Ostermontag, den 6. April 1942
Mein liebes, teures Herz! Herzallerliebste [Hilde] mein!
Heimgekehrt vom Osterspaziergang. Ich bin wieder allein, so wie ich mir es wünsche. Die Kameraden sind im Kino. So vieles möchte ich Dir heute erzählen. Und ich kann doch schon absehen, daß ich gar nicht mit allem fertig werde. 5 liebe Boten sind heute gekommen, bis zum Mittwochbrief einschl., dazu 4 Päckchen, neunmal Post, alle von meiner Liebsten — oh, muß die mich liebhaben, — Geliebte, Geliebte mein! Du meine [Hilde]! Mein liebes Weib! Mein Alles, mein Leben! Oh, daß ich Dir meinen Dank und meine Liebe nur schreiben kann — daß die böse Ferne sich zwischen uns stellt — es schmerzt in solchen Stunden, es schmerzt so sehr. Oh Du! Oh Du!!! Ich habe Dich sooooooooooooo lieb! Du! [Hilde], meine liebe [Hilde]!!!
Nun muß ich mich entscheiden, wovon ich zuerst sagen, und was ich zurückstellen will.
In der kommenden oder nächsten Woche werden wir umziehen. Das werden ein paar bewegte Tage. Ja, denke nur, ausziehen, aus unserem schönen Landhause am Meer, näher zum Hafen in ein Gebäude, das längst nicht so schön gelegen ist. Wie es innen beschaffen ist, weiß ich nicht. Es ist mir leid um unser schönes Quartier mit dem freien Blick nach drei Seiten, auch heimatwärts, es ist mir sehr leid, und uns allen. Aber es muß sein. Ich habe alle Überredungskunst aufgeboten — vergebens. Ich erzähle Dir ein andermal mehr davon.
Wie unser Ostermontag verlief,— möchtest Du wissen. Ganz einfach. Alle Spannung und Hoffnung richtete sich auf die Post, auf die Botschaften von daheim — und nicht vergebens. Und damit war der Tag ganz ausgefüllt, und ich fühlte eigentlich nur noch ein Bedürfnis, allein hinauszulaufen und alles zu bewegen, so wie ich es früher konnte. Aber dieser Neigung entgegen, steht die Pflicht der Kameradschaft. Nachdem es am Vormittag trübe und drohend aussah, klärte es mit einem frischen Wind am Nachmittag auf, und es lockte zu einem Gang ins Freie. Ich forderte die Kameraden dazu auf — Kamerad H. war nicht zu bewegen, weiß nicht warum — ob ihn etwas bedrückte? — Kamerad K. aber war dabei. Wir fuhren mit der Straßenbahn landwärts. Gingen dann auf der Straße, die mich an die Pleißaer erinnert, die ich am Totensonntag ging, entlang bis zur Landspitze ans Meer. Die Häuser hören dann auf. Vertrauter Dreiklang ist dann nur von Himmel, Land und Meer: Grüne Wiese, lehmige Steilküste, brandendes Meer. Und dann ein kleiner Fischereihafen mit Booten und Netzen, mit dem Teergeruch frischer Planken, und dann schmaler Sandstrand mit Tang und Muscheln. Oh Herzelein! Ich mußte mich so zusammennehmen, daß ich nicht ganz in mich versank mit den Gedanken zu Dir. Ich mußte mir immer Gewalt antun, dem Kameraden zu folgen — und doch war dieser Spaziergang so schön und (und) gut für den Körper.
Oh Geliebte! Wenn Du bei mir bist — dann will alles um mich her versinken, dann bist nur noch Du! Du!!!!! Dann kann ich alles vergessen.
Und nun zu Deinen lieben Boten.
Herzelein! Zunächst unsre Beförderung. Das Schreiben vom 6. September macht mich also zum außerplanmäßigen Lehrer. Das ist wohl eine Bezeichnung, die besoldungsrechtlich von Bedeutung ist, wie aus dem Schreiben hervorgeht. Ich bin nun also eingestuft. Ich saß bis dahin auf einer starren Sondergehaltsstufe für Aushilfslehrer, auf der ich nicht rücken konnte. Jetzt bin ich eingestuft wie jeder ständige Lehrer und mein Gehalt, unser Gehalt! (ja, ja, das Mannerli bekommt auch ausgezahlt, was das liebe Frauchen daheim verdient, es verdient so viel, ach mein liebes gutes Frauchen verdient alles und noch viel mehr — ich kann es ihm doch nur mit aller Herzensliebe danken!) Steigt aller 2 Jahre. Nun ist von Wichtigkeit der Zeitpunkt, von dem an er steigt. Er wird festgesetzt und ist bei mir festgesetzt auf 8.5.1929[.] Wie ich ersehe, sind da allerhand neue Bestimmungen maßgebend, da die Besoldung ja jetzt reichsrechtlich geregelt ist — und ohne die genaue Kenntnis dieser Bestimmungen kann ich nicht nachprüfen, ob man mich, uns, übervorteilt hat. Eine Berichtigung vornehmen zu lassen ist allemal noch Zeit, denke ich. Die neue Regelung muß sich nun schon praktisch ausgewirkt haben dahin, daß mein Gehalt seit Oktober gestiegen ist, und ich bitte Dich, daß einmal nachzuprüfen, auch das, ob die Nachzahlung von 186 ℛℳ richtig angewiesen ist.
