Nr. 75
Hbg. - Neuengamme, d. 21.I.41.
Mein lieber [Heinrich]!
Heute kam Dein Brief Nr. 82 bei mir an. Du bist traurig, daß ich Deine Post so unregelmäßig erhalte. Inzwischen ist nun aber alles übergekommen. Bis auf Nr. 80 sind alle Briefe u. Päckchen von Nr. 1 - 82 einschließlich in meiner Hand. Vermutlich wird Nr. 80 ein Päckchen sein u. braucht deshalb etwas mehr Zeit. Mach Dir nur keine Sorgen, mein lieber Schatz, einmal kommt alles über. Der Brief Nr. 56 hat 3 Wochen gebraucht, er enthielt den Schlüssel. Vielleicht hat die Untersuchungskommission deshalb etwas länger gebraucht, um aber doch festzustellen, wie harmlos die Sache war. Was Ihr allerdings jetzt wieder vor habt u. weshalb ich in den nächsten Wochen länger auf Post warten müßte, ist mir nicht ganz klar.
14 Tage lang willst Du die warmen Sachen nicht ausziehen? Nur Mantel u. Stiefel, das sieht ja fast aus, als wenn Ihr immer in Alarm liegt? Es ist ja auch einerlei, die Hauptsache ist, daß Du jetzt bald kommst. Übrigens heute hat mich Herr Dr. P. reingerufen. Inzwischen wird er wohl mit Herrn Dr. D. geredet haben. Jedenfalls dachte er schon wesentlich günstiger über meine Lage u. meinen Urlaub. Meine mir zustehenden neun Tage müßte ich natürlich in Anrechnung bringen. Urlaub bekomme ich dann im Jahr 1941 nicht wieder. Aber der Krieg wird ja sicher vor Jahresschluß vorbei sein, u. dann ist das ja auch hinfällig. Wenn Dein Urlaub sich dann auch über eine Woche länger erstrecken würde als neun Tage, so würde er mich dann auch freigeben.
Also darüber brauchen wir uns jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Wir können uns dann unsere Zeit einteilen, wie es uns gefällt: O, wie wird das schön werden. Morgens schlafen wir natürlich recht lange. Hoffentlich kommen wir dann ohne Trick aus den Federn! An sich ist ja jetzt in der Kälte das Aufstehen noch schwieriger als damals im August. Ob Du wohl heute in einem Monat hier bist? Weißt Du, ob es Anfang oder Ende Februar wird? Ich finde, die Zeit läuft jetzt so entsetzlich langsam, bis so eine Woche zu Ende ist, dauert immer eine ganze Weile. Und ich freue mich so auf den Februar.en
Letzte Nacht hat es hier viel Schnee geschafft. Heute morgen mußte ich beinahe im Storchengang zur Bahn gehen. Heute am Tag fing es dann feste an zu tauen u. regnete ganz sachte. Mir fällt gerade ein, tauen kann es eigentlich gar nicht gewesen sein, denn dann könnte es ja kein Glatteis geben. Das Gehen war jedenfalls sehr schwierig, besonders auf den Gummi - Überziehschuhen. An den meisten Stellen war aber ja gestreut. - Augenblicklich ist Mutti stark erkältet, sie hat Halsweh u. Husten u. Schnupfen, liegt auf dem Sofa, schwitzt u. schläft. Die anderen beiden sind schon mit durch. Bald werde ich nun wohl an die Reihe kommen. - Und nun will ich schnell ins Bett. Morgen früh werde ich mir wohl selbst Kaffee kochen müssen. Frühstücksbrote schmiere ich mir schon seit längerer Zeit abends.
Und nun, Gute Nacht, mein süßer Mann
Herzliche Grüße
Deine [Hannelore]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost