Nr. 76.
Hbg. - Bergedorf, d. 23. Januar 41.
Mein lieber [Heinrich]!
Heute habe ich endlich einmal im Geschäft etwas Zeit, u. da will ich Dir einmal wieder von hier einen Brief schreiben. Wie lange das allerdings möglich ist, weiß ich nicht. Bis jetzt habe ich schon zweimal ablassen müssen. - Gestern kam das Päckchen Nr. 80 an. Diesmal hatte meine Vermutung ja nicht zugetroffen, man darf sie eben nicht schreiben, sondern muß so etwas für sich behalten. Dafür haben wir aber gestern im Geschäft jeder 2 Mandarinen bekommen. Einer unserer Soldaten hatte uns welche aus Belgien geschickt. Die Schokolade habe ich zu meinem Vorrat gelegt. Wenn Du kommst, wollen wir uns in jeder Weise ein schönes Leben machen u. dazu soll dann auch die Schokolade beitragen. Von meinen Briefen hast Du ja die letzten noch behalten. Aufgemacht hatte ich das Bündel nicht, aber am Poststempel konnte ich sehen, daß der letzte am 30.12. gestempelt war. Ich hatte die beiden Briefe noch mal lesen wollen, die die schönsten Deines Lebens gewesen sind, wie Du schreibst, aber sie waren nicht dabei. Gestern nachmittag war Elisabeth aus Hoopte bei uns. Sie geht augenblicklich nach Bergedorf zum Nähen zu Frau B. am Mohnhof, wo ich auch vor drei Jahren 3 Monate geschneidert habe. Da sie eigentlich nicht über die Elbe kommen kann, das Rübergehen geht nicht mehr u. das Rüberfahren ist auch unmöglich, wohnt sie bei Tante Bertha. Grete ist ja nicht da. Freitags fährt sie dann über Hamburg nach Haus u. kommt Montagsmorgens wieder. Sie hat sich viel vorgenommen, was sie noch alles nähen will. Die Familie ist dort ja auch groß. Anfang Januar war sie vom B.d.M. aus zum Skilaufen in Schierke/ Harz [*]. Das hat z ihr sehr viel Spaß gebracht. Am vorletzten Tag hatte sie sich allerdings ihren Fuß verstaucht. Sie hatten sehr schönes Wetter. Es war Neuschnee gefallen. 1 – 2 cm Schneedecke. Wenn man hinfiel, sackte man tief ein. Das Aufstehen war gar nicht so einfach. Hast Du eigentlich schon mal Ski gelaufen? Ich würde das glaube ich nicht können. Meine Gelenke sind viel zu schwach, außerdem habe ich viel zu weiche Knie. Elisabeth meinte, die Hauptsache sei, daß die Beine nicht weglaufen. Sie hätten schöne Abhänge genommen, so steil wie eine Deich – Böschung. Man fährt natürlich nicht direkt runter, sondern schräg. - Wir haben hier augenblicklich schönes Matschwetter, allerdings immernoch [sic] eine ziemliche Glätte. - Gestern traf ich Ilse T., sie hatte die Schlafdecke gewogen. Sie wog 5 ℔. Sie war eigentlich ganz normal. Wenn Du noch 1 ℔ von der grünen Wolle zubekommen könntest, wäre es ganz schön. Sonst mach ich sie etwas kleiner. Muttis wiegt nur 4 ℔. Das andere Muster arbeitet wohl mehr auf. Aber als einfarbige Decke macht es sich bedeutend hübscher als Muttis Muster. Ihr scheint aber wohl etwas besonderes vorzuhaben, sodaß [sic] Dir derartige Einkäufe wohl kaum möglich sein werden. Aber schreiben kann ich es ja mal. Nimm es mir bitte nicht übel, wenn es Dir nicht möglich sein sollte. Und nun, mein süßer Schatz, Auf Wiedersehen!sie
Herzliche Grüße Deine [Hannelore]
[* Schierke/ Harz = Stadtteil von Wernigerode]
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Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost