Mittwoch, den 1. April 1942
Herzensschätzelein! Meine liebe, liebste [Hilde], Du!
Vier liebe Boten sind zu mir gekommen heute. Sie lassen mich die Bande der Liebe ganz froh fühlen – und die stärksten dieser Bande – Ja, Geliebte, die verbinden mich nun mit Dir. Du! Du!!! Den Eltern und der Mutter zumal ist man wohl mit dem Blut am engsten verbunden – aber wenn Vater und Mutter ihre Kinder betrachten, dann sehen sie ja gewissermaßen in einen Spiegel, sie erkennen sich selber in ihren Kindern wieder – sie finden sicher weiter gar nicht absonderlich und verwunderlich. Anders, wenn Du, Herzelein, mich anschaust, und wenn ich Dich anschaue. Dann ist alles neu und andersartig, so daß wir auch die feineren Züge aneinander entdecken und lieben und schätzen. Wenn die Mutter ihre Kinder vor sich hat, dann freut sie sich wohl dieses Geschenkes. Aber größer noch, köstlicher noch scheint mir, wenn zwei an sich fremde Menschen in Liebe ganz einander ergeben, sich zu eigen geben – oh Du! Welch köstlicher Besitz! ^Welch köstliches Tauschen! Und so ist es doch zwischen uns, Du! Du!!! Einander haben wir uns in Liebe ganz ergeben, zu Eigen gegeben, zu Ureigen – Oh Geliebte!!! Ich bin der erste und einzige, dem Du Deine Herzkämmerlein alle aufgetan hast – und Du bist das erste Menschenkind, dem ich mich ganz anvertraue! Du wohnst in meinem Herzen und thronst darin, ganz allein, ganz unumschränkt. Und so ist es doch. Dem liebenden Auge und Herzen strecken die feinen Fäserchen und Würzelchen des Wesens sich entgegen wie die Blätter der Sonne, das Herze entfaltet sich und breitet sich aus vor dem geliebten Menschenkinde. Oh Herzelein! Wie streckt und sehnt sich mein Herz nach Deiner Liebe, nach der guten, warmen Sonne Deiner Liebe!!! Du weißt, wie ich sonst spröde bin und wie lange ich ohne ein liebendes Wesen um mich gewesen bin – Du! Du!!! Deine Liebe ist so gut und eigen – oh Du! Du!!! Die mag ich, die brauche ich, die ganz allein – die kann ich nimmer missen! Geliebte!!!
Oh Herzelein! Wie ist sie mir aufgegangen, die Sonne Deiner Liebe – Wie hat sie Stück um Stück das Eis geschmolzen von meinem Herzen! Oh Du! Daß ich einmal habe fragen können und bangen, ob Du auch die rechte seiest, Schätzelein! Und Du! Goldherzelein, hast bist mit den Strahlen Deiner Liebe doch immer tiefer in mich gedrungen, hast immer besser zu mir gefunden, hast Zutrauen und Kraft gewonnen – oh Du, Geliebte! Wie ich heute Dein holdes Wesen liebend umfange und einhülle. Schritt um Schritt, Stufe um Stufe sind wir einander näher gekommen – oh Holde, Geliebte mein – welch glückliches Einandernähern – und zu jeder Stufe ein Zeichen, ein Geschenk – Du! Du!!! Geliebte! Kennst Du sie noch alle? Du! Du!!! Und welch glückliches, seliges Nahesein nun, Geliebte! Oh Herzelein! Ich glaube, es wird immer Feiertag, Festtag sein, wenn wir umeinander sind! Mächtiger einmal, einmal zarter – aber immer glücklich und innig und lebendig wird die Liebe zwischen uns weben! Oh Du! Geliebtes Weib! Erhalte Gott uns die reiche Gnade dieser Liebe! Erhalte er Dich mir allzeit froh und gesund.
Nach Heimat und Frieden und frohem Schaffen – ach sie haben es auch gar schwer!
Der arme Siegfried aber ist am härtesten dran. Gott schütze ihn! Er lasse ihm geschehen, wie er glaubt!
Nun treten wir wieder ein in den Bezirk der Festtage, in die Traute, den Frieden, den heiligen Kreis des Osterfestes. Ich besinne mich ganz deutlich, wie es im vergangenen Weltkrieg ^uns Kindern um die hohen Feste war wie ein Aufatmen, ein andächtiges Stillestehen, ein Lichtblick aus heimatlichen Gefilden, erhaben über den Jammer dieser Erde, als müsse ein Wunder geschehen.
Und man kann gar nicht anders glauben, daß dies überall in der Welt noch so ist, dort wo Christen leben, wo die Frohbotschaft noch an Herzen rührt, sei es in Freundes- oder Feindesland.