Weißt, wenn ich daheim wäre, würde ich meinem Herzlieb ein ganz liebes Geschenk machen wollen davon — ach Du, besser kann ich doch mein Geld gar nicht anlegen als damit, Dir eine rechte Freude zu bereiten.
Das andere Schreiben ist vom 20. September, fußt schon auf dem vorangegangenen und ist wohl die unmittelbare Folge desselben. Damit sind wir also nach Königstein versetzt. Und das, vermute ich, in der guten Absicht, mich ständig zu machen. Denn alle Schreiberei jüngst um die Ahnen dreht sich um die Ernennung zum ständigen Lehrer. Die konnte kann aber nur erfolgen, wenn ich auf einer Stelle sitze, die zu einer ständigen erhoben werden kann, und eine solche ist die Königsteiner jedenfalls. Herzelein! Es ist also lauter Gutes, und Zukunftweisendes. Ach Du! Du!!! Ich freue mich darüber um Deinet-, um unseretwillen. Und so ist alle rechte Freude in mir nur noch um unseretwillen. Und ich würde mich noch mehr freuen, wenn diese Zukunft besser und gewisser vor uns staünde. Ach Herzelein! Nicht, daß ich zweifle. Mir ahnt nur, daß wir die Treue im Glauben noch einmal mit dieser Gewißheit bezahlen müssen. Aber das würdest Du und ich nicht allein tragen müssen — dann wäre ich bei Dir — und dann, dann — oh Geliebte! Du! Mein liebes Weib! Dann sind wir unüberwindlich, wenn Gott uns nur beisteht. Mit einem Dankschreiben an den Schulrat muß ich aber nun mal ernst machen.
Herzelein! Geliebte! Du weißt, wie ich Dich lieb beschenken möchte — ach Du! Wie mir all das zu gering und zu wenig dünkt, was ich Dir bringen kann, um mich Deiner recht wert zu erweisen. Wie ich Dir ein liebes Heim zumal bereiten, ermöglichen möchte und darin ein Leben, das nicht in dem Joche des härtesten Muß geht, ein Leben, das Raum lässt zum Atemholen, das die rechten Freuden einläßt, ein Leben, in dem wir unsre Eigenart nicht verzwingen müssen und ihr Gewalt antun. Und damit komme ich zu dem, was mir als Erwiderung auf all Deine lieben Gedanken am Wichtigsten erscheint. Ich wollte ein solches Leben Dir auch jetzt schon ermöglichen, sooo gerne! Ich kann nicht, wie ich es möchte und ich sehe ein, daß hier Umstände walten, gegen die wir nicht einfach sturmlaufen können — — Nein, wir können es nicht. Aber was an Möglichkeiten erreichbar erscheint, ich wollte sie Dir offenhalten, Herzelein, will vor allem die Möglichkeiten innigen Zusammenlebens uns offenhalten. Und das ist letztlich auch eine Frage der freien Zeit und freien Kraft. Ich mag nicht, daß Du bis in die Nächte sitzt, ich mag auch nicht, daß Du gerade die paar Lücken im Tagesplan und Ruhepausen Dir abstreichst — das zehrt letzten Endes an Nerven und Gemüt, an der Gesundheit. Herzelein! Dass wir diese Freiheit uns wahren, meine ich, ist unser besonderes Recht, ja, ist unsere Pflicht, die wir freilich selbst vertreten müssen, vor uns selbst rechtfertigen müssen wie so manches andre Recht und manche andre Pflicht auch. Es ist keine Gerechtigkeit, jedem dieselben Stunden Freizeit zuzumessen — der eine bedarf überhaupt keiner, und der andre kann ohne ein gewisses Maß von Freizeit nicht leben und schaffen. Und wir kommen nicht mit uns selbst zurecht, wenn wir uns selbst an solcher falschen Gerechtigkeit messen. Es ist ja geradezu das Merkmal gesellschaftlicher Stufung, daß von der untersten zur obersten Stufe die Zahl der „freien Stunden“ zunimmt und damit das Maß der persönlichen Freiheit und Selbstverantwortung. Frei sind diese Stunden ja nicht in dem Sinne, daß wir nach unsrer Laune, Willkür und Eigennutz darüber verfügen (diese schrankenlose Freizeit ist nur wenigen Schmarotzern vorbehalten), daß wir sie verschwendenauf,。 