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[NGM-410124-004-01]
Briefkorpus

Nr. 78

Hbg. - Neuengamme, d. 24.I.41.

Mein lieber [Heinrich]!

Es ist schon wieder sehr spät geworden; ich war wieder so sehr in mein Stricken vertieft, daß ich nicht ablassen mochte. Die Reihen sind jetzt so lang, daß ich gar nicht mehr mein mir vorgenommenes Quantum schaffen kann.

Heute bekam ich eine Vermählungsanzeige von Anni D.. Neulich traf ich schon in der Bahn eine Frau aus ihrer Nachbarschaft, die erzählte mir schon von Annis Hochzeit. In Schleswig wollen sie wohnen. Anni hat ihre Tätigkeit im Geschäft schon Ende Dezember aufgegeben. Im Januar hat sie dann bei ihrer Mutter noch etwas in den Kochtopf geguckt.

Heute schrieb uns Herr H. einen Brief. Frl. Sch. ist beim Skilaufen gestürzt, anscheinend mit dem Gesicht auf einen Eisblock. Sie liegt im Krankenhaus in Mainburg, Stirn u. Mund sind verletzt, das Nasenbein ist zweimal gebrochen. Vor einiger Zeit hatte sie schon mal ihren Fuß verstaucht.

In der Klasse wird wieder tüchtig geübt. Jeden Abend fast hört man das Gesinge u. Gegrölle [sic], das geht nun noch einen Monat so weiter u. steigert sich sicher noch. Günter hat schon große Plakate gemalt. Leider kommt ihnen nun die SS am selben Tag mit einem bunten Nachmittag dazwischen, dann müssen die H.J. noch wieder verlegen, denn sie getrauen sich wohl doch nicht, mit der SS in Konkurrenz zu treten.

Im Geschäft ist augenblicklich einmal wieder Kampfstimmung zwischen Frl. B. einerseits u. Frl. Sch. u. mir andererseits. Gestern schrieb ich Dir doch, daß uns einer unserer Soldaten Mandarinen geschickt hatte, die waren im kaufmännischen Büro verteilt worden, jeder von uns hatte zwei bekommen. Nun kam gestern noch ein Päckchen an vom selben Soldaten. Frl. B. war dafür, daß wir drei sie unter uns teilen wollten, die anderen wüßten ja nichts davon. Frl. Sch. u. ich aber waren der Meinung, daß diesmal die anderen Abteilungen welche bekommen müßten, denn sie seien ja schließlich nicht nur für uns geschickt worden. So haben wir es denn auch gemacht. Wir drei haben keine gekriegt, u. Frl. B., die so sehr gerne nascht, hat überhaupt nichts bekommen. Das hat sie uns anscheinend sehr übel genommen, jedenfalls heute morgen war der Bart ab, sie würdigte uns keines Wortes, das ist immer der Anfang einer wochenlangen Maulerei. Wenn ich nun drei Wochen Urlaub bekomme, wird sie ja wieder genug zu reden haben. Eine große Wut steckt überhaupt in ihr, weil sie keine Gehaltserhöhung bekommen hat, während alle männlichen Angestellten 20,- - 60,- Mark Erhöhung bekamen. Darüber regt sie sich fast täglich von neuem auf.

Wie freue ich mich, mein Liebchen, daß ich bald drei Wochen aus diesem Laden herauskomme. Wie wird das schön werden.

Und nun Gute Nacht u. Herzliche Grüße!

Deine [Hannelore]

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost