Bitte warten...

[NGM-410127-003-01]
Briefkorpus

8686  

27.I.41

3.II.41 [*]

Meine liebe [Hannelore]! 

Nun habe ich die Möglichkeit, Dir einen Brief zu schreiben, aber jetzt fehlt mir der Mitteilungsstoff. Ich habe schon 2 Minuten gegrübelt und weiß immer noch nicht, was ich Dir schreiben soll und kann. Du weißt ja auch, daß ich über alles, was mich den ganzen Tag über als Soldaten bewegt, zu schweigen habe. Da hast Du es leichter, denn Du kannst einfach über die Tagesereignisse und -erlebnisse losplaudern. Aber ich will Dir jetzt auch den gestrigen und heutigen Tageslauf trocken erzählen. Gestern war Sonntag. Es war allerhand Sonntagsdienst angesetzt, aber der U.v.D. teilte uns gestern morgen gegen 830 mit, daß der Dienstplan geändert worden sei, und zwar zu unseren Gunsten. Von 9 - 11 Uhr war Kartoffelschälen, 1145 Appell und Dienstausgabe für heute. Gegen 1230 haben wir gegessen, es gab Linsensuppe mit Rindfleisch. Magst Du gerne Linsensuppe? Bei der Dienstausgabe war ein Brief von meinem Vater da. Ich soll bald auf Urlaub kommen, er lädt uns herzlichst ein, sie warten schon auf unseren Besuch. Bruder Rudolf hat nur einen achttägigen Urlaub gehabt. Von Schwager K.s Urlaub weiß ich nichts. Ihm habe ich neulich geschrieben, daß er sich mal nach Vierlanden begeben möchte, um Dich kennen zu lernen und unsere Wohnung zu besichtigen. Hat er schon von sich hören lassen? Adresse und Fernsprechnummer habe ich ihm angegeben. Inzwischen bin ich etwas vom Dienstplan abgekommen. Gestern nachmittag habe ich meinen Eltern einen Brief geschrieben, seit dem letzten Schreiben waren schon einige Wochen verstrichen. Mein Vater hat auch den Empfang einiger Päckchen bestätigt. Was meinst Du, wieviel Päckchen habe ich während der 5 Monate abgeschickt? Dann habe ich Ernst E. noch einen Brief geschrieben. Ist er schon als Lehrer in Bayern oder Schlesien? Danach habe ich etwas Ordnung in meine Klamotten gebracht, ein Beutelchen mit Studentenfutter verzehrt, Dein Bild schweigend betrachtet. Dies geschieht alle paar Tage, denn ich kann Dein Bild nicht bei mir tragen. - Wir wohnen bei einem Gastwirt, der mir noch eben vor dem Dunkelwerden seinen Viehbestand gezeigt hat. Wir haben die deutschen und französischen Viehpreise verglichen und uns sonst noch unterhalten, wenn auch unter sprachlichen Schwierigkeiten. Aber das kleine Wörterbuch tut jetzt seinen Dienst. Die Wirtin hatte uns als Abendbrot schönen Hahnenbraten zubereitet. Das war mal ein Essen! Nach dem Abendessen haben wir noch ein wenig Karten gespielt, Wein getrunken und gesungen. Als wir uns zur Ruhe begaben, sagten wir: Das war ein schöner Soldatensonntag, wir haben gelebt wie ein Gott in Frankreich! Übrigens sollte ich Dir schreiben von der Gastwirtsfrau: Schreiben Sie Ihrer Frau, daß eine französische Frau Ihnen ein Essen gemacht hat. Natürlich auf französisch. Heute stieg nun der gestern vorgesehene Dienst, der jetzt auch gut überstanden ist. Das heißt, so erheblich war er auch nicht. - Einige Tage werden wir hier noch liegen, dann gehts weiter. Wohin?

Und was hast Du den gestrigen Sonntag angestellt? War er langweilig oder hattest angenehme Beschäftigung und Unterhaltung? 

Und nun, mein süßes Frauchen, will ich schließen. Das Abendbrot winkt schon, eine Milchsuppe wird Zunge und Magen erfreuen. In diesen Tagen der Ruhestellung gibt es Sachen, die wir seit langer Zeit entbehren. Auf baldiges Wiedersehn!

Herzliche Grüße und ein langer lieber Kuß.

Dein [Heinrich].

[* = andere Handschrift, wohl notiertes Empfangsdatum]

Karte
Kommentare
Einordnung
Gesendet am
Gesendet aus
Autor Heinrich Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
Gesendet nach
Erwähnte Orte
Über den Autor

Heinrich Wilmers

Abbildung von der Vorderseite eines Notizbuchs in Leder von Heinrich Wilmers.
Ba-NGM K02.Pf1_A4, Notizbuch Heinrich Wilmers, Datum und Ort unbekannt.

Heinrich Wilmers wurde 1907 geboren. Seine Eltern waren Bauern in Niedersachsen. Er und seine Geschwister waren sehr in die Arbeit auf dem Hof eingebunden. Er hatte zwei Schwestern und drei Brüder, die ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen waren. Ein Bruder fiel 1944. Heinrich Wilmers war Lehrer, erst

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost