wir dann aber bald fest. Kurz vor dem Neuen Deich mußten wir ¾ Std. liegen, eine Weiche war festgefroren. Mit sehr viel Verspätung bin ich hier wieder gelandet. Ilse hatte heute einen Brief von Walter bekommen, er war jetzt angekommen, wo er hin sollte, Loiremündung. Er traf dort einen Oberleutnant wieder, mit dem er sich hier schon sehr gut verstanden hatte: Dr. V., kennst Du den auch? Bei Ilse habe ich ein sehr hübsches Muster für unsere große grüne Decke entdeckt. Eine Nachbarin hat sie gehäkelt, allerdings in drei Farben, aber ich glaube, sie wird sich auch einfarbig sehr gut machen. In den Brief 73 habe ich RM 10,- mit eingelegt. Die wirst Du wohl inzwischen erhalten haben.
O, mein Schatz, ich freue mich so auf Deinen Urlaub, wenn´s doch erst so weit wäre, Daß Du hier bei mir bist. Es ist schon so lange her, wo ich zuletzt in Deinen Armen liegen konnte, und das ist so schön. Als alte Jungfer hätte ich nicht durchs Leben gehen können. Ich will jetzt noch ein Stück Schokolade spendieren, Günter ist wieder zum Tanzen.
Herzliche Grüße u. einen lieben Kuß
Deine [Hannelore]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost