Nr. 460.
Hbg. - Neuengamme, d. 31.12.42.
Mein lieber [Heinrich]!
2 ½ Std. haben wir noch vom alten Jahr nach, dann beginnt 1943. Was es uns wohl alles bringen wird? Im vorigen Jahr Sylvester [sic] wußte ich, daß das kommende Jahr uns ein Baby bringen würde. Unsere kleine Schnucke ist nun da. Gerade eben habe ich sie ins Bett gebracht, u. hier unten in der Stube erinnert noch vieles an sie: Kinderwagen, Wäsche am Ofen. Das ganze Leben den Tag über füllt sie aus. Im kommenden Jahr wird das nun wohl noch mehr der Fall sein, wenn sie nicht mehr dauernd im Wagen liegen will, sondern aufgenommen werden will, wenn sie dann erst anfängt zu laufen u. zu sprechen. So hat mein Leben nun eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Und unsere Puppe wird immer niedlicher. Als sie da heute abend so lag in meinem Bett u. sollte zu trinken haben – sie hatte ein blaues mit rot verziertes Nachtjäckchen an – da sah sie wirklich süß aus. So schöne glatte Haut u. rote Bäckchen hatte sie, u. ihre hellen blauen Augen leuchteten, die kleinen runden Ärmchen fuhren durch die Luft. Das Trinken wird jetzt anscheinend wieder etwas besser. Sie hat etwa eine Woche lang nur Brust bekommen, damit sie wieder in Ordnung käme, Brei wollten wir vermeiden u. Flasche nimmt sie nicht. Der Lutscher ist einfach nicht in ihren Mund zu kriegen zum Saugen, anscheinend ekelt sie sich davor. Aber wo sie sowieso nicht soviel trank, hatte ich noch genug. Jetzt müssen wir aber wieder mit dünnem Brei anfangen, denn sie kriegt mich bet [sic]. (?) [sic] Mit viel Geschrei geht das Trinken noch, aber sie trinkt doch wenigstens wieder einigermaßen viel. Hoffentlich hat sie Sonntag schon etwas zugenommen. - Papa ist heute von der Jagd zurückgekommen. Wir hatten ihn eigentlich erst nach Neujahr erwartet, aber er hatte wohl Sehnsucht. Einen großen Hasen hat er auch mitgebracht. Der Kleine in Nindorf kann schon feste laufen. Auf Stühle u. Treppen klettert er, nichts ist vor ihm sicher. Letzte Nacht hatte ich einen unliebsamen Zwischenfall, ich wachte auf u. hatte etwas im Auge, ein ganz kl. Korn, es tat schrecklich weh. Das Auge war rot, trotz heftigen Tränens wollte es nicht verschwinden, schließlich konnte ich beide Augen nicht mehr aufmachen, Da habe ich dann mit Bohrwasser [sic] ausgewaschen. Nach 1 ½ Std. war es schließlich behoben. Augenkrankheiten müssen doch furchtbar sein. Gestern war eine Frau S. bei uns, Nachbarin von Marga P.. Margas Mann ist von ihr gegangen. Er machte seit etwa 5 Monaten in Hbg. einen Kursus durch. Erst kam er täglich raus, dann mietete er sich in Hbg. ein Zimmer, hat da wohl andere Frauen gehabt; vor etwa 14 Tagen kam er zu Marga, ob sie nicht in Freundschaft auseinandergehen wollten. Marga weiß jetzt gar nicht, wo er abgeblieben ist. Und wie waren die beiden glücklich. Als Ihr, Papa u. Du, in Wetzen ward [sic], hatten sie uns noch besucht u. taten wie ein junges Pärchen. Wie kann bloß so etwas angehen! Wie der Mann sich das wohl denkt! Ohne Scheidung geht das doch gar nicht, Marga weint jetzt ganze Tage. Was sagst Du bloß dazu? Heute Gestern kam Dein Brief Nr. 417 v. 25.12. Wenn Du einen schweren Kopf hattest, wirst Du wohl auch einen kleinen Schwips gehabt haben, was? Wenn Du auch nicht gerade gereihert hast. Woher kommt sonst der schwere Kopf?! Günter schrieb heute, sie hätten vom Führer jeder eine Flasche Rum [*] u. einen Puffer mit Rosinen bekommen, außerdem Nüsse, Kuchen, 1 Buch, 1 Mettwurst, Bier u. Punsch. Von W.s bekam ich heute eine Neujahrskarte. Ich soll Dir einen schönen Gruß bestellen. Ich werde wohl ins Neue Jahr hineinschlafen. Ich bin nämlich jetzt schon müde u. warum soll ich solange aufsitzen? Mutti schnarcht jetzt schon. Ob Du wohl jetzt wieder tüchtig einen nimmst? Hab Du im alten Jahr noch einen lieben süßen Kuß.
Herzliche Grüße von Deiner [Hannelore].
[* = von hier an ist der Brieftext von oben nach unten auf dem linken Seitenrand der zwei Briefseiten geschrieben, beginnend auf dieser Seite.]
- Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
Hannelore Wilmers
Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als
Neuengamme
Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost