Bitte warten...

[OBF-420405-001-01]
Briefkorpus

Ostersonntag, den 5. April 1942

Herzallerliebste mein! Meine liebe, liebste [Hilde]!

Wo kann ich Dich denn finden heute, Geliebte? Ich weiß es nicht. Die Post blieb auch heute aus, den dritten Tag schon. Eine Ahnung war mir, als ob Du in Kamenz weiltest, in der Heimat Deines Mannerli. 

Aber wo auch immer, ich bin mit Dir! 

Nun laß Dir von unserem Sonntag erzählen. Spät erst, gegen 4 Uhr kam ich ins Bett. Und schon um 6 Uhr wachte ich vom Lärm von Glocken und Klingeln auf. Der Osterhase war im Hause, brachte jedem 6 Eier und eine Tüte Feigen, Osterüberraschung der Kombüse. Um 10 Uhr besuchte ich den Gottesdienst. Der Gemeindesaal war dicht besetzt, eine schöne Ostergemeinde, Menschen, denen dieses Fest noch etwas bedeutet. Unterdessen hatte sich der Himmel österlich bekleidet, ganz blau mit segelnden Wolken, und nur im Westen etwas schlierig. Heute, gegen abend, zog es dunkel herauf und morgen wird es Regen geben. Warm war es in der Sonne. Zum erstenmal sind wir ohne Kolani ausgegangen. Klar war die Luft, gut die Sicht. Die Gebirge in der Ferne noch schneebedeckt. Ein feines Osteressen gab es: Roulade, Spinat, Kartoffeln und Griespudding mit Fruchtsaft. Kamerad H. hatte Sonntagsdienst. Kamerad K. grollte noch immer. Er ging vom Essen allein nach Hause, saß dann lange auf dem Balkon. Ich hatte mir ein dickes Bäuchel angegessen, und das ließ ich erst mal ruhen. 

Bis gegen 4 Uhr habe ich geschlafen. Dann aber bin ich auf zum Osterspaziergang, zu dem alles lockte. Ich forderte Kamerad K. auf, mitzugehen — mit Erfolg. Und es war nichts gewesen zwischen uns. Durch das bunte, festliche Gewimmel der Menschen stiegen wir in die Berge und erfreuten uns an dem Lande im österlichen Glanz. 

Kennst Du das schöne Gedicht, vielmehr den Monolog aus Goethes Faust „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche – usw“; in dem die ganze Osterstimmung in Mensch und Natur meisterhaft eingefangen ist? An diese Dichtung musste ich denken. 

Im Übrigen sind des Frühlings Spuren hier nicht überwältigend. Das Gras ist spärlich, die Blümchen dazwischen dürftig und unscheinbar, Bäume gibt es nicht. Einzig die Pfirsich- und Aprikosenbäume prangen in rötlicher Blüte. Wieviel reicher an Farben und Stimmen und Wundern ist unser deutscher Frühling! Die Vegetation kann das rötliche Braun der Erde und das Grau des Felses [sic] nicht überdecken. Die Gerippe von Eseln liegen nackt herum. Dichtes [sic] liegen hier Leben und Tod beieinander. Im ganzen hier ein ödes ärmliches Land. Nur der Blick über das Ganze macht Freude. 

Um 7 Uhr saßen wir beim Abendbrot. Zu dritt besuchten wir dann im Fronttheater eine Veranstaltung, die unter dem Namen Kammerkonzert angekündigt war. Das Programm: Mozarts kleine Nachtmusik, zwei Arien aus seinen Opern, Ave Maria von Schubert und Largo von Händel bearbeitet als Cellosoli mit Orchesterbegleitung. Im zweiten Teil der Walzer „An der schönen blauen Donau“, die Piccicato-Polka von Strauß, noch ein paar andere Orchestersächelchen und dazwischen Liedschlager, Wolgalied aus dem Zarevitsch, „Ich bin doch ein armer Wandergesell“, „Mädel ich bin Dir so gut“ usw. Also bis auf die erste Nummer ein anspruchsloses Programm, das in seinem zweiten Teile zum Mitsingen verführte. Die Ausführenden ein 12 Mann starkes Orchester, 4 Primgeigen, 2 zweite Geigen, 2 Cellis [sic], 2 Bratschen, 1 Großmutter — und die Holzbläser zu ersetzen eine Tangoharmonika (unmöglich dieser Gassenjunge unter den Instrumenten unter der aristokratischen Gesellschaft eines Streichorchesters). Der Sänger gut. Das Ganze unterhaltend, für anspruchslosere [sic] wohl auch anregend.

Von diesem Abend sind wir nun heim. Die Kameraden schlummern schon. Ich habe mich in die Schreibstube gestohlen, um Dein zu denken. 

Oh Herzelein! Ich war so froh heute. Und an der Vollkommenheit dieser Freude fehlten doch nur noch Deine lieben Boten. Wenn die Kameraden nicht auch leer ausgegangen wären, hätte ich gedacht, du könntest erkrankt sein. Aber gelt, Herzelein, ich bekäme auch dann meinen täglichen Gruß, und wenn die liebe Mutsch ihn schreiben müsste!

Ach Du! Die Sehnsucht wollte doch aufstehen — aber ich habe sie bezwungen, die Freude, die Gewißheit hat sie verdrängt.

Die Predigt heute hat mich nur zum Teil befriedigt. Der Pfarrer befasste sich mit der Wahrheit der Ostertatsache, der historischen Wahrheit der Ostergeschichte, er setzte sich mite auseinander mit den Zweiflern, ausgehend von der Geschichte des Zweiflers unter den Jüngern, Thomas. Das machte er geschickt, und er zerstreute diese Zweifel damit, daß er sagte: Die Auferstehung des Herrn wird uns von vielen bezeugt: Maria Magdalena, Simon usw, und diese Zeugnisse sind in ihrer Echtheit und Lebendigkeit kaum anzufechten. 

Er musste die Wahrheit der Osterbotschaft aber noch anders gleichsam beweisen: Die Auferstehung Christi ist die Krönung eines ganz einzigartigen Wandels zwischen menschlichen Niederungen und göttlicher Höhe. Dieser Wandel Christi über diese Erde macht in einzigartiger Weise deutlich das Hangen [sic] der Menschen zwischen irdischer Vergänglichkeit und himmlischer Ewigkeit. Mit seinem Geist, seiner Seele, mit der Welt seiner Werte gehört der Mensch dem ewigen Leben an — mit seinem Leibe dieser vergänglichen Erde. Das lehrt uns nicht erst die Ostergeschichte — sondern das ganze Leben Jesu Christi, von Jugend an: „Muß ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist?“ Die Menschen haben es wohl geahnt. Nun ist es Gewißheit. Die Auferstehung Christi erscheint so nur als der Schlußstein, als die Frucht, als die Krönung dieses Lebens, also eigentlich gar nicht so absonderlich oder wunderbar, sondern sicher und gewiß. Und aus dieser Erkenntnis kommt uns die wahre Osterfreude — nicht aus der Überzeugung, daß die Ostergeschichte auf Wahrheit beruhe. Und Freude kommt uns nicht nur aus dieser Gewißheit, sondern auch aus dem Entschluß, den von Christus gewiesenen Weg nachzugehen. 

Es wird wichtig sein, den Menschen unsrer Tage immer wieder vorzustellen, daß diese Nachfolge wohl nur in Demut geschehen kann, daß sie aber zugleich dieses Leben zur höchsten Würde erhebt. In unseren Tagen misst man alle Werte und Mensche[n] an dem Nutzen, den sie ihrem Volke bringen. Zum einen ist das ein wandelbarer, unbeständiger Maßstab, zum andern stellen sich Werte und Menschen in ihrer ganzen Größe oft erst dar, wenn sie schon gestorben sind, zum dritten schließt das für die breite Masse des Volkes jedes Streben aus, weil nicht jedes Menschenleben einen sichtbaren Nutzen für das Ganze abwirft, wir sind nicht alle Erfinder und Künstler und Helden. In dem Gebot der Nächstenliebe gilt Jesus nur ein Maß, das gültig ist für alle Zeiten und Menschen, das jeden auffordert, zu streben, an seiner Persönlichkeit zu arbeiten, das in jedem Menschen ein Gewissen aufrichtet.

Herzallerliebste! Manchmal wünsche ich mir, so auf der Kanzel zu stehen, und noch eindringlicher, überzeugender zu predigen. Es ist ein hohes Amt.

Als wir, vom Spaziergang heimkehrend, auf der Straßenbahn fuhren, standen wir inmitten junger Soldaten, darunter auch Flieger in Tropenuniform, also für Afrika bestimmt. Sie hatten sich in der Stadt amüsiert und fuhren nun wieder heim, zum Flugplatz. Ihre Unterhaltung drehte sich nur um den Putt, und die Mädchen auf der Straße regten sie nur an zu Auslassungen in dem ähnlichen Sinne. Dabei machten sie einen frischen, kraftvollen Eindruck. Und mich stieß diese Begegnung nur an zu diesen Fragen: Kann man diesen Menschen je von den Dingen des Osterfestes kommen? 

Wird dieser Typ der Typ der Zukunft sein: Kraftvoll aber gemein, hemmungslos in der niedrigsten Sinnlichkeit (sie nennen es vielleicht lebensbejahend)? Vielleicht ist er todverachtend, weil er das Leben nicht erfühlt in all seiner Fülle und Schöne.

Herzelein! Es sind diese jungen Menschen ja fast alle in Deinem Alter. Ich fühle es: es scheidet mich von ihnen eine tiefe Kluft. Und ich ahne es mehr, als daß ich es weiß: es entspricht diesem männlichen Typ ein weiblicher. Oh Geliebte! Ich weiß Dich an meiner Seite! Und Du gehst neben mir nicht gezwungen und unwillig, sondern ganz aus freiem Entschluss, aus Liebe — und zwischen uns ist liebendes Verstehen, und wir sind glücklich darin. 

Und in dem Glück unsrer Liebe finden wir uns ganz. Deine Liebe ist wie meine Liebe! Dein Sehnen ist wie mein Sehnen! Ja, Du bist die meine! Und bleibst es für dieses ganze Leben! Und ich kann ganz der Deine sein, Dir der Allerliebste — Du verstehst mich, Du magst meine Liebe, sie kann Dich erfüllen.

Oh Herzelein! Darum bin ich so froh!

Behüte Dich Gott! Er sei mit Dir auf allen Wegen! Ich drücke Dich an mich voll Glück und Seligkeit! Du, mein liebes, liebstes Weib! Ich liebe Dich! Ich küsse Dich herzinnig!

Ewig der Deine!

Dein [Roland]!

Karte
Kommentare
Einordnung
Gesendet am
Gesendet aus
Autor Roland Nordhoff
Korrespondenz Oberfrohna
Gesendet nach
Erwähnte Orte
Über den Autor

Roland Nordhoff

Foto von Roland Nordhoff. Nahaufnahme, Person sitzend in einem Fensterrahmen.
Ba-OBF K01.Ff2_.A39, Roland Nordhoff, 1940, wahrscheinlich Bülk, Fotograf unbekannt, Ausschnitt.

 

Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt

Über die Korrespondenz

Oberfrohna

Fotografie des Brautpaars Nordhoff am Tag ihrer Hochzeit vor dem Portal der Kirche.

Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946