Das ist freilich gewiß: es sind seitdem weniger Gläubige geworden, überall – und – man bedenke, welch weitreichende Folgen! – damit mehr Mißverstehen, weniger Verständigungsbereitschaft, das Aufatmen der Welt um die hohen Feste ist flacher, kürzer geworden. Oh Gott im Himmel, sieh darein! Mehre den Glauben, die Liebe unter den Menschen! Gib den Deutschen ihren Glauben wieder!e
Gründonnerstag morgen. Wird der Karfreitag daheim wohl gefeiert? Hier scheint es noch gar nicht entschieden. ½ 8 Uhr abends ist der Gottesdienst mit heiligem Abendmahl. Ich will ihn besuchen – und freue mich darauf. Will auch an einem der Feiertage zum Gottesdienst, damit Ostern wird im Herzen, Geliebte, – oh, wie lieb und wert wird sie mir dann aufsteigen, die Heimat, in Erinnerung und Hoffnung – und mit der Heimat Dein liebes Bild, Du! Geliebtes Weib, aller Heimat Inbegriff, Du!!! n
Oh Geliebte! Welch schrecklicher Schmerz muß die armen Lübecker ergreifen vor den Trümmern ihrer Gotteshäuser, jetzt zu diesen Ostertagen – ist es denn möglich? Wenn dieses Gotteshaus Heimat war in höherem Sinne, ein Heiligtum, muß ihn der Schmerz nicht zweifeln und irre machen? Wird diese furchtbare Schandtat, dieser kaltherzige Stich ins Herz nicht auch die Ungläubigen aufrütteln und erschüttern?
Oh Geliebte! Wir erkennen es: dieser Krieg ist um Grade häßlicher, grausamer, scheußlicher noch als der verflossene, eine furchtbare Geißel. Oh, wenn ich denken müßte, daß Ihr Lieben und Du, mein Alles, in solch dauernder Gefahr schwebtet — und Tausende müssen es denken! Hier, in der Fremde, einer schlimmen Nachricht immer gewärtig.
Oh Geliebte! Eines könnte uns dann nur noch trösten: unser Glaube. Wer noch etwas recht liebt, muß der nicht glauben? Muß der nicht zu Gott finden, dem er sein Liebstes anbefehlen kann?
Oh Geliebte! Wir erfahren es: die gute Liebe zieht nicht von Gott ab, sie führt zu ihm hin. Und unsre Liebe – ist gute Liebe! Oh, Gott erhalte sie uns! Wie lieb und fest und innig bindet sie uns aneinander! Und ich weiß und fühle es: sie wird noch größer und besser und inniger werden, sie wird uns läutern.
Oh Du! Herzelein! Wieviel Liebes sagst Du mir! Wie fühle ich Deine Herzensliebe beglückt auf mich gerichtet, auf mir ruhen – Deine Liebe – sie war mir bestimmt, sie gehört mir – kein Menschenkind kann mich noch so lieben — oh, daß sie mir erblühte! Daß ich Dich fand!—Und daß ich Dich beglücken kann mit meiner Liebe, daß ich Dich erfüllen kann! Du!!! Du!!!!! Du!!!!! !!!!! !!! Oh Herzelein! Wie lieb ich Dich! Wie lieb ich Dich!!!
Bald ist meine Woche um. Der volle Mond steht am Himmel. Soll ich ihm etwas auftragen? Ach mein, Du! Lieber bestell ich es selber, werd dir so ein Vielliebchen [sic] in unser Kämmerlein schicken, das neugierig und zudringlich in so viele Kammern sich stiehlt allnächtlich. Ich komm doch lieber selber! Ich kann es, auch über alle Ferne — ich finde Dich, Du! Deine Liebe, Deine Sehnsucht ist mein Pfad, sind meine Flügel – sind Schlüssel zum Kämmerlein – und zum Herzelein! Oh Du! Geliebte!!! Mein Herzelein! Das liebe, süße, Du! Ich halte es zärtlich umschlossen voll Liebe! Ich küsse es! Mein! Mein!!! Meine Wohnung! Meine Heimat! Mein Leben! Mein ganzes Glück! Du! Mein Sonnenschein! Behüt dich Gott! Meine liebe [Hilde]! Mein Weib!
Dein [Roland]
Dein glückliches Mannerli!
Roland Nordhoff
Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Stichworte zum Inhalt
Fast reiner Liebesbrief, 'gute' Liebe zwischen Mann und Frau als Gnadengeschenk Gottes. An einer Stelle wird die Bombardierung von Lübeck erwähnt, eine 'Schandtat', die Schmerz bei den Christen über die Zerstörung des Gotteshauses hervorruft. Der 2. Weltkrieg sei grausamer als der erste. Außerdem beklagt R. den Rückgang des Glaubens und der Christen, dass die hohen Feste wie Ostern an Bedeutung verlieren.