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[NGM-410125-003-01]
Briefkorpus

85

25.I.41

2.II.41 [*]

Meine liebe [Hannelore]! 

Ich bin glücklich, daß ich auch in diesen beiden Wochen den Verhältnissen nach so regelmäßig Post empfangen konnte. Alle paar Tage wurde Post verteilt, und jedesmal durfte auch ich „hier“ schreien. Es ist ein beglückendes Gefühl, wenn ich Briefe von Dir erhalte, mögen sie auch gar keine Neuigkeiten enthalten. Sind sie mit Liebe geschrieben, so erzeugen sie Gegenliebe, und darin besteht daßs größte Glück auf Erden. Ich weiß, meine Eltern halten sehr viel von mir, ich ehre und liebe meine Eltern, aber noch viel schöner und herrlicher ist die Gewißheit, daß ich einen Menschen in Deutschland habe, der mir der Inbegriff meines Glückes und meiner Liebe ist. Meine liebe süße [Hannelore], wie bin ich glücklich in Dir! Alle Strapazen des Tages sind überwunden und vergessen, wenn ich abends einen lieben Brief von Dir lesen kann, und Du kannst gewiß sein, daß ich keine Mühe scheue, Deine Liebe mit Gegenliebe zu vergelten. Denke nicht, daß ich in diesen Wochen verminderte Schreiblust hatte. Uns war einfach gar nicht die Möglichkeit gegeben, die Post reisen zu lassen. Den vorigen Brief hatte ich auch einige Tage in der Tasche. Ich hoffe, daß er heute den Weg nach Deutschland eingeschlagen ist. Nun weiß ich schon ohne Deine Mitteilung, daß Du tagelang vergeblich auf Post von mir warten mußt. Aber bei unserem Zigeunerleben ist es nicht zu ändern. Wenn wir jedoch irgendwo wieder Wurzeln schlagen können, werde ich wieder eine Postoffensive einleiten. Sei bitte nicht traurig, wenn Du momentan also wenig Briefe und überhaupt keine Päckchen bekommst. Es wird die Zeit kommen, wo ich Dich in dieser Hinsicht mehr beglücken kann. An Geld leide ich keinen Mangel. Dazu bekam ich vor einigen Tagen 10.- RM von Dir. Jetzt können wir weder kaufen noch schicken, aber sobald sich die Gelegenheit bietet, werde ich sie ergreifen. Die Zeit hat uns gelehrt, sofort zuzufassen, sobald… So haben wir es schon während unserer Verlobungszeit gehalten, und bei den Soldaten legt man diese Eigenschaft nicht ab. Heute trafen die beiden Briefe 74 u 75 ein, mir fehlt noch 70, oder hast Du diese Nummer vergessen? Das Päckchen 80, was noch nicht in Deiner Hand ist, enthält alle die Briefe von Dir. Ich würde es ja sehr bedauern, wenn gerade dieses Päckchen verloren gehen sollte. Ich stelle es mir so wunderbar vor, wenn wir später in lauschiger Stunde unsere Post wiederlesen können. Ich bin aber überzeugt, daß das Päckchen zur Zeit schon in Deiner Hand sein wird. Du hast nun Deine Urlaubsfrage schon geregelt, ich wollte, meine wäre auch schön gelöst. Ich weiß noch nichts Bestimmtes, aber ich vermute, daß ich vorläufig noch nicht in Urlaub fahren kann. Sei nicht traurig, süßes Frauchen, wenn wir uns vorläufig noch nicht sehen können. 5 Monate haben wir bald die Trennung überstanden, wir werden auch stark genug sein, sie noch länger zu überstehen. Vom ersten Ehejahr werden wir dann allerdings nicht viel haben, denn ein halbes Jahr sind wir nun in Kürze dem Papier nach verheiratet. Heute bin ich 20 Wochen von Dir fort, das sind 140 Tage. Rechnest Du auch immer die Wochen und Tage aus? 

Seit einer Woche haben wir hier Tauwetter, meistens regnet es. Der Boden ist furchtbar weich. Unsere Stiefel sind täglich bis oben hin mit Lehm bedeckt. Zum Appell müssen sie aber wieder blitzeblank sein. Das Säubern ist jetzt wirklich eine nette Arbeit. Wir waschen erst die Stiefel, trocknen sie und dann beginnt der eigentliche Putz. Vorgestern war auch der Mantel total mit Straßendreck überspritzt, war das ein Bürsten, bis ich ihn appellfähig hatte. Und morgen ist wieder Sonntag, ein halber aber nur für uns Soldaten. Jetzt erst weiß man, wie schön die Sonntage vor einem Jahr waren. Da konnte ich immer nach Neuengamme fahren, und ich tat es so gerne, auch wenn die Witterung mal ungünstig war.

Ist eigentlich ein Brief von mir schon kontrolliert worden? Aus Deinem letzten Brief kann ich es nicht klar erkennen. Die Postkontrolle ist jedenfalls jetzt stark verschärft worden. Von Deinen Briefen trägt keiner den Kontrollstempel, oder sollte jetzt Nr 70 der Kommission vorliegen! Und nun meine liebe [Hannelore], will ich gleich ins Strohlager. Da sind doch die Betten in Curslack in Sperlingshöhe entschieden schöner, und wenn dann Du noch an meiner Seite liegst, was wünscht das Herz sich mehr! Jetzt aber kann ich Dich nur in Gedanken lieben und küssen.

Gute Nacht, mein Herzchen!

Herzliche Grüße

Dein [Heinrich].

[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]

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Autor Heinrich Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Heinrich Wilmers

Abbildung von der Vorderseite eines Notizbuchs in Leder von Heinrich Wilmers.
Ba-NGM K02.Pf1_A4, Notizbuch Heinrich Wilmers, Datum und Ort unbekannt.

Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost