Karfreitag, den 3. April 1942
Herzallerliebstes Schätzelein! Holde, Geliebte mein!
Helle Sonne flutet in unser Zimmer, jetzt am nachmittag [sic] gegen 6 Uhr. Hell ist der Tag, aber windig, von heim her bläst er. Ich hätte mögen an die frische Luft gehen, aber meine Tageseinteilung heute sieht keinen Spaziergang vor. Gegen 1 Uhr kamen wir zurück vom Mittagessen. Nach dem Essen ein Schläfchen. Und dann 2 Stunden Sonntagsarbeit. 80 Soldaten sind neu hierher kommandiert, da gibt es viel Arbeit mit Kartei und Listen; nun fallen ein paar Festtage, da wird diese Arbeit im Rahmen unsrer Dienststunden unmöglich. Dieses Erfassen in Listen und Kartei erfordert auch ein wenig Ruhe. Heute abend will ich zum Gottesdienst. Und die beiden Stunden vorher sind den Vorbereitungen vorbehalten und – dem Boten an mein Herzlieb. Wenn ich jetzt nicht schon auf ein Stündchen zu Dir komme, werde ich doch gar nicht fertig mit unserem Plauderchen, ach Du!, mit unsrer Zwiesprache, mit unserem Liebgedenken. Mich plagt die Unruhe doch schon eine ganze Weile, daß ich mich nun endlich zu Dir setzen kann, geliebtes Herz! Wenn ich nun bei Dir wäre, oder Du bei mir – dann drängte es mich, mit Dir ein Stück durch Feld und Flur zu wandeln – ach Herzelein! Daß wir zusammen unser Glück hinaustragen und es einstimmen lassen in das große Frühlingsweben draußen. Es gibt eigentlich nichts Schöneres, als so durch Gottes Natur zu wandeln. Dann wird uns das Menschsein und das Geschöpfsein zugleich so recht bewußt. Froh erkennen wir das Leben um uns, erkennen uns wieder in Pflanze und Tier und erkennen, was uns von ihnen sondert, das Menschsein, die Persönlichkeit – und unsre Blicke und Gedanken gehen himmelwärts, und die Freude über Gottes Welt mündet in einen Lobgesang an den Schöpfer. Ja, der Mensch erkennt den Schöpfer – das ist seine Sonderstellung. Oh Herzelein! Wie freue ich mich darauf, mit Dir wieder so wandeln zu können!!!
Karfreitag nun heute. Ich denke daran, daß wir hier auf halbem Wege zwischen Heimat und dem Schauplatz des Geschehens sind, dessen wir heute gedenken. Liegt dieses Geschehen nicht völlig am Rande der Geschichte – gehört es überhaupt zur Geschichte, zur Deutschen Geschichte? – verdient es überhaupt eine Würdigung? – verblaßt es nicht hinter den Schicksalen und Ereignissen seither, hinter den Heldentaten und den Grausamkeiten des eben tobenden Kampfes? Stelle Dir die Bilder vor dieser Geschichte: tragen sie nicht ganz fremde, orientalische Farben; und die Menschen darin, sind sie nicht ohne jede Beziehung zu uns, fast legendäre Gestalten, und die Hauptperson, ist sie das ideal unsres Menschentums, dieses Leiden ohne zu Klagen? – Oh Herzelein! Wenn ich an die Karfreitagsgeschichte denke und dann die Kameraden sehe, kommen diese Fragen immer wieder – und ihre Verständnislosigkeit, ihr völliges Daranvorbeisehen fordert immer wieder auf, mir Rechenschaft zu geben.
Ich bin eben zurück vom Gottesdienst. Und es sind doch noch Menschen, wenn auch wenige, die es treibt, denen es keine Ruhe läßt. Ach Herzelein! Es wird in mir immer mehr zur Gewißheit, daß wir in unserem Glauben das höchste Gut haben. Mögen die Bilder verblassen, mögen die Formen sich wandeln – der Geist, der Inhalt, das Wort dieser Botschaft bleibt ewig. Es gilt, über zeitbedingten Formen und Vorstellungen immer wieder zum Geiste, zum Wesentlichen vorzudringen. Dann erkennt man den großen Rufer, den Wegweiser, den erhobenen Finger Gottes, ewig gültig, und die Botschaft ewiggroß und -gewaltig. Gottes Sohn kostete dieses Lebens Höhen und Tiefen voll aus. Er ward die Leiden und Schmerzen dieses Lebens inne wie kein Mensch nach ihm. Von Freunden verraten, verkannt, und im Sterben verlassen von allen, allein. Und von Gottes Liebe erfüllt, von ihm gehalten, vom Geiste Gottes getrieben und beseelt wie kein Mensch nach ihm. Er nahm an unsrer Menschheit Teil in des Sinnes ganzer Tiefe. Und er kämpfte den schwersten der Kämpfe, Seelen des Menschen, die wandelbaren, schwankenden, zu gewinnen. Oh Geliebte! Er wies uns an Gott, von dem her dieses Leben Sinn und Würde und Größe empfängt. Er erlöste uns von der Sinn- und Ausweglosigkeit dieses Lebens. den
Herzelein! Ich habe Dein immer gedacht. Du warst mir so nahe. Ach Du! Geliebtes Herz! Ich möchte immer recht gut zu Dir sein. Ich möchte Dir recht viel Liebes erweisen! Ich möchte Dich gar nicht betrüben und kränken, Dir nur lauter Freude bereiten! Oh Du, Geliebte! Verzeih mir, wenn ich Dich kränkte oder Dir wehtat. Ich möchte alles gut machen. Ich möchte Dich ganz lieb haben immer! Du liebes Menschenkind an meiner Seite, alle Liebe, alle Herzensgüte, Dir möchte ich sie zuallererst bringen. Oh Herzelein! Unser gemeinsames Leben soll so von Liebe und Eintracht erfüllt sein, unser Heim, unser ganzes Haus.
Ein junger Prediger sprach heute uns. Seine schlichte, herzliche, ehrliche, besonnene Art hat mir sehr gefallen.
Nun geht es wieder auf Mitternacht. Wo kann ich Dich finden, Herzelein? Ob Du Dich wohl auf den Weg nach Kamenz gemacht hast? Oder wirst erst einmal ruhen von dem Festtagsdrasch?
Herzelein, Geliebte! In Deinem gestrigen Boten rührst auch Du an trübe Gedanken, die uns manchmal bedrücken wollen in unsrer Ungeduld, in unsrer Sehnsucht. Du findest selber den rechten Weg, sie zu zerstreuen und abzuweisen. Die Zeit ist nicht sinnlos, keine Zeit. Auch nicht sinnlos und verloren für unser persönliches Leben. Ach Geliebte! Wir wollen uns nimmermehr niederdrücken lassen von solchen Gedanken – wir wollen immer lieb aneinander denken. Ich will mich Dir erhalten – durchhalten um deinetwillen, um unsrer Liebe Willen – ich will Dich nimmermehr allein lassen – will Dich auch niemals fallen lassen mit bänglichen Gedanken. Aus Deiner Liebe, aus unsrer Liebe kommt mir soviel Kraft zu überwinden und auszuhalten. Oh Herzelein! Wenn Trennung und Fernsein Gefahren sind – wir werden sie überwinden mit unsrer Liebe und Treue. Oh Du! Was wäre dieses Leben ohne unsre Liebe? Was wäre es mir noch wert, wenn ich Dich nicht mehr lieben dürfte und Dir die Treue halten? Was wäre es ohne die Ganzheit unsrer Liebe? Oh Herzelein! „Du Ring an meinem Finger – – – Da hast Du mich erst gelehrt des Lebens tiefen, unendlichen Wert.[“] Dir will ich ganz mich hingeben, Dir dienen — oh Du, mein liebes, liebes Weib! Alles Gutsein ist in solchem Lieben – allen Lebens Wert. Ich lasse Dich nie und nimmermehr! Ich halte Dich ganz fest!
Herzensschätzelein! Die Kameraden drängen zu Bett. Behüt Dich Gott. Bleib mir froh und gesund! Oh Geliebte! Was auch kommen mag, was auch zwischen uns tritt – ich liebe Dich, ich muss Dich lieben – bis an mein Ende. Oh bleibe mir! Behalt auch Du mich immer lieb! Du! Mein Ein und Alles! Mein Leben!
Ich küsse Dich herzinnig! Ich bin bei Dir immer mit meinen liebsten Gedanken. Ich bin so froh und glücklich in Deiner Liebe! Ich bin Dein! Ganz Dein!
Ewig Dein [Roland]!
Herzlein! Sonnabendmorgen. Ich mache den Boten postfertig, ziehe ihm die Reisestiefel an. Oh Geliebte! Sooo gut möchte ich zu Dir sein, s-o-o-o lieb Dich immer haben. Ich drücke Dich an mich, Du, mein Herz, mein Atem, mein Leben!!! Ich liebe Dich!!!!! !!!!!! !!! Oh Herzelein, Dein Mündlein suche ich. Dich zu küssen, ganz lieb und innig! Du! Du!!! Du!!!!! Der Geburtstagsbrief für die liebe Mutsch liegt bei. Du besorgst doch ein paar schöne Blumen!
Roland Nordhoff
Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Stichworte zum Inhalt
Roland beschreibt seine Tätigkeiten: Listen, Tabellen führen. Karfreitag Gedanken, Kraft zum Durchhalten durch Christus. Der Liebe dienen, sonst niemandem.