Wer hat mehr um die Rechtfertigung seiner Freizeit in diesem Sinne zu kämpfen als der Lehrer? Wer wird darum mehr verulkt und gehänselt? Ich habe meinen Anspruch auf diese Freizeit stets mit Gelassenheit vertreten, denn ich habe sie nicht missbraucht, ich habe sie genützt und sie ist dem Dienst an der Allgemeinheit wieder zugutegekommen. Ich habe den Anspruch auch stets nur für mich persönlich vertreten; denn es gibt eben Kollegen, die ihre Freizeit am Skattisch versitzen und damit diesen Anspruch zunichte machen. Herzelein! Wer wollte Dir den Vorwurf machen, daß Du faul bist? Wer kann Dir nachsagen, daß Du Deine Zeit vergeudest und Deine Freizeit missbrauchst?
Du verstehst, was ich sagen will. Du siehst selbst, daß Du Deine Freizeit mehr und mehr aufgibst, Dich mehr und mehr verausgabst, daß Dir immer weniger Zeit bleibt, je mehr Ämter Du annimmst. Du erkennst recht, daß die mancherlei Ämter Deine Leistung erschweren und für die Mitwelt doch weniger sichtbar machen.
Und Du verspürst trotzdem noch eine Empfindlichkeit, eine Unzufriedenheit mit Dir selbst. Herzlieb! Deshalb all diese Worte.
Gewiß, wir könnten die Zeit unsres Gedenkens verkürzen, unsre Boten verkürzen, sie seltener werden lassen — vielleicht müssen es wir einmal noch — aber freiwillig,— ach Du, Herzelein mein Herzlieb — niemals! — und das ist auch Deine Meinung und Losung. Du! Schätzelein! Ich will doch damit nicht etwa sagen, daß ich Grund zur Klage hätte — oh Du! Heute schon gar nicht — und niemals noch, niemals! Und ich weiß, wie Du immer lieb mein denkst, wie gerade die Haushaltarbeit Kraft freilässt zu solchem Gedenken mehr als meine Büroarbeit. Nein, Herzelein, ich sage das nur, um Dir vor Augen zu halten, wie sich diese verkürzte Freizeit auswirke[n] kann. Ach Du! Ich bleib Dir treu und muss Dich lieb behalten, auch wenn ich über lange Zeit keine Nachricht mehr von Dir erhielte. Und ich wüsste es, dass Du, geliebtes Herz, mir unverbrüchliche Treue hieltest, daß Du mich liebtest, liebtest — oh Du, Du!!! Herzelein! Wie schlägt sie mir so heiß und flammend entgegen aus all Deinen lieben Zeichen, die ich heute empfing! „Könntest Du einen einzigen Blick tun in mein Herz!“ so rufst Du mir leidenschaftlich zu, Geliebte. Oh Du! Es ist doch nicht so gemeint und betont, daß ich Dich so verkenne! Oh nein, ich verstehe Dich schon recht. Oh Geliebte! Du! Du!!!!!! Wei[l] ich Deine große Liebe ermesse, unser ganzes großes, reiches, kostbares Glück — darum bist Du mir doch wert über alles, so lieb und unersetzlich! Oh Herzelein! Du! Du!!! Ich verkenne Dich nicht! Oh Du! Ich weiß, was ich an Dir besitze — oh Du! Du! Du!!! Geliebte! Mein Herz! Mein Reichtum! Mein Leben, Du! Du!!!!! !!!!! !!! Mein liebes, einziges Weib!!! Alles bist Du mir! Alles! Alles!!! Ich habe Dich so lieb, so lieb!!!
Oh Du! Geliebte! Wenn Du jetzt bei mir wärst, müßtest Du sie hinwegküssen, Tränen der Liebe und des Glückes! Gott behüte Dich mir!
Ich bleibe ewig Dein [Roland]
Roland Nordhoff
Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Stichworte zum Inhalt
Beförderung zum „außerplanmäßigen Lehrer“, feste Stelle, Gehalt, Berufe