
54.
Ostersonntag, am 5. April 1942.
Herzenschätzelein! Mein geliebter, allerliebster [Roland], Du!
Nun ist das liebe Osterfest da und jetzt, da ich mich zu Dir setze ist der erste Feiertag schon bald herum. Abends um 800 [Uhr] ist es; mein Schätzelein ist mit seinen Gedanken bei mir, ich meine es zu verspüren. Ach, schon den ganzen Tag lang spüre ich’s, Du!! Und nun zur Abendstunde doch am allermeisten. Ob Du wohl zur selben Stunde auch vor dem Bogen sitzt und an mich denkst, Geliebter?
Oh Du!!! Heute war doch die Sehnsucht nach Dir sooo mächtig in mir wach! Musste ja immerzu an Dich denken, Herzelein! Nun laß Dir erzählen von dem, was ich trieb:
Gestern gegen Abend liefen wir also nach Mittelfrohna, um den Osterbesuch zu begrüßen. Sie freuten sich alle und auch Onkel Fritz kam noch in den Abendstunden unverhofft auf 2 Tage in Urlaub. Nach seinem Lehrgang, der am 3. Feiertag beginnt, kommt er wahrscheinlich dann weiter östlich. Die Kinder waren müde von der Reise und gingen bald schlafen. Oma hat zwei weiße Stahlbetten jetzt, da brauchen wir keine Schlafgäste mehr mit heimzunehmen! Bald gingen wir dann nach Hause, damit wir gut ausgeschlafen in den lieben Ostermorgen schauen konnten:
Früh um 500 [Uhr] läuten doch die Glocken schon zu Ostern! Dein Murmeltierchen schlief da noch und träumte vom Herzallerliebsten! Ja ja — Du! Vor 5 Jahren bin ich zu nächtlicher Stunde aufgestanden, um Osterwasser zu holen, das war ein finstrer, regnerischer Ostermorgen! Und meine Kollegin, die Hilde K., weißt? die hatte es promt [sic] verschlafen! Ich mußte über das Gartentor steigen, den Krug ließ ich in der Ecke stehen. Weil sie im Erdgeschoß wohnte, konnte ich mich bemerkbar machen, indem ich mich auf’s Ascheloch schwang und gegen ihr Schlafstubenfenster pochte. Nach langer Weile erschien ihre Mutter im Nachtgewand und fragte ganz verstört, wer da sei? Und ich habe keinen Ton von mir gegeben, ich konnte ja nicht!! Man darf ja nicht sprechen! Ich fuchtelte nun herum, um mich durch Zeichen verständlich zu machen. In der Dunkelheit konnte sie das natürlich nicht kapieren. So bin ich halt wieder abgehauen mit einer Wut im Bauch. Zurück übern Zaun und heim in mein Bett!
Die Eltern haben mich schön ausgelacht. Und seitdem habe ich mir geschworen: nie mehr mit einem Mädchen mich zu verabreden, denn die können ihr Wort nicht halten。 Jedes Jahr um Ostern denke ich daran!
Und ärgere mich doch ein wenig, daß ich nicht allein losgestiefelt bin, um das Wasser zu holen. Hätte ich der treulosen Tomate nicht nur ein [sic] Schuß mehr Mut voraus, sondern auch die ‚Schönheit‘, die man nämlich erhält, wenn man sich mit Osterwasser wäscht!
Schade, gelt? Du!! Im ersten Friedensjahre gehe ich mit Dir Osterwasserholen, gelt? Magst Du mitkommen?! Wir suchen uns eine klare Quelle an einem heimlichen Plätzel. Aber ganz fein still musst Du sein! Und nicht lachen! Daß Du mich nicht umarmst, wenn wir das Wasser glücklich haben im Krug!
Mein Herzelein! ½ 8 [Uhr] bin ich aus dem Bettlein gestiegen. Habe so lieb Dein gedacht schon am Morgen! Du!! Und dann haben wir bei Musik Kaffee getrunken. Der Hubo stand auf dem Radio als Kapellmeister! Wenn Du drauf stehst, dann [st]immt er sich nämlich besser, unser Kasten! Ich habe mich gleich darauf zum Kirchgang fertig gemacht. Draußen schien die Sonne, ab und zu von Wolken überdeckt; es war windig, aber nicht kalt. Zuerst bin ich zum Postamt gelaufen. Wollte doch wissen, ob mein Herzelein zu Ostern zu mir kommt! Und der Herr E. drückte mir ein ganzes Päckl in die Hand. Frohgemut ging ich nun zum Gottesdienst. Ganz glücklich im Herzen, weil mein [Roland] mit mir war! Mir so ganz nahe! Die Kirche war ziemlich voll. Der Pfarrer gab sich Mühe. Es hat auch mir gut gefallen, was er uns sagte. Durch Christus zum Licht! Die frohe Osterbotschaft muß uns doch innerlich beglücken. Wir sangen 2 Lieder: ‚Christ ist erstanden …‘ Jetzt habe ich doch das andre vergessen, aus dem „Heim“, ein Ostergesang; am Schlusse lautet es immer ungefähr: jubilieret, laßt Gott walten, Christ hat den Sieg erhalten …. kannst Du Dir etwas denken dabei? Ach, ich bin dumm, das nächste Mal passe ich gut auf, daß ich Dir besser erzählen kann. Auch Heldengedenken hielten wir wieder, 3 sind in der letzten Woche gefallen. G., B., von C.
Heute haben unsre Kirchenglocken das letzte Mal geläutet. Eine ganze Stunde Abschiedsgeläut. Am 3. Feiertag werden sie abgenommen. Die Orgel muß zum Teil abgetragen werden zu diesem Zwecke! Wenn nur etwas kaputt wäre an unsrer Orgel, da fände sich gewiß keiner, der sie bauen könnte! Aber zu dem Zwecke wird alles möglich gemacht. Ich bin so ärgerlich, daß sie uns die schönen Glocken nehmen.
Als ich heimkam, haben wir alle erst die Post zu Worte kommen lassen! Ich hatte doch wieder das meiste zu lesen!!! Mein gutes Herzensmannerli hat gar lieb an mich gedacht! Ich danke Dir von ganzem Herzen für Deine Liebe, mein Herz! Vom Mittwoch +, Freitag die Nachzügler sind nun da und Dein lieber Bote vom Dienstag 31. März; worin Du mir auch das Stadelmann-Buch zurückschickst. 
Ich hatte doch nun erst die ganze, echte Feiertagsfreude in mir! Du Guter!! Du Lieber! Mein Herzensmannerli! Wie lieb hast Du mich! Ach, ganz warm wurde mir doch heute um’s Herze, Du! Als ich Deine lieben Zeilen las! Du bist doch mein Allerliebster!! Mein Allerbestes, Allerköstlichstes auf Erden! Oh — nichts, nichts tauschte ich für Dich ein! Deine Liebe ist mir alles Glück in dieser Welt! Du! So mächtig, so ganz tiefinnerlich regt sich das unendlich beglückende Gefühl innigster Zusammengehörigkeit in mir, wenn Du so lieb zu mir kommst in Deinen Boten. Dein ganzes liebe [sic] Wesen steht vor mir, zum Greifen nahe, so beglückend! Ach mein Herzelein! Du hast das glücklichste Weib zu Eigen, das hier auf Erden lebt! Soo glücklich bin ich!!! Und neben Deinem lieben Boten kam einer aus Kamenz, von den guten Eltern. Sie sind allein in der Pension. Ob Hellmuth kommt wussten sie noch nicht. Wir werden ja nach dem Feste hören. Die Mutter hat wieder mal allen Humor walten lassen, so ein Schäker! Ich will Dir die Beweise beilegen! Deine liebe Mama ist doch ein Sonnenschein, wenn’s noch so trübe scheint, sie kann alle aufheitern! Wir haben so gelacht über ihren Brief.
Und wer hat denn wieder mal die Familie [Laube] abkonterfeit? Ist das nicht der Hubo gewesen?!
Hoppla! Im Eifer schreibe ich schon bergauf! Verzeih! Ja ja — nichts, daß verloren ginge, selbst wenn es von Griechenland den Umweg über Kamenz. macht! Du Lümmel! Wie kannst Du uns vor aller Verwandtschaft in so traulicher Positur zeichnen?! Na warte! In Zukunft werde ich die Sofalehne ganz hoch schrauben, dann kann niemand mehr drübersehen hinten! Und einen Knoten habe ich!! Wenn’s nur erst so weit wäre! Fein sieht’s aus, alle Achtung! Und wie lieb mein Mannerli alles in Erinnerung hat, alles das zuhaus! Jedes Möbelstück, die Kaffeemühle auf dem Brett, die Teebüchsen. Ach ja, Du kannst Dir unser Heim noch ganz genau vorstellen, Du! Mein liebes Herzelein! Und Deine Mutter hat ihr Verslein dazu geschrieben! Vom Andreas hab ich auch eine Karte bekommen. Du hast auch Anteil an seinem Dank. ’S [sic] geht doch alles von Vatern sein’m Geld! Du! So singt Dein Vater doch immer nichtwahr? Ich habe meine geheime Freude daran gehabt an Andreas’ Zeilen. Die Unterschrift: Dein Andreas. Das ‚Vetter‘ hat er erst noch hingeschrieben, — einer Eingebung folgend?! — ich sehe es an der Farbe der Tinte! Er hat halt auch schon Taktgefühl, der kleine Mann!
Und dann war Mittag: Karpfen blau, mit Rotkraut und Kartoffeln und Sellerikompott. Alles das, was mein Liebster nicht mag. Aber wir waren so froh, daß wir Karpfen bekamen, können wir unsre Fleischmarken sparen.
300 g kommende Woche! Ich muß noch ganz raffinier[t] vorgehen im Kochen, damit ich meinen Tischgästen auch noch imponieren kann!
Nach Tische wurde rasch fein aufgeräumt und wir bereiteten uns zu einem Gang in den Frühlingstag. Die Eltern und ich! Ohne Mannerli! Doch, es war mit, es konnte bloß niemand sehen, weils doch in meinem Herzen drin war!! Du!!!!!
Schön war unser Spaziergang! Die Frühlingblumen blühten in den Gärten, die Vögel sangen und auf den Wiesen zeigte sich schon ein zartes Grün. Nach dem Walde gingen wir dann auch noch, dem Hohen Hain. Da war es aber noch zu schattig und kühl. Heimzu sind wir im Kino eingekehrt. ‚Viel Lärm um Nixi‘. Ein Phantasiefilm, lustig, lebendig; etwas, was die Masse liebt. Ein wenig Wahrheit und Lebensernst stand hinter der verdrehten Handlung schon. Ein selbstsicheres, eigenwilliges, verwöhntes Mädel wird durch die Liebe zurechtgebogen. Einen tiefen Sinn hatte der Film nicht, war nur ein sprichwortlicher [sic] Unterhaltungsfilm. Noch der beste, der in unseren 3 Theatern lief. So ein Osterprogramm! Im Schauspielhaus gibt man ‚Faust‘. Weil man aber keinen Anschluß hat heimzufahren, muß das wegfallen. Im Radio hörte ich heute den ‚Osterspaziergang‘ von 11 – 12 [Uhr]; das war schön.
Und um 7 [Uhr] abends landeten wir wieder daheim. Es ist doch am schönsten zuhaus! Da finde ich [Di]ch am besten, Du! Schätzelein!! Nach dem Abendbrot setzten sich die Mutsch und ich hin, um zu schreiben. Der Vater ging nochmal zu Cafe [sic] Brumm ein Glas Bier trinken. Er ist aber schon wieder da. Nun ist es gleich 10 Uhr.
Und das war unser erster Feiertag.
Diesmal sind wir nicht fortgegangen, zu den Verwandten. Daheim ist’s schöner. Und wenn man ein Stück hinausgehen kann — nicht wie im strengen Winter, wenn man an’s Zimmer gebunden ist — da geht ja ein Tag so rasch vorbei. Und nun erfahre ich doch, daß die Griechen auch mit uns Ostern feiern! Und ich war auf die vorangegangene Osterzeit aus, die Du in Bulgarien erlebtest, 14 Tage später. Nun sind meine Festgrüße sicher zu spät gekommen. Herzelein! Feierst nun richtig heute mit uns Ostern. Da hast Du gewiß auch den Gottesdienst besucht heute früh, gelt? Ach Du! In unseren Gedanken, da sind wir doch immer und ewig vereint. Da könnte die Ferne auch noch so groß zwischen uns sein. Du! Oh Du!!! Wir können gar nie mehr voneinander lassen! Und das ist doch solch frohe und beglü[cke]nde Gewißheit, mein [Roland]! daß selbst heute der Schmerz, der doch aufflammen wollte, weil Du mir ferne sein mußt, nicht dieses Glück übertönen konnte. Zu tief ist es und zu groß! Es erfüllt mich so ganz! Und tröstet mich, schenkt mir Kraft und Zuversicht, Geduld, lieb und treu zu warten, bis es Gott gefällt, uns für immer zusammenzuführen. Ach Du! Daß es geschieht und bald geschieht, daran glaube ich doch ganz fest, mein Geliebter! Oh Du!!! Sei der Herrgott Dir gnädig in den künftigen Tagen, da sich manches entscheiden soll! Segne er Deinen Weg! Mein Allerliebstes! Mein Glück! Mein Leben! Ich drücke Dich voll inniger Liebe fest an mich! Ich küsse Dich lieb und herzinnig! Oh Du!n
Ich sehne mich nach Dir! Ich liebe Dich! Deine [Hilde].
Hilde Nordhoff
Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.
Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Stichworte zum Inhalt
Glocken werden abgenommen; Osterfest; Brauch: Osterwasser holen, dabei darf nicht gesprochen werden, das Osterwasser soll einem Schönheit schenken; Lektüre Stadelmann Buch; Film: „Viel Lärm um Nixi“; Fleischrationierung